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„Die Zuschauer sollen neugierig sein“

„Die Zuschauer sollen neugierig sein“

Am 19.11. stattet er als Hassprediger Hassias der Arena Trier einen Besuch ab und präsentiert sein aktuelles Programm „H2 Universe – Die Machtergreifung“: Die Rede ist von Serdar Somuncu. Wir sprachen mit ihm über die Kunst der Provokation und Besinnlichkeit.

Du wurdest am Konservatorium für Musik in Maastricht und an der Staatlichen Hochschule für Musik in Wuppertal ausgebildet. Wie bist du zur Comedy gekommen?
Serdar Somuncu: Wie die Jungfrau zum Kind, da ich das so nicht beabsichtigt hatte. Ich bin ja durch meine szenische Lesung von "Mein Kampf" ein bisschen in die Kabarettszene reingerutscht. Was ich damals auf der Bühne gemacht habe, hatte zwar kabarettistische Elemente, aber ich war nie Kabarettist oder wollte das auch nie sein. Als ich 2004 den Kabarettpreis Prix Pantheon gewonnen habe, war für alle klar, dass ich Kabarettist bin. Nach dem großen Comedy-Boom Anfang der 2000er verschwand die Schnittmenge zwischen Kabarett und Comedy immer mehr. So hat sich ergeben, dass die Leute dachten, ich sei Comedian - wobei ich das immer vehement von mir gewiesen habe. Ich bin Schauspieler und betrachte mich als jemanden, der mit Sprache arbeitet.

Neben der Schauspielerei führst du Regie, schreibst Bücher, machst Musik. Was war das verrückteste Künstlerische, das du je getan hast?
Serdar Somuncu: Da gibt's Diverses. Angefangen vom Handzettel verteilen in der Innenstadt bis zur Synchronisation von Pornofilmen habe ich alles gemacht. Das ist heute okay, weil ich weiß, dass das ein Weg ist, den man geht. Auf diesem gibt's Stationen, aber in dem Moment, wo man's macht, kommt man sich manchmal elend vor.

Hast du noch einen Traum, den du realisieren möchtest?
Serdar Somuncu: Ein Ideal, von dem ich träume, gibt's nicht. Aber es gibt Ziele, die ich erreichen will. Im Augenblick arbeiten wir an einem Kinofilm und ich freue mich darauf, diesen fertigzustellen und zu sehen. Das ist aber nicht die Endstation. Danach kommt was Neues.

Am 19.11. trittst du in Trier auf. Was bringst du mit Trier in Verbindung?
Serdar Somuncu: Beim letzten Mal hatte ich eine unangenehme Erfahrung. Nicht wegen Trier, ganz im Gegenteil: Die Menschen waren sehr angenehm. Es war während der Tour der szenischen Lesung zu "Mein Kampf": Es gab eine Bombendrohung. Ich musste damals in der Uni vor einer Glasfront sitzen, aus meinem Buch vorlesen und wir wussten nicht, was an diesem Abend passiert. Die Zuschauer, denen ich das mit der Bombendrohung im Vorfeld gesagt hatte, blieben dennoch alle da. Das ist wiederum eine sehr schöne Erinnerung.

Dein Programm heißt "H2 Universe - die Machtergreifung". Wem dürfte man niemals die Macht überlassen?
Serdar Somuncu: Ich würde versuchen, zu vermeiden, dass Dumme an der Macht sind, aber ich glaube, das ist schon passiert. Deswegen gehe ich von einem Ideal aus, das wir vielleicht in der Zukunft erreichen werden. Man sieht ja beispielsweise in Amerika, wie gefährlich sich der Wahlkampf entwickelt und ich wundere mich darüber, dass immer noch so viele Menschen nicht erkennen, was Donald Trump eigentlich vorhat.

Auf was dürfen sich die Zuschauer bei deinem Auftritt freuen?
Serdar Somuncu: Die Zuschauer sollen sich auf gar nichts freuen. Sie sollen neugierig sein. Ich bin jemand, der auf der Bühne sehr spontan ist. Ich werde versuchen, auch ein bisschen die lokalen Befindlichkeiten einzubauen. Es wird mit Sicherheit viel zu lachen geben, aber auch viel zum Nachdenken.

Du bist dafür bekannt, dass du bei deinen Auftritten gerne mal provozierst. Wie provokant ist die Privatperson Serdar Somuncu?
Serdar Somuncu: Das weiß ich nicht, aber jede Rolle ist ja auch immer ein Teil von mir. Sicher gibt's in mir Anteile, die gerne provozieren, ironisch oder zynisch sind. Provokation ist ein Stilmittel, das sehr wichtig ist, wenn man auf der Bühne steht und jemanden erreichen will.

Nun kommt bald wieder die besinnliche Zeit. Wie besinnlich bist du?
Serdar Somuncu: Ich bin gar nicht besinnlich. Diesen Selbstbetrug, den man immer wieder aufs Neue eingeht, kann ich nicht nachvollziehen. Ab November zu denken: Demnächst ist es soweit, wir müssen alle nett zueinander sein. Dann hauen wir uns die Hucke mit Glühwein voll und einen Tag später ist es vorbei. Das geht mir zu schnell und ist für mich immer noch eine fremde Kultur. Da sehe ich die Deutschen als Eingeborene und mich als Erforscher der deutschen Seele.