Ein Mozart zum Kugeln

Ein Mozart zum Kugeln

Mozart hier, Mozart da: Das Geburtstagskind ist zum Zweihundertfünfzigsten gefragt wie noch nie. Der Künstler ist seit Wochen untergetaucht und nicht zu sprechen, aber dem TV-Reporter gelang es, ihn beim Inkognito-Einkauf im Salzburger Mozart-Shop zu enttarnen und zu einem Exklusiv-Interview zu überreden.

TV: Hallo, Herr Mozart, haben Sie einen Moment Zeit für uns?
MOZART: Wenn man die Sau nennt, dann kommt sie gerennt.

Auf der ganzen Welt jubelt man Ihnen zu, da müssen Sie doch mächtig stolz sein auf den Starrummel, oder?
Ehrlich gesagt. Was mich am meisten freut, ist der stille Beifall.

Davon kann man beim derzeitigen Getöse aber nicht viel hören. Stattdessen gibt's Mozartwürste, -kochbücher, -mineralwässer. Dieses Jahr sollen 20 Millionen Mozartkugeln verkauft werden. Wie gefällt Ihnen das?
Ach, ich verliere die Beherrschung. Meine Seele ist erfüllt von Zorn und Schrecken.

Ihre Anwälte bereiten schon Anzeigen vor. Was schwebt Ihnen als Strafe für die notorischen Mozart-Ausbeuter vor?
Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen, dann verbrannt und gebunden...

...Um Gottes Willen, Sie können sich aber ereifern. Liegt das vielleicht daran, dass Sie zu Lebzeiten so arm waren?
Ja, so geht es halt auf dieser Welt: Der eine hat den Beutel, der andre das Geld.

Das klingt jetzt ein bisschen fatalistisch. Eigentlich galten Sie doch immer als Optimist und Lebenskünstler...
Glücklich der Mensch, der jede Sache von der guten Seite sieht und in den Wechselfällen des Lebens sich von der Vernunft leiten lässt. In den Stürmen des Lebens findet er heitere Ruhe.

Reden wir über was Schönes. Spätestens seit der berühmten Verfilmung Ihres Lebens gelten Sie so ein bisserl als "Womanizer"...
Meinen Sie wirklich? Der Pianist Artur Rubinstein hat doch mal gesagt, bei den Damen käme man mit Chopin viel weiter als mit Mozart.

Nun aber nicht so bescheiden! Sie waren ganz schön gefragt in Ihren Tagen. Gab es da ein Rezept?
Durch Zärtlichkeit und Schmeicheln, Gefälligkeit und Scherzen, erobert man die Herzen der guten Mädchen leicht.

Und wie ist es mit der Treue?
Der pflügt im Meer und sät im Sand und fängt den Wind in einem Netz, der seine Hoffnungen auf eines Weibes Herz baut.

Ich meinte eigentlich: Wie steht es mit Ihrer Treue, Herr Mozart?
Wer einer Frau treu ist, ist grausam gegen die anderen.

Sind Sie eigentlich immer noch so viel unterwegs wie zu Lebzeiten?
Ich versichere Ihnen, ohne Reisen ist man wohl ein armseliges Geschöpf, vor allem als Künstler oder Wissenschaftler.

Aber Salzburg, wo Sie zu Hause sind...
...Ich will von Salzburg nichts mehr wissen!

Oh, wieso denn das?
Sie wissen, bester Freund, wie Salzburg mir verhasst ist. Allein die Ungerechtigkeiten, die mein Vater und ich dort ausgestanden, wären genug, den Ort ganz aus den Gedanken zu vertilgen.

Und Sie haben das Gefühl, dass der heutige Mozart-Rummel dort nicht ehrlich gemeint ist? Oder sind Sie einfach nachtragend?
Wie man mit mir ist, so bin ich auch wider. Wenn ich sehe, dass mich jemand verachtet oder gering schätzt, so kann ich stolz sein wie ein Pavian.

Apropos Geringschätzung: Wie finden Sie denn den Umgang mit Ihren Stücken? Gehen Sie ab und zu mal inkognito in eine Probe?
Bei der letzten Probe war mir sehr bange, denn ich habe meinen Lebtag nichts Schlechteres gehört. Sie können sich nicht vorstellen, wie die Musiker das Stück zwei Mal nacheinander herunter gehudelt und herunter gekratzt haben. Und dann erst die Sänger. Man sollte sie gar nicht so nennen, denn sie singen nicht, sondern sie schreien und heulen aus vollem Halse.

Sie meinen vielleicht die Pop-Stars von heute. Kennen Sie eigentlich einen Herrn Dieter Bohlen?
Nie gehört. Muss man den kennen?

Der hat neulich gesagt: "Wenn Mozart heute noch leben würde, würde er so was Ähnliches machen wie ich." Sehen Sie das auch so?
Es ist sinnlos, von Barbaren Verständnis zu erwarten. Dieser Mensch hätte es verdient, auf immer in den finsteren Klüften der Erde zu wandern.

Sie sind nicht so für populäre Musik?
Wegen der Popularität machen Sie sich mal keine Sorgen. In meinen Opern ist Musik für alle Arten von Leuten - außer solchen mit langen Ohren. Um Beifall zu erhalten, muss man Sachen schreiben, die so einfach sind, dass ein Kutscher sie nachsingen könnte.

Ihr Publikum ist Ihnen also wichtig?
Geben Sie mir das beste Klavier von Europa, aber Zuhörer, die nichts verstehen oder nicht verstehen wollen, die nicht mitempfinden, was ich spiele: Dann werde ich alle Freude verlieren.

Vielen Dank, Herr Mozart, haben Sie zum Schluss noch etwas, was Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben wollen, eine Widmung vielleicht?
Jetzt wünsch' ich eine gute Nacht, scheißen Sie ins Bett, dass es kracht. Leben Sie recht wohl, ich küsse Sie und bin, wie allezeit, der alte junge Sauschwanz Wolfgang Amadé Rosenkranz.

Die Fragen stellte Dieter Lintz. Die Antworten sind Briefen und Äußerungen Mozarts entnommen oder stammen aus den Texten seiner Opern