Dramatischer Polizeieinsatz: Zittern um Tanja

Dramatischer Polizeieinsatz: Zittern um Tanja

Massives Polizeiaufgebot im Trierer Stadtteil Pallien, Aufmarsch von 100 Beamten in schusssicheren Westen, abgesperrte Straßen und eine Durchsuchungsaktion in Dutzenden Häusern: Die Ermittlungen im Fall der verschwundenen Korlinger Studentin Tanja Gräff nahmen gestern Abend eine dramatische Entwicklung – ohne zu einem Erfolg zu werden.

 Nicht aufgeben: Auch am Mittwoch plakatierten Freunde und Kommilitonen der vermissten Tanja Gräff Suchaufrufe im ganzen Stadtgebiet. TV-Foto: Christiane Wolff
Nicht aufgeben: Auch am Mittwoch plakatierten Freunde und Kommilitonen der vermissten Tanja Gräff Suchaufrufe im ganzen Stadtgebiet. TV-Foto: Christiane Wolff

Trier. Mittwochabend, um 19.15 Uhr im Trierer Stadtteil Pallien. Abgesperrte Straßenzüge, bewaffnete Polizeibeamte in schusssicheren Westen klingeln an Haustüren. Nichts dringt zunächst nach draußen – nur so viel: Es handelt sich um eine Durchsuchungsaktion im Zusammenhang mit den Ermittlungen im Fall der vermissten Korlinger Studentin Tanja Gräff. Ein Anwohner in der Bonner Straße berichtet wenig später, die Beamten hätten ihm gesagt, am Nachmittag seien Hilferufe gehört worden – deshalb die Polizeiaktion. Heinz Krämer, Anwohner, berichtet, ein Dachdecker und ein Zimmermann hätten Schreie aus Richtung der Sandsteinfelsen gehört. Sie hätten auch die Polizei alarmiert. Die Schreie, so berichten andere Anwohner, hätten „nicht normal geklungen“. Grund genug für die Polizei, einen Großeinsatz zu beschließen – mit der richterlichen Genehmigung für die Durchsuchung praktisch eines ganzen Stadtteils.

Polizei bricht 20 Türen auf

Gegen 21 Uhr: Wo Türen nicht geöffnet werden, brechen Beamte sie mit Hilfe von Schlüsseldiensten auf. Auch die Wohnung von Shawn Becker wird durchsucht. „Ich finde das gut“, sagt Becker. Andere Anwohner sind weniger begeistert. Barbara Longen ist völlig überrascht, als sie gegen 21.30 Uhr nach Hause kommt und ihre Tür aufgebrochen worden ist. „Ich finde das nicht so toll“, sagt die allein stehende Frau. „Ich habe eine Rufumleitung. Hätte die Polizei sich gemeldet, wäre ich in fünf Minuten da gewesen.“ Ein Schlüsseldienst setzt ihr gleich nach dem Einsatz einen Ersatz für das zuvor aufgebrochene Schloss in der Tür ein. „Ich habe 14 Türen aufgemacht“, sagt Franz Zamberger von der Firma Klinke, „in dem Ausmaß habe ich das auch noch nicht erlebt.“ Insgesamt werden es an diesem Abend 20 Türen, die die Polizei gewaltsam aufbricht. Dutzende Wohnungen werden gründlich durchsucht, wie die Betroffenen berichten. Die meisten Menschen sind hilfsbereit, fiebern und bangen wie die ganze Region mit bei der Suche nach der 21-jährigen Studentin. „Ich finde es toll, dass die Anwohner die Polizei so gut unterstützen“, sagt Ortsvorsteher Klaus Blum. Das bestätigt auch Polizeisprecherin Monika Peters: „Die Leute waren überaus kooperativ.“

Die Anteilnahme lässt nicht nach

Den ganzen Tag über hatte es keine neuen Spuren von der vermissten jungen Frau gegeben. Die Anteilnahme am Schicksal der 21-Jährigen aber lässt nicht nach. So war es nur eine Art Strohhalm, an den sich die Trierer Ermittler um ihren Soko-Leiter Bernd Michels geklammert hatten: Ein Kleingärtner, dessen Garten in der Nähe des Wildgeheges und damit unweit der Fachhochschule liegt, hatte den Beamten von einem „merkwürdigen Gespräch“ berichtet, das er am frühen Donnerstagmorgen zufällig belauscht hatte – dem Tag des Verschwindens von Tanja Gräff. Zwei junge Männer hatten sich unterhalten, „mitgehangen, mitgefangen“ soll der eine dem anderen gesagt haben, und: „Mach dir keine Gedanken.“

Sollte dieser Vorfall womöglich etwas mit dem Verschwinden der Trierer Studentin Tanja Gräff zu tun haben? Der Hoffnungsfunke glühte nur wenige Stunden. Am Mittwoch meldete sich ein junger Mann bei der Polizei. Er gab zu, gemeinsam mit einem Freund auf dem Sommerfest der Fachhochschule eine Kiste Bier gestohlen zu haben, die das Duo anschließend in der Kleingartenanlage „verputzte“. Dabei hätten die beiden auch das „merkwürdige Gespräch“ geführt, berichtet die Polizei. Ein weitere Spur, die zu nichts führt, ebenso wie die Suchaktionen am Tag rund um die Fachhochschule, wo die 21-jährige Studentin aus Korlingen (Kreis Trier-Saarburg) vor einer Woche zum letzten Mal lebend gesehen worden war.

Ungeachtet dessen sind sich Polizei und andere Hilfskräfte einig: Wir suchen weiter. In ihrem Engagement nicht müde werden auch die Freunde, Bekannten und Kommilitonen der vermissten jungen Frau. Auch in den nächsten Tagen wolle die Gruppe gezielt Leute ansprechen und nach Beobachtungen fragen, sagt Christian Jäger. „Großen Respekt vor dem Engagement der Studierenden“ äußert gestern Nachmittag auch Universitätspräsident Peter Schwenkmezger, an dessen Hochschule Tanja studiert. „Ich bin tief bewegt“, sagt Schwenkmezger. Besonders schlimm ist die Situation derzeit in der knapp 900-Einwohner-Gemeinde Korlingen, wo Tanja mit ihren Eltern lebt.

Trost und Zuspruch für die Eltern

„Das ganze Dorf bangt mit der Familie“, sagt Ortsbürgermeister Kurt Koppka, „wir hoffen alle, dass sie lebend und gesund gefunden wird.“ Am frühen Abend besucht Koppka mit Verbandsgemeindebürgermeister Bernhard Busch die Eltern. Trost und Zuspruch in einer Zeit, in der es schwer ist, die richtigen Worte zu finden.

Hoffnung macht dann zunächst der Großeinsatz am späten Abend. Wird Tanja vielleicht doch noch lebend gefunden? Je länger aber die Polizisten die Häuser durchkämmen, desto weniger wahrscheinlich wird, dass der Einsatz noch Erfolg zeigt. Kurz vor 22 Uhr rücken die ersten Beamten ab. Um 22.05 Uhr werden die Durchsuchungen abgebrochen. „Woher die Hilferufe kamen, haben wir nicht herausfinden können“, sagt Polizeisprecherin Monika Peters. „Wir bedauern es natürlich sehr, dass wir Tanja Gräff nicht gefunden haben.“

Derweil kreist über Pallien bereits der Polizeihubschrauber, der in der Nacht mit einer Wärmebildkamera über das Gelände rund um die Fachhochschule fliegen wird. Die Suche nach Tanja Gräff geht weiter.