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Lange her und doch nicht vergessen

Ronnie Griesau begeisterte mit der Band "Triebverzicht" trotz langjähriger Bühnen-Abstinenz.Foto: Ludwig Hoff
Ronnie Griesau begeisterte mit der Band "Triebverzicht" trotz langjähriger Bühnen-Abstinenz.Foto: Ludwig Hoff
TRIER. Mit zwei Konzerten ist die Trierer Band "Triebverzicht" nach zehn Jahren musikalischer Abstinenz auf die Bühne zurückgekehrt. Das Revival anlässlich eines runden Geburtstags soll allerdings bis auf weiteres ein einmaliges Ereignis bleiben - zum Bedauern des Publikums in der BBS-Aula. Von unserem Redakteur <br>DIETER LINTZ

DasStaunen war einhellig und generationsübergreifend: Dasmusikalische Material von Triebverzicht, entstanden in den Jahren1982 bis 1988, erwies sich als bemerkenswert aktuell und zeitlos,und die Musiker um Keyboarder und Initiator Helmut Haag knüpftentrotz langer Pause und kurzer Probenphase nahtlos an den runden,eingängigen Sound früherer Tage an. Fast kam so etwas wie Nostalgie auf angesichts eines Phänomens, das sich in der Musikszene dieser Tage nur noch selten findet: Eigenkomponierte Songs mit deutschen Texten, knappe, treffende Bestandsaufnahmen, intelligent in Musik umgesetztes Lebensgefühl.

Anders als manche Produktionen der frühen Achtziger, die 20 Jahre später mit leichtem Amüsement unter der Rubrik "Jugendsünden" abgebucht werden, sind die Triebverzicht-Lieder über alle Varianten menschlicher Beziehungen kaum gealtert. Das mag daran liegen, dass das Spektrum der Texte von Ironie bis Kitsch, von Agitation bis Sentimentalität reicht, ohne je geschwätzig oder pathetisch zu wirken.

So vielfältig wie die Texte ist auch die Musik. Schräg-psychedelische Töne aus der Frühphase, ungehemmt kommerzielle Popsongs, klassischer Hardrock, Blues, Reggae: Das Konzert glich einer rasanten eineinhalbstündigen Tour durch die Rock-Geschichte.

Dafür braucht man flexible Musiker, und Triebverzicht dokumentierte spielend, dass man zu Recht lange als perspektivreichste Band der Region galt. Sänger Ronny Griesau beherrscht unverändert das ganze Spektrum vom poetischen Lieder-Sänger bis zum stimmbandzerfetzenden Rock-"Shouter" Marke Ian Gillan oder David Byron.

"Lemmy" Lehnertz verbindet nach wie vor exzellente technische Kompetenz mit der Fähigkeit, große Gefühle auf der Gitarre auszudrücken. Klaus Becker, der Stoiker am Bass, und Christian Lambertz (Schlagzeug) legten mit den Keyboardern Helmut Haag und Bernd Leyendecker einen satten Klangteppich, Babs Lehnertz veredelte gesanglich die Original-Besetzung, zu der auch Techniker Christian Lintz gehört.

"Warum ist aus denen nicht mehr geworden?", fragten am Ende der beiden Revival-Abende viele im Publikum. In der Tat: Balladen wie "Junkie", Fantasy-Rock wie "Bilbo" oder Liebesgeschichten wie "Friederike" wären nicht weniger geeignet, große Stadien zu füllen, als etwa die Lieder von "Pur".

Aber "Triebverzicht" blieb Episode, erreichte nicht einmal zeitlich begrenzte Popularität wie "Purple Schulz" oder "Clowns und Helden" - obwohl man nahe an einem Plattenvertrag war.

Es wird wohl daran liegen, dass es eben schwer ist, von Trier aus Karriere zu machen. Ein Phänomen, das nicht nur Musiker, sondern auch Schauspieler, Fußballer oder Autoren am eigenen Leib erfahren haben.

Dafür gibt es - kleines Trostpflaster - hierzulande ein Publikum, das auch nach zehnjähriger Auftrittspause eine Band derart zu feiern versteht, dass sie bei den Zugaben Teile des Repertoires wiederholen muss.