Unsere Vereine: „Rückenwind“ für Angehörige von Inhaftierten

Unsere Vereine : „Rückenwind“ für Angehörige von Inhaftierten

Die Justizvollzugsanstalten in Wittlich sind imposante Gebäude, die Unbehagen auslösen können –  besonders, wenn man einen der 850 Häftlinge dort besucht. Oft geht es ganz schnell, dass ein Verdächtiger zu Hause abgeholt wird.

Keiner der Angehörigen weiß, was nun folgt. Schon an dieser Stelle kann Rückenwind helfen, und den Angehörigen erklären, was jetzt weiter passiert und wohin sie sich für weitergehende Hilfe wenden können. Projektleiter Hans- Peter Pesch erklärt: „Oft sind die Angehörigen geschockt und wissen nicht, wo ihr Verwandter ist, ob sie den Kindern sagen sollen, dass der Vater im Gefängnis ist, oder was sie tun können.“

Initiiert wurde Rückenwind 2009 von Rolf Richartz, dem Vorsitzenden des Sozialdienstes katholischer Männer und Frauen Wittlich. Auf seinen Wunsch hin hat Hans-Peter Pesch damals an einem Workshop in Straßburg teilgenommen. Dort wurden Praxisbeiträge und Erfahrungsberichte aus Frankreich vorgetragen, wo es seit mehr als 20 Jahren eine Angehörigenbetreuung gibt. Anschließend leitete Rolf Richartz die ersten Schritte für Rückenwind in Wittlich ein. Am 1. Oktober 2010 war es dann so weit: Rückenwind konnte mit einer – damals noch ganzen – hauptamtlichen Stelle und Ehrenamtlichen starten.

Inzwischen hat Rückenwind elf ehrenamtliche Mitarbeiter und eine halbe hauptamtliche Stelle. Pro Monat kommt es zu etwa 80 Kontakten zu Angehörigen von in Wittlich inhaftierten Personen. Das können sowohl persönliche als auch telefonische sein. Hans-Peter Pesch sagt: „Wir sind Teil des mittelbaren Resozialisierungsprozesses.“ Wichtig für den Erfolg ist die räumliche Nähe zur Justizvollzugsanstalt, damit die Familien, die auch aus dem Raum Koblenz oder dem Hunsrück kommen, kurze Wege zu Rückenwind haben.

Der Erstkontakt

Schwierig ist der Erstkontakt zu den Angehörigen, da sie oft nicht am selben Ort wohnen, in dem die JVA ist; Flyer helfen kaum bei der Kontaktaufnahme. Deshalb bauen die Mitglieder von Rückenwind an Besuchersamstagen vor der Haftanstalt ihren Pavillon auf, bieten den Besuchern Getränke und Süßigkeiten an und führen Gespräche. „Mit dieser Maßnahme vor dem Gefängnis und durch Vorträge, die unsere hauptamtliche Mitarbeiterin bei den Zugangsgruppen hält, kommen wir an die Angehörigen heran“, erklärt der Projektleiter. Eng arbeitet Rückenwind mit dem Sozialdienst der Justizvollzugsanstalt und mit der katholischen Gefängnisseelsorge zusammen. Finanziert wird Rückenwind zum Teil vom Bistum, von der Stiftung des SKM und durch Spenden. Firmlinge machen beispielsweise Aktionen, bei denen sie Geld für Rückenwind sammeln.

Neben der Beratung der Frauen, die meist die Hauptlast bei den Besuchen im Gefängnis tragen, kümmern sie sich auch um die Kinder. Es gibt Kaffee und Gespräche für die Erwachsenen und für die Kinder Spiele und Malsachen. Zudem stellt Rückenwind einen Raum zur Verfügung, den beispielsweise der Gefängnispfarrer nutzt, wenn er ein Gespräch außerhalb der Anstalt führen will, oder Väter, die kurz vor Haftende mit ihrer Familie Freigang haben, um mit den Kindern zu spielen und sich als Familie wieder anzunähern. Hans- Peter Pesch: „Unser Angebot ist sehr niedrigschwellig: ein Kaffee, eine Toilette, ein Raum und Gespräche. Letztere sind besonders wichtig, denn oft werden Angehörige und Kinder ausgegrenzt, wenn bekannt wird, dass der Vater oder Sohn im Gefängnis ist, und es kommen Schamgefühle dazu. Finanzielle Hilfen geben wir keine.“

Zielgruppe Frauen und Kinder

Für die Kinder, die eine wichtige Zielgruppe bei Rückenwind sind, werden regelmäßig Ausflüge angeboten, einmal ist sogar eine Abenteuerferienfreizeit zustande gekommen. „Nach drei, vier Tagen merkte man, dass ihre Unbeschwertheit wieder zum Vorschein kam.“ Jetzt sind es Tagesausflüge in Freizeitparks oder Kinobesuche, die organisiert werden. „In den Familien, in denen ein Mitglied im Gefängnis ist, gibt es oft ganz andere Probleme, als die Ferienbeschäftigung der Kinder. Oft muss der Vater es erlauben, sonst dürfen die Kinder nicht mit. Das macht es für uns nicht einfach, zu helfen.“

Eine Broschüre „Besuch bei Papa“, die mit Häftlingen erarbeitet und in der Haftanstalt Diez gedruckt wurde, erklärt kindgerecht, was im Gefängnis passiert, und beantwortet Fragen, die sich Kinder vielleicht nicht trauen zu stellen.

Vertrauen und ein

besonderes Erlebnis

Weiter erklärt Hans-Peter Pesch: „Wichtig ist, Vertrauen aufzubauen und den Angehörigen zu vermitteln, dass sie bei uns sprechen können, ohne dass es Einfluss auf den Haftverlauf hat.“ Einige Angehörige kommen auch nach Haft­ende noch, um sich bei Rückenwind auszusprechen und Rat zu suchen. Ein intensives Erlebnis hatte Hans-Peter Pesch mit einer 90-jährigen Dame, die ihren 60-jährigen Sohn besuchen wollte. „Die Dame kam aus Cochem, war gebrechlich, und da habe ich sie mit dem Auto abgeholt, damit sie ihren Sohn sehen konnte. Das ging schon ans Herz.“

Für die Zukunft hat sich das Team von Rückenwind vorgenommen, das Modell zu exportieren.

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