1. Die Woch

Weihnachtsgebäck: „Zwey lange weyssene Brothe, die man Stollen nennet“

Weihnachtsgebäck : „Zwey lange weyssene Brothe, die man Stollen nennet“

(red) Mit dem Vorabend des ersten Adventssonntags beginnt am kommenden Wochenende das neue Kirchenjahr. Auch wenn die Zeit vor Weihnachten diesmal angesichts abgesagter Weihnachtsmärkte und Adventskonzerte anders verlaufen wird als in den vergangenen Jahren – auf jeden Fall dazu gehören adventliche Leckereien auf der adventlichen Kaffeetafel.

Viele Regionen haben ihre eigenen Spezialitäten, die zwar inzwischen bundesweit bekannt sind, deren geografische Herkunftsangabe aber gesetzlich geschützt ist: Aachener Printen, Nürnberger Lebkuchen, Dresdner Christstollen sind die bekanntesten, Salzwedeler Baumkuchen und Pulsnitz Pfefferkuchen weitere Beispiele.

Und man ist stolz auf die jeweiligen Produkte: Die Bäcker aus dem sächsischen Pulsnitz setzten sogar durch, dass der mit der Wiedervereinigung gestrichene Beruf des Pfefferküchlers seit 1998 wieder ein anerkannter Ausbildungsberuf ist.

Die Aachener Printe verdankt ihre Entstehung einem Handelskrieg: Der gegen das britische Empire gerichteten Kontinentalsperre Napoleons von 1806 bis 1814, infolge derer keine Zuckerlieferungen mehr aus britischen Kolonien aufs europäische Festland gelangten. Honig und raffinierter, weißer Rübenzucker dagegen waren auch in Aachen knapp und teuer. Also experimientierten die Bäcker mit Farinzucker und Rübensirup. Als sie endlich um 1820 ein schmackhaftes Gebäck erfunden hatten, war die Kontinentalsperre zwar längst wieder aufgehoben – dem Siegeszug der Aachener Printe tat dies allerdings keinen Abbruch.

Auch den „Baumukuhen“ (nein, dies ist kein Schreibfehler) zog es hinaus in die weite Welt, er gehört heute in Japan unter seinem deutschen Namen zu den beliebtesten Gebäcken. Wieder war ein Krieg im Spiel: Der Bäcker Karl Juchheim, nicht aus Salzwedel, sondern aus Kaub am Rhein, ausgewandert in die deutsche Kolonie Kiautschou (heute China) geriet 1916 in japanische Kriegsgefangenschaft. Noch im Lager stellte er Baumkuchen her und durfte ihn auf einer Ausstellung präsentieren. Nach dem Krieg gründete er eine Konditorei in Yokohama. Das Unternehmen besteht bis heute.

Die erste Erwähnung eines (Christ-)Stollens stammt nicht aus Dresden sondern aus Naumburg (Saale). 1329 wurde im sogenannten Bäckerprivileg  festgehalten, dass die örtlichen Bäcker dem Bischof „an des heiligen Cristus Abende zwey lange weyssene Brothe, die man Stollen nennet“ zu liefern hatten, wie es in einer späteren Übersetzung heißt. Das lateinische Original ist verschollen. Das ist zwar der früheste bekannte Beleg für das Wort „Stollen“, Weihnachten passt auch – doch ging es um zwei lange Weißbrote, also eher Baguette als Christstollen. Der Museumsverein Naumburg, der sachliche Korrektheit über Lokalpatriotismus stellt, bezeichnet die Behauptung, es gebe ein Originalrezept des Naumburger Stollens von 1329 als „untotes Hirngespinst“, das „durch die Presse-, Radio- und Fernsehbeiträge geistern mag“. Das hält einen Naumburger Bäcker aber nicht davon ab, einen Naumburger Kirschstollen zu vermarkten. Er ersetzt dafür ausgerechnet die einzige sicher überlieferte Zutat, den edlen Weizen, durch den damals weit weniger geschätzten Dinkel. Der Bischof wäre „not amused“ gewesen. Und die Kirschen? Die gehen auf die Chronik des Mönchs Benedict Taube zurück, in der berichtet wird, dass der hussitische Feldherr Prokop den Naumburger Kindern Kirschen geschenkt haben soll, als er die Belagerung der Stadt aufhob. Allerdings haben die Hussiten nachweislich Naumburg nie belagert – selbst die Chronik und ihr Verfasser sind nur eine Erfindung des Geschichtsfälschers Johann Georg Rauhe. Die Naumburger feiern trotzdem bis heute ihr Hussiten-Kirschfest – und der Stollen schmeckt ja schließlich trotzdem. Ersetzen Sie also beim nächsten Mal einfach Weizen durch Dinkel und Rosinen durch getrocknete Süßkirschen und lassen es sich schmecken.