Leben ohne Mikro

Leben ohne Mikro

Petra van Oyen gehörte in den Gründertagen des Privatfernsehens zu "den Köpfen" von RTL. Von 1987 bis 1998 moderierte sie in der Hauptnachrichtensendung "RTL aktuell" den Sportblock und war als Reporterin bei Tennisturnieren, Tourenwagen-Rennen, Formel-Eins-Grands-Prix, Box-Kämpfen oder Champions-League-Spielen zu sehen.

Petra van Oyen gehörte in den Gründertagen des Privatfernsehens zu "den Köpfen" von RTL. Von 1987 bis 1998 moderierte sie in der Hauptnachrichtensendung "RTL aktuell" den Sportblock und war als Reporterin bei Tennisturnieren, Tourenwagen-Rennen, Formel-Eins-Grands-Prix, Box-Kämpfen oder Champions-League-Spielen zu sehen. Anschließend arbeitete sie fünf Jahre lang in der Unternehmenskommunikation von Audi, bis sie vor eineinhalb Jahren die Geschäftsführung des väterlichen Betriebs "Pavoy" in Hillesheim übernahm."Ich glaube, du passt ganz gut zu uns", sagte der ZDF-Sportchef Dieter Kürten 1985 zu Petra van Oyen. Die junge Frau aus der Eifel hatte damals erste Fernseherfahrungen beim ZDF in Mainz gesammelt und wollte wissen, ob sie bleiben kann. Zum Fernsehen war sie gewechselt, nachdem sie ihre Karriere als Tennisspielerin an den Nagel gehängt hatte. Seit ihrem 16. Lebensjahr bestritt sie überall auf der Welt Tennisspiele. In ihren erfolgreichsten Zeiten gehörte sie zu den 80 Besten der Tennis-Weltrangliste. "Ich habe zehn deutsche Meistertitel gewonnen, unter anderem im Jugend-Einzel und mit der Damenmannschaft."

Der Preis für so viel Erfolg waren unzählige Bänderdehnungen und Verletzungen der Sprunggelenke, die meistens mit Operationen endeten. "Der liebe Gott scheint nicht zu wollen, dass es so weiter geht", dachte sich van Oyen Anfang der 80er-Jahre, als sie zum x-ten Mal im Krankenhaus lag. Aber wie sollte es weitergehen? Ein Leben ohne Sport konnte sie sich damals nicht vorstellen, schließlich hatte sie nach dem zehnten Schuljahr das Gymnasium beendet, um eine Profikarriere zu starten.

Sie fand Gefallen am Sportjournalismus und nutzte ihre Kontakte zu Reportern für ein Praktikum beim ZDF, aus dem nach dem Gespräch mit Dieter Kürten mehr wurde. Seitdem arbeitete van Oyen überwiegend als Redakteurin für das "Aktuelle Sportstudio". Weil sie Boris Becker noch aus ihrer eigenen aktiven Zeit als Tennisspielerin kannte, wurde sie wenige Tage nach seinem ersten Wimbledon-Sieg 1985 zu einem Interview mit dem Sieger nach Monaco geschickt.

Große Umstellung von ZDF auf RTL

Knapp zwei Jahre später rief RTL-Sportchef Ulli Potofski bei ihr an und fragte, ob sie nicht für RTL arbeiten wolle. Nach zwei Besuchen in Luxemburg entschied sie sich zum Wechsel und begann im Februar 1987 bei dem jungen Sender. "Das war anfangs eine sehr große Umstellung. Beim ZDF gab es für alle Arbeiten zuständige Mitarbeiter. Bei RTL musste ich alles selbst machen. Ich weiß noch, dass ich mit Box-Promotern in den USA wegen Übertragungsrechten telefonieren musste oder die gesamte Logistik für die Übertragungen von Tennisturnieren organisiert habe. Die Studios haben wir Moderatoren teilweise auch selbst dekoriert. Die Arbeit war insgesamt sehr hart, aber ich habe viel dabei gelernt." Zudem erzählt sie, dass die Sportredaktion anfangs in einem Container auf dem Hof untergebracht war, in dem es im Winter ordentlich zog.

Später hat man van Oyen auch den Job als Reporterin bei der Formel Eins angeboten, den heute Kai Ebel macht. Das Angebot hat sie aber abgelehnt, weil sie dann nur noch unterwegs gewesen wäre.

Am 5. April 1988 moderierte sie zusammen mit Hans Meiser und Olaf Kracht die erste Ausgabe von "RTL aktuell". Sie war damals die erste Frau in einer bedeutenden Hauptnachrichtensendung eines Privatfernsehsenders - also eine Art Dagmar Berghoff des privaten Fernsehens. "Ich bin stolz, ein Pionier im Privatfernsehen zu sein und noch dazu eines Senders, der heute zu den größten in Europa gehört. Aber die Bedeutung war mir damals überhaupt nicht bewusst."

Vom Bildschirm in die Industrie

1999 wechselte van Oyen in die Unternehmenskommunikation von Audi. "Ich wollte immer schon im Zusammenhang mit Sport mal in einem Industrieunternehmen arbeiten." Und da kam es ihr gelegen, dass sie der damalige Vorstandschef von Audi, den sie während der Tourenwagenmeisterschaften kennen gelernt hatte, nach Ingolstadt holte. Hier war die Journalistin für die Öffentlichkeitsarbeit in allen Sportarten zuständig, in denen sich Audi engagierte, also Motorsport, Reiten, Ski und Golf. "Das Leben hier war genauso bunt und stressig wie bei RTL. Eigentlich war ich sogar mehr unterwegs als bei RTL. Beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans war ich 40 Stunden ohne Schlaf auf den Beinen."

Nach dem Tod ihres Vaters Paul van Oyen im Jahr 2001 übernahm sie nach und nach alle Geschäftsanteile des Familienbetriebs "Pavoy". Das Unternehmen stellt Werkstatt-, Lager- und Betriebseinrichtungen her, wurde 1946 vom Vater gegründet und ist seit 1954 in Hillesheim in der Eifel ansässig. Seit Mitte 2004 leitet Petra van Oyen das Unternehmen und ist damit für rund 70 Mitarbeiter verantwortlich. "Das war sicherlich nicht mein Traum." Aber einerseits fühle sie sich den Mitarbeitern gegenüber verantwortlich, die hier teilweise seit zig Jahren arbeiten. Andererseits gehe es ihr um das Lebenswerk ihres Vaters. Dass sie die Firma zu einer Zeit übernommen hat, in der es wirtschaftlich nicht so läuft, macht die Chefin aber nicht mürbe. "Ich bin es gewohnt zu kämpfen. Als Sportler bekommst du nichts geschenkt, sondern musst dir jeden Sieg hart erkämpfen." Aber vermisst sie denn gar nicht das bunte Leben, dass sie früher hatte? "Es passiert mir so oft, dass ich das Fernsehen einschalte und mir sage, da warst du auch schon, oder den hast du auch schon interviewt. Aber ich weiß, dass die alle nur mit Wasser kochen und oft viel Show machen. Ich kenne das alles."

Kontakte zu ehemaligen Kollegen hat sie kaum noch. Lediglich mit dem RTL-Sportmoderator Ulli Potofski, mit dem sie zwei Bücher geschrieben hat, und mit Dieter Kürten ist sie noch befreundet.

Und wie denkt sie heute über ihren ehemaligen Arbeitgeber? "Damals war RTL noch erfrischend anders, heute hebt sich der Sender nicht mehr von den anderen ab."

Nach ihrer Tenniskarriere, der Arbeit bei RTL und bei Audi spricht die 44-Jährige über die Arbeit im eigenen Unternehmen von ihrem "vierten Leben". "Jeder Arbeitsplatzwechsel war mit einem kompletten Neuanfang verbunden. Jedes Mal habe ich mich mit Haut und Haaren rein gestürzt und hundert Prozent gegeben." Und wie soll ein fünftes Leben aussehen, Frau van Oyen? "Ich könnte mir vorstellen, auf einem großen Hof mit viel Land drum herum mit vielen Tieren, vor allem Hunden, zu leben." Gernot Ludwig