1. Die Woch

Winzersturm auf das Bernkasteler Finanzamt vor 95 Jahren

Geschichte : Eine Verzweiflungstat von Winzern an der Mittelmosel

Missernten, Inflation und ein sinkender Weinabsatz haben in den 1920er Jahren unzählige Moselwinzer in eine existenz­bedrohende Not­lage gebracht. Vor diesem Hintergrund eska­lierte am 25. Februar 1926 eine politische Pro­test­­versammlung ver­­zweifelter Moselaner, deren aufgestaute Wut sich in einem „Winzersturm“ entlud.

„Wer sich nicht wehrt, ist entehrt.“ Unter diesem Motto versammelten sich vor 95 Jahren mehr als 2000 notleidende Winzer in Bernkastel-Kues, um gegen die damalige Steuer- und Zollpolitik zu protestieren. Nach einem Steinwurf in ein Fenster des Finanzamts geriet die zunächst friedliche Kundgebung außer Kontrolle, und es kam zum legendären „Bernkasteler Winzersturm“.

Was war passiert? Zollbegünstigte Weinimporte aus Frankreich und Spanien überschwemmten um das Jahr 1924 den deutschen Markt, was den Handel mit Moselweinen extrem erschwerte. Zudem belastete eine hohe Weinsteuer die Kassen. Da die Moselwinzer ihren Wein nicht unter den Produktionskosten anbieten wollten, blieb dieser unverkäuflich in den Kellern liegen. Als zu Beginn des Jahres 1926 der deutsch-spanische Handelsvertrag verlängert wurde, brodelte die Stimmung im Moselland. Denn zuvor forderten die zum großen Teil verschuldeten Moselweinbauern bei mehreren Protestversammlungen vergeblich eine Senkung der Weinsteuer, eine Gewährung zinsloser Kredite sowie die Kündigung des spanischen Handelsabkommens.

Daher organisierte die damalige Zentrumspartei für den 25. Februar 1926 eine große Winzerversammlung im Jugendheim Bernkastel-Kues, wo sich Reichstagsabgeordnete des Wahl­bezirks Trier-Koblenz zur prekären Lage äußern wollten. Aushänge verbreiteten einen Aufruf zu einer Winzermobilmachung vor dem Bernkasteler Finanzamt, die eine Stunde vor der geplanten Zentrums-Versammlung beginnen sollte.

Die Bernkasteler Zeitung schilderte einst den chaotischen Verlauf der Protestveranstaltung: „(...) Gegen drei Uhr nachmittags, kamen etwa 1200 Winzer zu Fuß in geschlossenem Zuge aus den Ortschaften Graach, Zeltingen, Erden, Lösnich, Uerzig usw. Ein Sonderdampfer und die Züge brachten weitere Massen bis aus Kinheim und Cröv. Am Gestade vereinigten sie sich zu einem großen Zuge. Zahlreiche Schilder wurden mitgeführt, die die Winzernot kundgaben und die bekannten Forderungen zum Ausdruck brachten. (...) Der Zug setzte sich nun in Bewegung und marschierte über das Gestade zum Finanzamt. Während ein Teil umkehrte und in die Altstadt zog, umringte der andere das Finanzamtsgebäude. (...) Auf einmal flog ein Stein aus dem gegenüberliegenden Garten in die Fenster. Das war wie ein Zeichen zum Sturm.“

Unaufhaltsam drangen zahlreiche wütende Protestler in das Amt ein und demolierten die gesamte Einrichtung. Mobiliar, Bücher und Akten flogen aus den Fenstern und wurden angezündet. Ähnliche Vorfälle spielten sich bei der Finanzkasse in der Burgstraße sowie im Zollamt in Kues ab, wo erregte Demonstranten ebenfalls Papiere zerstreuten und vernichteten. Zwar verlief die geplante Zentrums-Versammlung im Jugendheim ohne größere Ausschreitungen, doch der Winzersturm sorgte tagelang für Schlagzeilen in der gesamten deutschen Presse.

Am folgenden Tag wurden in Graach, Erden und Lösnich mehrere Demonstranten verhaftet und nach einem weiteren Protestzug wieder freigelassen. 29 Winzer mussten sich wegen Landfriedensbruchs vor einem Gericht in Trier verantworten. Es sprach nach vier Verhandlungstagen zwölf Angeklagte frei. Die Übrigen wurden zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt, aber bereits wenige Monate später begnadigt. Obwohl nach dem Winzersturm die Weinsteuer bald abgeschafft wurde, litten viele Moselwinzer noch jahrelang unter den ungelösten politischen und wirtschaftlichen Problemen der Weimarer Republik. Die seinerzeit aufkommenden Nationalsozialisten nutzten dies für Pro­paganda aus.