Heinz Erhardt: Teil 3 unserer Lesergedichte

Heinz Erhardt: Teil 3 unserer Lesergedichte

Zum 100. Geburtstag von Komiker Heinz Erhardt haben wir Sie, liebe Leser, aufgerufen, uns Gedichte einzureichen. Hier präsentieren wir Teil 3 der Gedichtssammlung. Viel Spaß beim Schmökern!

Elke Lorey, Marburg
Tempi passati

Weißt Du noch, so fragt sie leise
bei des Liedes zarter Weise,
dass die Melodie es ist,
bei der du damals mich geküsst?

Und sie schwelgt in selgem Sehnen -
aber er muss schrecklich gähnen,
keinen Sinn mehr für romantisch,
heute ist er eher grantisch

Mit ihr zu schlafen, ach das war
doch sein Traum ein ganzes Jahr!
Lang ist`s her, in seinem Bette
bloß gern seine Ruh er hätte!

So adé du schöner Ritter
denkt sie, schon ein wenig bitter:
wenn ich jetzt im Bette stöhne,
ist nicht Lust es, nur Migräne

Hans Reichert

Vorbild: Heinz Erhardt-Gedicht:
Ein Nasshorn und ein Trockenhorn
spazierten durch die Wüste
da stolperte das Trockenhorn
und’s Nasshorn sagte: „Siehste!“

Davon inspirierte eigene Gedichte

Übereinstimmung
Dem Nashorn und dem Matterhorn
ist gleichermaßen eigen:
Sie sind von hinten wie von vorn
nur schwierig zu besteigen

Ende einer Treibjagd
Ein Jagdhorn und ein Martinshorn
zum Halali ertönen
nebst toten Sauen liegen vorn
zwei Treiber, die noch stöhnen

Dichter und Schmetterlinge
Der Schillerfalter fliegt einher
in manchen Waldes Lichtung
Den Goethefalter bitte sehr
gibt’s nur in meiner Dichtung

Auslese (zum Darwin-Jahr)
Der Jaguar hat ungeniert
den Daseinskampf bestanden
der Neinguar hat sich geziert
und kam darum abhanden
Bei Fraßen ist der Fall fast gleich
der Vielfraß lebt noch munter
der Wenigfraß ging dürr und bleich
im Alttertiär schon unter

Begabtes Jungschwein
Ein junges Schwein im Perigord
nahm eines Tags sich ernsthaft vor
im Dorf bei ihm vertrauten Tieren
die Stimmen gründlich zu studieren
um sie danach zu imitieren
Bald konnte es schon leidlich bellen
Sein Herr vernahm’s und hofft an Quellen
des Showgeschäfts bald Sekt zu süffeln
Das Schweinchen soll schön weiter büffeln
Nach Trüffeln braucht es nicht zu schnüffeln.



Helmut Körlings, Traben-Trarbach

Eine satirische Bemerkung, die ich anlässlich der Aufforderung einer Literaturzeitschrift an ihre Leser verfasste, „Variationen“ zu J.W. Goethes „Gottes ist der Orient ...“ einzusenden:

Oh Gott im Orient, oh Gott im Okzident,
sieh an, was heute Kunst man nennt.
Da wird von jedem Hinz und Kunz
Des Dichterfürsten Wort verhunzt.

Der Albtraum

„Denk ich an Deutschland bei der Nacht,
wird ich um meinen Schlaf gebracht.“
Dies Wort von Heine ist wohl wahr,
doch eines ist gewißlich klar:
Aus einem Schreckenstraum erwacht,
wer an Europa hat gedacht!


Die Saujagd.

War ein Jager, wollte jagen.
Wollt’ den Sauen an den Kragen.
Doch eine Sau, ziemlich behände,
biß den Jager in die Lende.
Darauf verlegte sich der Jager
statt auf die Jagd aufs Krankenlager.

Doping
Ein Sportler voller Siegeswillen
Wollte diesen Willen stillen.
Ein Schluck nur und – hormongetrieben –
siegt er hinfort ganz nach Belieben.
Doch kam am Ende alles raus.
Und mit dem Siegen war es aus.

Karin Melchert, Orenhofen

Aus dem Leben einer unglücklichen Kuh!

Ich stehe im Regen und kann mich nicht bewegen
Doch auch die Sonne bringt keine Wonne
Denn ich habe keine Hütte zum Unterstellen
Wenn ich eine Hund wär, würde ich bellen

Ich würde mich lautstark in Szene setzen
Doch in Wirklichkeit tun mich Hunde in Panik versetzen
Denn eigentlich bin ich nur eine Kuh
Man sagt ich wär dumm, mir hört keiner zu

Die Sonne prallt, die Hitze wächst stetig
Sie wird auf einmal ganz unerträglich
Kein Baum in der Nähe und nirgendwo Schatten
Nur ein lästiger Stier, der will mich begatten
Auf meinem Rücken jucken die Fliegen
Da soll man nicht den Rinderwahn kriegen

Was soll ich nur tun, kein Mensch hört mein Muh
Ach ich wär doch so gern eine glückliche Kuh

Mein Kind das hat man mir weggenommen
Kalbsnieren, Steaks und Wurst draus gewonnen
Dabei war es noch viel zu jung zum Sterben
Möge es dem der es isst, den Magen verderben

Heut bin ich zu traurig um Milch zu spenden
Der schwere Euter schmerzt in den Lenden
Wär ich doch nur unter glücklichen Kühen
Und würdet ihr Menschen euch um mich bemühen
Ich würde euch sofort belohnen
Durch meine Milch mit Glückshormonen

Doch ihr treibt mich lieber in Stall und Wahn
Füttert mich mit Chemie wegen eurem Größenwahn

Ach was bin ich für eine unglückliche Kuh
Man sagt ich wäre heilig, man läßt mich in Ruh

Doch was geschieht nun? Die Ruh ist vorbei
Zwei Menschen erscheinen oder sind es gar drei
Man treibt mich hinein in ein dunkles Gefährt
Womit man mich durch die Gegend fährt
Ich spüre hier führt man nichts gutes im Schild
Ich beginn mich zu wehren, ich schreie wie wild
Will mich nicht ergeben
Doch man nimmt mir mein Leben

Nun hab ich Frieden, ich hab meine Ruh
Aus und vorbei ist`s mit der Kuh

So werde ich nun durch den Wolf gedreht
Als billiges Hackflleisch im 1 1/2 kg Paket
Werde ich auf das Fließband gelegt
Doch weil nach dem Verpacken mich jemand vergaß
Wirft man die Hälfte von mir vor die Hunde -- zum Fraß
Schon wieder packt mich die Angst vor dem Hund
Sein gieriges Schlucken befördert mich durch den Schlund
Jetzt müsste ich doch eigentlich glücklich sein
Hier wollte ich doch immer hinein
Ich kann mich auf die Hinterbeine stellen
Und endlich lerne ich auch das Bellen

Aus und vorbei ist`s mit der Muh
Ich bin jetzt eine bellende Kuh

Was ist mit meiner anderen Hälfte geschehn?
Na ja, diese hat man aus purem Versehen
nun doch noch ins Kühlregal gestellt
Auch wenn mir das ganz und gar nicht gefällt
Mir wird ganz kalt, ich friere unglaublich
Wenn ich hier rauskomm werde ich unverdaulich

Ich werde in dir, dem Mensch, weiter leben
mit all meinen tiefunglücklichen Genen

Ich spüre, wie deine Zähne auf mir kauen
Doch ich werd mich rächen, spätestens beim Verdauen
Dann setz ich mich fest in deinen Gedärmen
und werd mich in deinem Verdauungstrackt wärmen
Produzieren tue ich dann warme Luft
mit einem ganz besonderen Duft

Mehr kann ich nicht, denn ich bin eine Kuh
Und Kühe sind dumm, das sagtest ja du

Irgendwann treibe ich dich dann zur Toilette
genauso wie du mich gertrieben hast an einer Kette
Doch wenn du glaubst nun bist du mich los
Hast du dich getäuscht, und ich sage bloß
Du hast mich nicht wirklich rausgeschissen
Denn ich hab mich in deinem Gewissen verbissen
Meine Angst und meine Depressionen
sollen für immer in dir wohnen
zusammen mit den künstlichen Hormonen
die unter mein Fell du hast gespritzt
Blut und Wasser hab ich geschwitzt
Ich gebe sie gerne an dich weiter
Nur leider wirst du davon nicht gescheiter

Und wenn meine Nährstoffe dich manipulieren
wirst du mich weiter auf der Weide traktieren
Anti-Glücksgene habe ich ausgeschieden
Darum findest du nicht den inneren Frieden
Deswegen rennst du nun zum Psychiater
schiebst die Schuld auf Mutter und Vater
Dabei kautest dur nur auf meinen Genen
Und das ist EINS von deinen Problemen