Doktorprüfung mit eigenem Rechtsanwalt

Doktorprüfung mit eigenem Rechtsanwalt

Mehr als zehn Jahre nach der Abgabe muss sich der liberale Politiker Jorgo Chatzimarkakis heute an der Uni Bonn für seine Doktorarbeit rechtfertigen – weil Plagiatsfahnder ihn als Abschreiber beschuldigen.

Jorgo Chatzimarkakis (45), Europaabgeordneter (FDP), der die Großregion im EU-Parlament vertritt, hat mit Rechtsanwälten seine ffür heute angesetzten Auftritt an der Uni Bonn geübt. Dort geht es geht um seine Doktorarbeit. 85 Seiten Argumentationshilfe nimmt er mit; die Anhörung vor einer Arbeitsgruppe der Uni, an der im Jahr 2000 promoviert wurde, hat er zuvor simuliert. "Das ist schließlich wie ein Verfahren vor Gericht", sagt Chatzimarkakis. Und: Die Uni sei sehr fair mit ihm umgegangen, seit er Mitte Mai selbst um die Überprüfung gebeten hat.

Da war die Jagd auf den Doktor aus der FDP schon im Gang. Zunächst hatten Plagiatsjäger im Internet Karl-Theodor zu Guttenbergs (CSU) Doktorarbeit beanstandet, der trat als Verteidigungsminister zurück. Dann geriet Silvana Koch-Mehrin (FDP) ins Visier der Fahnder, sie verlor nach wochenlanger Debatte ihren Doktortitel (siehe Extra). "Ich bin sehr dankbar, dass das Überprüfungsverfahren bei mir sehr schnell geht", sagt Jorgo Chatzimarkakis. Am 29. Juni will der Rat der der Philosophischen Fakultät in Bonn entscheiden, ob er sich korrekt verhalten hat.

"Die Dissertationsschrift von Jorgo Chatzimarkakis erfüllt in keiner Hinsicht die Anforderungen, die an eine eigenständige wissenschaftliche Arbeit zu stellen sind", sagt der Entdecker von Chatzimarkakis' mutmaßlichem Plagiatswerk. Er nennt sich KayH und veröffentlicht seine Erkenntnisse nur unter diesem Pseudonym bei VroniPlag. Das ist eine Online-Plattform, auf der Textstellen von Doktorarbeiten dokumentiert werden. Eine Grafik zeigt dort an, dass Chatzi, wie der Liberale sich manchmal selbst nennt, knapp 72 Prozent des Textes abgekupfert haben soll. Daher vergleicht KayH die Arbeit mit Guttenbergs Dissertation, er nennt beide eine "durchgängige Collage fremder Texte".
Der saarländische FDP-Politiker, der sich für seine Promotion mit globalen Märkten im Internetzeitalter befasst hat und dabei auf die Kopierbarkeit geistigen Eigentums eingeht, bestreitet den Vorwurf. Er rechnet vor, dass seine Dissertation 45 Prozent fremdes Gedankengut enthalte: 44 Prozent seien aber korrekt belegt, nur ein Prozent nicht.

Es reiche nicht, wortwörtlich abzuschreiben und in einer Fußnote auf die Quelle zu verweisen, erklärt Debora Weber-Wulff, Professorin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Sie gibt Kurse für Hochschullehrer, damit diese Abschreiber im Studium entlarven. Weber-Wulff unterstellt dem FDP-Mann, andere Autoren in Fußnoten nur der Form halber zu nennen. "Ich verstehe nicht, wieso er meint, dass so was Wissenschaft ist", sagt Weber-Wulff. Plagiatsfahnder sprechen dann von Bauernopfer-Referenzen und meinen damit, dass für den Leser der wissenschaftlichen Arbeit nicht erkennbar sei, welche Passagen wörtlich oder sinngemäß aus Arbeiten anderer Autoren stammen, wie KayH erläutert. Er sagt: Chatzimarkakis trägt seinen Doktortitel zu Unrecht.

Der Liberale wehrt sich. Die anonymen Plagiatsfahnder erinnerten ihn, so Chatzi, an die Tyrannis, "ganz im altgriechischen Sinn: Hier werden Politiker bestimmter Couleur willkürlich gejagt." KayH bestreitet das. Er sei auf den Deutsch-Griechen aufmerksam geworden, weil der sich zur Griechenland-Krise geäußert habe. Dessen Lebenslauf sei auffällig: "Politische und unternehmerische Tätigkeit parallel zur Promotion an der Uni Bonn". Deren Vertreter wollen heute hören, wie Chatzimarkakis die im Internet kritisierten Textstellen erklärt. Einen seiner Anwälte darf Saarländer darf mitbringen. oht