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KunstGeschichte(N)

Nur viele Klamotten? Nein, dieser Kleiderhaufen gehört zu einem Kunstwerk. TV-Foto:Eva-Maria Reuther
Nur viele Klamotten? Nein, dieser Kleiderhaufen gehört zu einem Kunstwerk. TV-Foto:Eva-Maria Reuther
"Darf der das?" Paul zeigt entsetzt auf den Berg alter Kleider, der sich zu einem runden Hügel im Raum türmt. "Wenn ich nur mal meine Jeans nicht wegräume, macht Mama schon jede Menge Stress. Eva-Maria Reuther

" Paul ist mit Tante Erika im Museum für moderne Kunst in Luxemburg, dem Mudam. Tante Erika lacht und wird dann gleich ganz ernst: "Das hier liegt nicht einfach so herum. Das ist eine geplante künstlerische Arbeit." Tante Erika liegt genau richtig. Eine Arbeit wie die aufgehäuften Kleider nennt man eine Installation. Installationen sind Kunstwerke aus mehreren Teilen, die in einem Raum aufgebaut sind und zusammengehören. So ähnlich wie man aus Bauklötzen eine Landschaft baut. Zu dieser Installation, die eine Künstlerin geschaffen hat, die Sanja Ivecovic heißt, gehört außer den Kleidern noch ein Video. Darauf ist ein Mensch zu sehen, der Schmerzen hat. Mit ihrer Installation will die Künstlerin uns zum Nachdenken zwingen, wie wir mit den Menschen anderswo in der Welt, zum Beispiel in Afrika oder Asien, umgehen. Wer den Kleiderberg sieht, soll nämlich sofort an die Altkleidersammlungen denken, bei denen abgelegte Kleider für die Menschen in armen Ländern gesammelt werden. Auch Paul ist da schon jede Menge losgeworden. "Achtung", mahnt das Foto: "Sammeln und alte Sachen abgeben ist nicht genug. Wir müssen uns auch um die Menschen selbst kümmern und uns damit beschäftigen, wie sie leben, ob sie genug zu essen haben, ob sie in die Schule gehen können, ob sie Hilfe haben, wenn sie krank sind, was ihnen Freude und was sie traurig macht." Menschen zum Nachdenken zu bringen ist eine wichtige Aufgabe der Kunst. Dazu benutzt sie Bilder. Auch eine Installation ist ein Bild im Raum. Es ist dabei ganz wichtig, wie der Raum aussieht. Mit dem Raum verändert sich nämlich auch die Installation. In einem geschlossenen weißen Museumsraum wie im Mudam schaut jeder sofort auf den Kleiderberg und das Foto. Sie sind das Wichtigste. Würde man die Kleider in einem Park anhäufen und das Foto an einen Baum hängen, wäre man abgelenkt von den Bäumen, vom Lärm der Straße, vielleicht von einem Flugzeug. Man würde nicht mehr genau hören, was das Bild und die Künstlerin uns sagen wollen. Übrigens: Wer sich jetzt schon vorgenommen hat, seine Kleider nicht mehr wegzuräumen, weil das Kunst ist, liegt voll daneben. Das ist keine Kunst, sondern nur eine faule Ausrede. Eva-Maria Reuther