Kunstgeschichte(n)

Kunstgeschichte(n)

Fast wäre Onkel Leo gestürzt. "Räum\' doch endlich mal das sperrige Ding weg", schimpft er, "man bricht sich noch den Hals.

" Tante Adele ist beleidigt. "Das sogenannte Ding, über das du gestolpert bist, ist kein Ding. Das ist ein Bild, das ich gemalt habe", antwortet sie giftig. Onkel Leo bleibt stur: "Ist trotzdem ein Ding." Unrecht hat der Onkel nicht. Bilder haben nämlich so etwas wie eine doppelte Natur. Sie sind sowohl ein Ding als auch ein Symbol, das heißt ein Zeichen. Das ist nicht viel anders bei Menschen, die ja auch einen Körper und einen Geist haben. Dass Bilder ein Ding sind, ist ganz einfach zu erkennen. Man braucht sich nur im Museum ein Gemälde anzuschauen. So ein Bild hat in der Regel einen Rahmen aus Holz. Darauf ist Stoff gespannt, auf den meistens Farbe aufgetragen ist. Der Rahmen, der Stoff, die Farbe machen das Bild zum Ding. Damit hat man aber noch nicht das ganze Bild verstanden, weil Bilder wie gesagt auch Symbole, also Zeichen für etwas sind. Wofür sie Zeichen sind, hängt davon ab, was auf dem Bild dargestellt ist. Dass Darstellungen auf Bildern nicht Wirklichkeit, sondern Zeichen sind, ist ganz leicht zu erkennen. Ein wirkliches Haus zum Beispiel ist ein Raumkörper, der breit, hoch und tief ist. Ein Haus auf einem Bild ist aber nichts anderes als eine Fläche aus Farbe, in die vielleicht noch Linien eingezeichnet sind. Tatsächlich kann man die Linien so zeichnen oder die Farben so staffeln, dass es so aussieht, als ob das Haus wirklich Tiefe besäße und einen Körper hätte. Trotzdem bleibt es als Bild nur eine gezeichnete und vielleicht bemalte Fläche. Was uns wie ein echtes Haus vorkommt, ist lediglich ein Zeichen für ein Haus. Genau da ist der Betrachter gefragt. Er muss das Zeichen erkennen. Gute Bilder sind nämlich spannende Bilderrätsel, deren Zeichen wir entschlüsseln müssen. Das Tolle ist: Es gibt nie nur eine Lösung. Auch wenn der Maler womöglich ursprünglich nur ein Haus im Kopf hatte, als er das Bild malte, vielleicht das rote, in dem er als Kind gewohnt hat. Wenn wir das Bild vom roten Haus betrachten, können wir uns alles Mögliche vorstellen. Zum Beispiel, wie anders das Haus aussieht, in dem wir wohnen. Weil das Haus rot ist, stellen wir uns vielleicht vor, dass der Maler dort sehr gern war, und dass wir uns jetzt zu Hause genauso wohlfühlen. Mit ihrer Doppelnatur als Ding und Zeichen sind Bilder ein riesiges Abenteuerland, in dem wir als Fährtenleser und Spurensucher unterwegs sind. Eva-Maria Reuther