Eine Trierer Kinolegende

Eine Trierer Kinolegende

Schwarz-weiß flackern die Bilder auf der Leinwand. Zu sehen ist eine ganz normale Szene, wie sie sich jeden Ostersonntag in Trier abspielen könnte. Zahlreiche Leute drängen aus dem Dom auf die Straße.

Alle sind schick angezogen. Einige schauen direkt in die Kamera und grüßen, andere gehen vorbei, ohne sie zu beachten. Einer sticht heraus: Peter Marzen, er kommt von rechts ins Bild, weiß genau, wo er hinschauen muss, zieht den Hut und grüßt.

1904 sind Film und Kino noch neu. Doch Peter Marzen und seine Familie - sein Vater Wendel, seine Mutter Apollonia und seine Brüder Hubert und August - sind schon Filmprofis. Ihre simple, aber erfolgreiche Unternehmensstrategie: Sie filmen die Menschen auf der Straße, um sie später in ihr Kino zu locken. Als "lebende Portraits" betrachten sie sich dann selbst. Es geht um das Sehen und Gesehen werden. Das zieht noch heute, aber vor 100 Jahren sind "lebendige Bilder" eine große Sensation.

Anfänglich präsentiert die Familie Marzen ihre Filme im Wanderkino. 1902 beginnt sie, Säle anzumieten, um Filme vorzuführen. Peter Marzen nimmt eine besondere Position ein. Er zeigt sich nicht nur bei fast jeder Lokalaufnahme selbst im Bild, sondern etabliert sich auch als charismatischer Filmerzähler und wird zum Star im eigenen Kino. Fast wie ein moderner Journalist und Entertainer hat er sowohl die Filminhalte als auch deren Präsentation in der Hand. "Die Stimme schluchzt, weint, heult, jammert, lacht, flucht, flüstert, poltert oft innerhalb von fünf Minuten je nach Bedarf. Reinstes Hochdeutsch wechselt mit schönstem trierischen ‚Platt'. Dazwischen donnern die Kanonen, zucken die Blitze, schreien die Dampfpfeifen, knattern die Gewehrsalven", schrieb die Trierische Zeitung über eine Filmvorführung der Marzens in ihrer Abend-Ausgabe vom 14. Juli 1909.

Stummfilm darf man sich also keineswegs stumm vorstellen. Neben dem Filmerzähler Peter wirkten Geräuschemacher und Musiker an den Vorstellungen mit. Zum Teil kamen Geräusche und Musik vom Phonographen.

Die Wanderkinozeit verschafft der Familie Marzen einen Vorsprung, als sie am 24. März den Kinematographen - das ist gleichzeitig eine Kamera und ein Abspielgerät für 35 Millimeter-Film - im Central-Theater in der Trierer Brotstraße 36 übernimmt. "Familie Marzen brachte nicht nur Erfahrung und ihren guten Ruf mit", sagt Brigitte Braun, eine Pionierin in der Erforschung des frühen Kinos an der Universität Trier. "Die Marzens haben auch die richtigen Leute gefilmt." Der Trierer Bürgermeister Karl de Nys, der Bischof Michael Korum, mehrmals der deutsche Kaiser Wilhelm II., die Kronprinzessin Maria Adelheid von Luxemburg bei der Thronbesteigung sind einige der Hauptdarsteller der dokumentarischen Filme. Um sie herum immer die Lokalgrößen und die Besuchermasse, sie alle wollen später zu Marzens ins Kino. So kann die Familie ihren Einfluss ausweiten und sich in Trier und der Umgebung etablieren.

Kurz nach der Übernahme des Central-Theaters kommt es zum Eklat, und die Familie zerstreitet sich. Ab Sommer 1909 übernimmt Peter Marzen allein die Geschäftsführung und nennt das Kino "Marzens Central-Theater". Bis 1911 eskaliert der Familienstreit weiter. Bruder Hubert und Vater Wendel trennen ihre Geschäfte von denen Peters und gründen in Luxemburg "Marzen's Edison Elektrisches Theater". Peter Marzen lässt sich von der Fehde nicht beeindrucken und schwimmt auf einer Welle des Erfolgs - das Central-Theater heißt von da an "Trierer Lichtspielhaus". Am 28. November 1913 eröffnet er zudem das größte Kino der Moselstadt: Die "Germania Lichtspiele" bieten Platz für etwa 500 Zuschauer.

Peter Marzens Konkurrenz gibt nach und nach klein bei. 1916 übernimmt er die Reichshallen - das letzte konkurrierende Kino in Trier. Die nächsten drei Jahre bis nach Ende des Ersten Weltkriegs 1919 hat sich Peter Marzen erfolgreich zum Kino-Monopolisten aufgeschwungen. Sein Monopol mit zwei Häusern nennt er "Vereinigte Trierer Lichtspiele".

Der Ur-Trierer Peter Marzen hat sich gegen die auswärtige und einheimische Konkurrenz durchgesetzt, aber auch gegen die Verwaltung. Kino galt laut Braun in doppelter Weise als kriegswichtig während des Ersten Weltkriegs. Propagandistische Nachrichten wurden über die Wochenschau - eine Art Kino-Tagesschau - verbreitet. So sollte die Bevölkerung motiviert werden, den Krieg weiterhin zu unterstützen. Ebenso etablierte sich Kino als bedeutende Unterhaltungsinstitution während der Kaiserzeit - und auch danach. Statt der Frontnachrichten wollten sich die Zuschauer von dramatischen, humoristischen, wissenschaftlichen, exotischen oder obskuren bewegten Bildern berieseln lassen. Abschalten vom Alltag war die Devise.

"Marzen schaffte es als Kinobetreiber sogar, sich vom Kriegsdienst freistellen zu lassen", sagt Braun. Und er übte Druck auf die Stadt aus, als sie die Steuern erhöhen wollte. Bis in die Hauptstadt Berlin ist er laut Braun gegangen, um die Erhöhung der kommunalen Lustbarkeitssteuer, die von Kinobesitzern erhoben wurde, zu verhindern. Er war eben eine Unternehmernatur.

Der Konkurrenzdruck nach dem Krieg wurde wieder größer, 1926 hörte Peter Marzens Trierer Erfolgsgeschichte auf. Er ging nach Mayen und eröffnete dort ein Kino, das kurz darauf wieder schloss. 1928 gründete er in Saarbrücken einen Filmverleih. Danach verliert sich die Spur von Marzen und auch die von seiner Familie. "Es ist nicht ganz klar, warum er die Kinos schließen musste", sagt Braun. In seiner Autobiografie von 1933 (Peter Marzen: Aus dem Leben eines rheinischen Filmpioniers ) schiebe Peter Marzen die Schuld auf die konkurrierende Familie Schieffer. Ihr gehörte das Gebäude, in dem die Reichshallen angesiedelt waren. Sie habe den Pachtvertrag nicht mehr verlängert und das Kino selbst betrieben. Heute sind die Marzens und ihre Filme vor allem beliebte Forschungsobjekte. Mit den im Bischöflichen Archiv gefundenen Lokalaufnahmen haben die Trier er Medienwissenschaftler einen großen Coup gelandet. Sie gelten zusammen mit britischen und skandinavischen Wissenschaftlern als Vorreiter in der Erforschung des frühen Kinos in Europa. Trotzdem sind sie immer noch auf der Suche nach weiteren Marzen-Filmen. Bisher haben sie 19 der 64 bekannten Lokalaufnahmen gefunden. Peter Marzen und seine Familie sind in Forscherkreisen zumindest europaweit bekannt.

Christian Kremer

Extra

Kinokonkurrenz von 1907 bis 1913 in Trier: Am 19. Juli 1907 eröffnet in Trier das erste ortsfeste Kino: "Weltspiegel" in der Neustraße 11. Weniger als ein Jahr später wurde das Kino wieder geschlossen. Am 6. April 1908 wurden die Räumlichkeiten in einer Anzeige im Trierischen Volksfreund angeboten. Am 26. Oktober 1907 eröffnete der Lebensmittelkaufmann Peter Gitsels das "Paradetheater" in der Neustraße 3. 1910 verkaufte Gitsels sein Kino wieder - unter anderem nach zwei verlorenen Gerichtsverhandlungen gegen Familie Marzen. Der 1. November 1908 war die Geburtsstunde des "Central-Theaters", damals noch im Besitz des Photographen Anton Burbach. Am 24. März 1909 übernahm Familie Marzen das Kino, das wegen Sicherheitsmängeln 1914 geschlossen wurde. Am 1. Oktober 1910 eröffnen die Reichshallen-Lichtspiele des Schweizer Kino-Großunternehmens Elektrische Lichtbühnen A.G. Zürich in der Simeonstraße 47 - ab 1916 war auch dieses Kino im Besitz von Peter Marzen. Am 29. November 1913 eröffnen die Germania-Lichtspiele in der Fleischstraße 67. Dieses Lichtspielhaus in der Hand von Peter Marzen war das größte und luxuriöseste Kino Triers bis 1926. (cmk)