1. Die Woch

Ostern: Zu Besuch auf „Planet Schaf“

Ostern : Zu Besuch auf „Planet Schaf“

Wenn es blökt rund um Wallendorf in der Eifel, dann sind 600 Schafe unterwegs von einem Weideplatz zum nächsten – und mit ihnen Schäfer Günther Czerkus. Der 69-Jährige sieht sich dabei in der Rolle des Leitschafs.

„Ein Schäfer muss den Tieren vermitteln, dass er das Beste für sie will“, sagt er über seine Arbeit. Das sei nicht anders als bei den Menschen: „Mit einem guten Chef macht die Arbeit Spaß.“ Statt Anweisungen reicht da oft ein guter Tipp. Ein gutes Zeichen sei es beispielsweise, wenn die Herde freiwillig auf den Schäfer zukommt und nicht erst mit dem Hund zusammengetrieben werden muss.

Jeden Mörgen schaut Günther Czerkus nach seinen Tieren, zurzeit etwa 350 erwachsene Schafe und 250 Lämmer; vormittags lässt er sie weitgehend in Ruhe. Das habe sich nach seiner Erfahrung bewährt. Seitdem würden kaum noch Lämmer nachts geboren, meist erst am frühen Morgen.

Schafe sind echte Multitalente: Sie liefern Milch, Wolle und Fleisch – und sie pflegen die Landschaft. Allerdings ist nicht jede Rasse für jeden Zweck geeignet. Milch spielt bei Günther Czerkus keine Rolle; daher müssen die Mutterschafe auch nicht gemolken werden. Früher hat Czerkus seine Produkte noch selbst vermarktet. 1989 war er beim ersten Trierer Bauernmarkt, um Lammburger, Gyros und Salami anzubieten. „Mit Müh’ und Not“ habe man damals gerade einmal zwölf Stände zusammenbekommen, aber dann sei der Markt „eingeschlagen wie eine Bombe“. Mittlerweile ist Czerkus aus der Direktvermarktung ausgestiegen. Nicht nur beim Bauernmarkt gibt es immer strengere behördliche Auflagen. Die Zertifizierung eines Schlachtbetriebs nach europäischen Vorgaben mache die Selbstvermarktung unwirtschaftlich. Die Kosten könne ein Schäfer „in einem Arbeitsleben nicht wieder hereinholen“. Daher werden die Tiere lebend verkauft, zum Beispiel an die Viehzentrale Südwest am Standort in Ingendorf.

Dass Günther Czerkus einmal Schäfer werden würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Aufgewachsen ist er in Köln, er arbeitete im grafischen Gewerbe, dann zog es ihn aufs Land. 1980 gab er seinen Job in der Machinensetzerei auf, kaufte einen alten Bahnhof in Arzfeld und lebte mit seiner Frau als Selbstversorger. Er erwarb Kaninchen, Ziegen, Schweine – und auch drei Schafe. Gelernt habe er viel von der Dorfjugend. „Und das Hüten hat mir später der Hund beigebracht“, sagt er. Das war eine Gelbbacke, ein Altdeutscher Hütehund. Der Deutsche Schäferhund dagegen wird – anders, als sein Name vermuten lässt, kaum noch in der Schäferei eingesetzt.

1986 machte Czerkus eine Umschulung zum Tierwirt. Seine Kaninchen muste er nach einer Seuche aufgeben, sein Nachbar baute die Schweinezucht aus, er selbst behielt die Schafe, inzwischen natürlich längst mehr als drei. Er bekam im Naturschutzgebiet Ginsterheide im Irsental den ersten bezahlten Landschaftspflegeauftrag in Rheinalnd-Pfalz, später in der Schönecker Schweiz, dann in Wallendof, wohin er mit seiner Herde schließlich umzog. Dort führte die Obere Landespflege die erste ökologische Flurbereinigung durch, die Schafe sollten 17 Hektar Orchideenrasen bewirtschaften. „Den Schutz von Boden, Wasser und Artenvielfalt machen wir nebenbei“, sagt Günther Czerkus. „Unser Grünland filtert das Nitrat raus, verhindert Erosion.“ Seine Schafe seien bei ihren Wanderungen zudem „Biodiversitäts-Taxis“, die zur Verbreitung von Pflanzen über zerstückelte Flächen hinweg beitragen.

Rund 1000 Berufsschäfer gibt es aktuell in Deutschland. Seinen Beruf sieht Günther Czerkus, der auch Vorsitzender des Bundesverbands Berufsschäfer ist, „an einem Scheidepunkt“. Er fordert „in Anerkennung unserer Leistungen ein Grundeinkommen als agrar-ökologischer Dienstleister“ und glaubt: „Wenn der aktive Ressourcenschutz durch Landwirtschaft anerkannt wird, dann hat er eine rosige Zukunft – wenn nicht, dann wird es in ein paar Jahren keine Berufsschäfer mehrgeben.

Für Günther Czerkus selbst stellt sich eine ganz andere Frage: „Ich möchte mit 70 Jahren nicht mehr an 365 Tagen im Jahr Verantwortung für eine Herde tragen müssen.“ Also sucht er jemanden, der seine Herde übernehmen oder in den Betrieb einsteigen möchte – in welcher Variante auch immer. Über die Alternative, die Schafe wegzugeben, sagt er: „Das wäre das Unsinnigste überhaupt.“

Günther Czerkus hält seit 40 Jahren Schafe. Foto: Günther Czerkus/privat

Vorerst macht Günther Czerkus seine Tätigkeit jedoch noch viel Spaß. Seinen Entschluss Schäfer zu werden hat er nie bereut. Freie Wochenenden oder Urlaub vermisst er nicht. „Ich habe jeden Tag Urlaub bei meinen Schafen“, sagt er. Die Verbandsarbeit sei für ihn der anstrengende Teil seines Berufes. Wenn er danach wieder zu seiner Herde kommt, „dann bin ich in zehn Minuten auf einem anderen Planeten – du atmest den ,Planet Schaf‘.“ Und über sein Leben sagt er. „Ich brauche keine tollen Klamotten, nur gutes Essen und eine Flasche Wein.“ Aber ob es zu Ostern nun Lammbraten gibt oder nur ein Spiegelei – auch das sei ihm eigentlich egal.