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Interview: 2raumwohnung

Interview: 2raumwohnung

Vor dem Auftritt am 08.03. in der Rockhal sprachen 2raumwohnung mit uns über ihre Reise in die USA und die elektronischen Wurzeln der neuen Platte "Achtung fertig".

Euer neues Album heißt "Achtung fertig". Das klingt fast wie eine Drohung - oder wie ist der Titel gemeint?
Tommy: Echt?
Inga: Siehst du, jetzt ist komischerweise genau das passiert, was wir uns durch diesen Titel erhofft haben. Dieses Offene, dass die Leute den Titel praktisch selbst mit ihren eigenen Projektionen füllen. Das hast du gerade wunderbar gemacht.

Also steckt kein tieferer Sinn dahinter?
Inga: Da steckt auf jeden Fall dahinter, dass man das selbst füllen kann.

Für die neue Scheibe habt ihr mit etwa 30 Leuten zusammengearbeitet. Wie war das?
Tommy: Das sind natürlich die Leute, die geschrieben haben, die Leute die gemischt haben, Leute die Instrumente eingespielt haben usw. Wir haben uns dieses Mal so ein bisschen das Gefühl der Amerikaner abgeschaut. Die arbeiten offen und ziehen sich dabei in kein Kämmerchen zurück. Es gibt immer wieder neue Gruppen und es wird ohne viel Gelaber einfach drauf los probiert. Das war inspirierend und hat Spaß gemacht.

Die meisten Leute kanntet ihr gar nicht. Was gab's für skurrile Situationen?

Inga: Es ist ja an sich schon skurril, wenn man mit so vielen fremden Leuten, die man praktisch nicht kennt, in einem Raum ist. Dann geht jeder mal ans Mikro und singt mal los. Egal, ob man singen kann oder nicht. Einige der besten Melodien kamen von Leuten, die überhaupt nicht singen konnten.

Woran lag das?
Inga: An einer gewissen Offenheit und auch ein gutes Selbstvertrauen der Leute. Dort wird der amerikanische Traum so weit es geht ausgereizt.
Tommy: Es entsteht eine volksnahe Spiritualität. In Deutschland würde das vielleicht etwas freaky rüberkommen, aber dort ist das völlig normal.

Habt ihr euch deswegen Kalifornien ausgesucht oder wie kam es dazu?
Inga: Nee, das war zufällig. Wir waren öfter schon unterwegs und haben Musik aufgenommen. Beispielsweise beim zweiten Album, da waren wir in Europa unterwegs. Unterwegs Musik zu machen hat etwas Inspirierendes. Man kommt aus der Gewohnheit heraus. Kalifornien hat sich ergeben, weil dort eine sehr hohe Musikerdichte existiert.

War das eine einmalige Sache oder könnt ihr euch vorstellen, dass das in Zukunft wiederholt wird?
Tommy: Ja, wir wollen das wiederholen. Wir waren ja auch drei Winter dort. Auf alle Fälle ist es toll da und es macht Spaß, dort zu arbeiten. Die Leute existieren für nichts anderes als zu arbeiten. Man fängt sofort an und irgendwann kommen riesige Pausen, dann wird gelabert, gelacht und gegessen. Das ist irgendwie ganz charmant. So wie der Gegenvorschlag zu den hiesigen "Jetzt muss ich raus und dann will ich nix mehr hören"-Gedanken. Die Menschen dort arbeiten extrem viel, das ist garantiert nicht gesund.

Aber man hat nie den Eindruck, dass sich die Leute komplett überarbeiten. Schließlich macht es doch Spaß, oder?
Tommy: Doch, doch. Die überarbeiten sich.

Obwohl es Spaß macht?

Inga: Ja, ja. Beim Musikmachen warten alle irgendwie auf diesen Kick. Das ist der Moment, in dem sich die Leute in einem Raum auf einmal einig sind und sagen, das ist eine gute Idee. Aber nun kommen pro Stunde irgendwie 80 oder noch mehr Ideen auf den Tisch. Bis man sich dann geeinigt hat, was gut ist. Das ist oftmals sehr schwer zu erforschen.

Ideen sind ein gutes Stichwort. Ich habe gelesen, dass euch das Texteschreiben dieses Mal extrem schwer gefallen sein soll. Was war los?
Inga: Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es mittlerweile so etwa 70 bis 80 Lieder von uns gibt und sehr viel gesagt wurde. Ich habe immer den Wunsch, eine andere Form der Texte zu finden. Beispielsweise die Sachen, die ich vor zehn Jahren gesungen habe. Da war das Wort "Liebe" im Zusammenhang mit unserer Musik noch nicht so durchgekaut wie jetzt. Das ändert sich natürlich auch.

Wodurch ist es dir dann wieder leichter gefallen?
Inga: Ich habe mir zum Beispiel mathematische Sachen vorgestellt, eben ganz pragmatische Sachen. Etwa dass Worte wie Flutlicht, Sirene oder Frequenz in den Texten vorkommen sollen. Worte, die in Poptexten sonst nicht unbedingt auftauchen oder üblich sind.

"Achtung fertig" geht zurück zu den elektronischen Wurzeln. Wie kam es dazu?
Inga: Eigentlich auch durch Amerika. Als wir dort waren, haben wir gemerkt, dass man dort eine ganz andere Perspektive auf deutsche Musik hat. Und diese ist ganz stark auf elektronische Musik ausgelegt. Davor waren wir zwei Jahre live unterwegs und das Live-Set funktionierte mit Schlagzeug und Gitarre. Dann haben wir uns gesagt, wir müssen die Kurve jetzt mal woanders hinbiegen. Es muss mal wieder dieser Dance-Rhythmus nach vorne. Dafür gab es in Amerika große Bestätigung, die man hier selten wahrnimmt.

Das klingt fast wie eine Anleitung, um der Schreibblockade zu entfliehen.

Inga: Ja, das haben auch schon viele Schriftsteller gemacht. "Reisen bildet", hat ja auch schon Goethe gesagt. (lacht)

Erneut ein gutes Stichwort! 2010 wart ihr nach Einladung des Goethe-Institus bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Ist so etwas auch dieses Jahr in Brasilien geplant?
Inga: Nee, in Brasilien nicht, aber wir sind dieses Jahr zum Jazzmandu-Festival in Nepal eingeladen worden. Das findet im Oktober statt und ist für uns ein Abenteuer hoch zehn! So etwas machen wir super gerne.

Vorher kommt ihr aber am 08.03. in die Rockhal nach Luxemburg.
Inga: Genau! Wir haben schon einmal in Luxemburg gespielt und da war's bisher. Deswegen wissen wir gar nicht, ob uns die Leute da kennen.

Davon gehe ich doch aus! Was kann man von euch auf der Bühne erwarten? Welche Einflüsse der Amerika-Reise gehen mit on Stage?
Tommy: Wir spielen neue und alte Songs. Außerdem haben wir jetzt wieder ein kleineres Set. Vorher waren wir sieben Leute, jetzt sind wir nur noch vier. Wie so ein Konzentrat haben wir unsere Musik nochmals kompakter gemacht. Daraus ergibt sich ein anderer Spannungsbogen.
Inga: Der Anfang ist sehr clubbig, dann wird es ein bisschen schneller und dann wilder. Eigentlich ist es ein Set zum Tanzen und zum ausflippen.

Ihr habt jetzt die einmalige Chance, den Luxemburgern zu sagen, warum sie euch kennen sollten.
Inga: Oh je, wir sind so schlecht in Selbstpromo - das können wir nicht. (lacht) Ein Konzert ist immer wie eine Beziehung zwischen dem Publikum und der Band. Wir sind schon in der Lage, einen Abend so zu gestalten, dass man Spaß haben kann und an den man sich gerne erinnert.