Heinz Erhardt als Komponist

Heinz Erhardt als Komponist

Selbst nur wenigen Verehrern des großen Heinz Erhardt sind dessen kompositorische Fähigkeiten bekannt. Das bestätigt auch seine heute 50-jährige Enkelin Nicola Tyszkiewicz: ,,Ich glaube, es wissen auch viele seiner Fans gar nicht, wie musikalisch er war, und was für ein großartiger Pianist er gewesen sein muss."


Diese ,,Bildungslücke" soll mit folgendem Beitrag zu schließen versucht werden.

Über seinen Großvater Paul Nelder kommt der kleine Heinz zum Klavierspiel. Der Opa führt in der lettischen Hauptstadt Riga, wo Heinz zumeist aufwächst, ein größeres Musikhaus. Erhardts Jugendtraum, einmal Pianist zu werden, wird aber von den Großeltern nicht unterstützt. Sein Opa wünscht vielmehr, dass Heinz eine kaufmännische Ausbildung erhält, und stellt ihn als Lehrling in seinem Musikaliengeschäft ein. Dieses ,,beflügelt" Heinz geradewegs dazu, von 1928 bis 1938 Musikgeschäft und Konzertagentur des Großvaters zu leiten. Nach zehn Jahren kommt dann aber die große Pleite. Vielleicht mag das daran gelegen haben, dass Heinz lieber auf den Flügeln spielte und komponierte, als sie zu verkaufen, spottet später ein Biograf.

Zu seinen Anfängen und seiner weiteren musikalischen Ausbildung soll hier Original-Ton Erhardt folgen: ,,Ich war ein Wunderkind, denn ich konnte schon mit sechs Jahren und einem Finger ,Hänschen klein' auf dem Klavier spielen. Fürwahr erstaunlich! (...) Plötzlich fing ich an, ernstlich Musik zu studieren und vier Stunden täglich Klavier zu üben. So war es kein Wunder, dass ich schon bald ,Hänschen klein' völlig fehlerfrei mit zwei Fingern spielen konnte!"

Schon viele Jahre, bevor Heinz zum begnadeten Wort-Akrobaten, Komiker und auch Poeten wird, macht er in den 30ern und 40ern bereits als Komponist und Pianist auf sich aufmerksam. Die Texte der Chansons und ,,humorigen Lieder" schreibt er sich selbst - und zwar ,,auf den Leib".

Hier soll ein Auszug des Refrains aus dem Lied ,,Fräulein Mabel" den frühen Erhardt'schen Wortwitz verdeutlichen:

,,Kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel, würden Sie sie sehen, würd's Ihnen "able" (übel). Beine hat sie krumme, so wie ein Sable (Säbel), meine süße kleine Freundin Fräulein Mabel. Hmmm, kennen Sie denn schon das Fräulein Mabel, hmmm? Immer nimmt sie s'Messer statt der Gable (Gabel)."

In Erhardts Nachlass finden sich erst viel später auch mehrere Klavier-Kompositionen, die Heinz bereits zwischen 1925 und 1931 geschrieben hatte. Im Zweiten Weltkrieg bearbeitet er als Truppen-Betreuer in einem Marine-Orchester die schwarz-weißen Tasten. Bis auf die Grundausbildung hat Erhardt nie wieder eine Waffe in der Hand.

Nach dem Krieg lässt Heinz sich mit Familie in Hamburg-Wellingsbüttel nieder. Er arbeitet als Radio-Moderator beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk. Der NWDR ist eine Landes-Rundfunkanstalt mit Sitz in Hamburg für die Länder Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Der Sender nimmt am 10. Februar 1948 auch den Komponisten Erhardt mit seiner ,,10 Pfennig Oper" ins Programm, ein Musikdrama, das von den meisten westdeutschen Rundfunkanstalten, teilweise mehrmals, ausgestrahlt wird. Erhardt selbst über den Inhalt:

,,Es handelt sich hier um eine Opern-Parodie, respektive um eine Kabarett-Oper. Zu dem albernen Text habe ich eine ernste Musik geschrieben, wodurch sehr komische Wirkungen erzielt werden. (...) Einige Anklänge von Verdi, Puccini und Wagner sind von mir bewusst hineingearbeitet worden, um das Parodistische zu betonen." Und zum Namen seiner großen Komposition: ,,Die ,10 Pfennig Oper' heißt übrigens so, weil sie dreimal so kurz ist wie die ,Dreigroschenoper' (von Bertolt Brecht und Kurt Weill, Anm. der Red.)" Bei dem ,,Musikdrama in einem Akt" handelt es sich genaugenommen um ein Ritterdrama, speziell die Geschichte um den Ritter Kunibert, sein mehr oder weniger treues Weib Clotilde - genannt ,,Clochen" - und Kuniberts Konkurrenten Ritter Geierblick. Hier kurz ein Auszug aus dem ,,albernen Text", wie Erhardt selbst sagt: Ihren Abgang kündigt Clotilde in ihrer letzten Arie wie folgt an: ,,Ein Stich, ein Lach! - Ach! Nun bin ich tot, so wie noch nie! Verzeiht mir, wie ich euch verzieh! Mahlzeit!" Oder: Der Chor skandiert in der Schluss-Szene bei Kuniberts Ableben: "Jetzt liegt er da, der Gute/Und schwimmt in seinem Blute!" Nun ja, Mitgefühl ist anders!

30 Jahre später, 1978/79, arbeitet Heinz Erhardt mit seinem Sohn Gero an einer Fernseh-Bearbeitung seiner komischen ,,10 Pfennig Oper", die jetzt in Anlehnung an ,,Noch 'en Gedicht" den Titel ,,Noch 'ne Oper" trägt. Heinz beschäftigt sich immer wieder mit diesem Werk, denn die Musik allgemein ist ihm ,,eine Herzensangelegenheit". An der Persiflage, zu der Heinz Erhardt Komposition und Libretto beigesteuert hat, wirken weiterhin die deutschen Entertainer und Schauspieler Hans-Joachim Kulenkampff, Gert Fröbe und Harald Juhnke mit. Diese Ausführungen zum kompositorischen Schaffen Erhardts, liebe Leser, möchte ich mit einem Zitat des großen Heinz beenden: ,,Ich danke Ihnen einigermaßen!" Wenn Sie mir für einen Vortrag ,,Ihr Ohr geliehen" hätten, fügte ich mit seinen Worten noch hinzu: ,,Sie können sich das Ohr nachher an der Kasse wieder abholen!" Jörg Lehn

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