Leben vor 100 Jahren

Leben vor 100 Jahren

Vor 100 Jahren gab es noch keinen Fernseher oder Computer. Frauen hatten nicht die gleichen Rechte wie Männer, Erwachsene weniger Freizeit als heute. In Deutschland regierte ein Kaiser. Was war das für eine Zeit? Das haben wir einen Experten gefragt.

Lucky: Trier vor 100 Jahren - war das noch Mittelalter mit Rittern, Burgen und Pferdekutschen?

Bernhard Simon: Nein, die Jahre 1900 bis 1914 waren eine Zeit des Wandels, hin zu unserem modernen Leben. In Trier gab es damals schon eine elektrische Straßenbahn und Kanalisation, erste Autos fuhren durch die Stadt, der Müll wurde abgeholt. Viele Häuser hatten bereits Gas- und Stromanschlüsse. Aber nicht lange davor war erst die alte Stadtmauer abgerissen worden, deren Tore nachts geschlossen wurden. Und in den Straßen konnte man noch immer Menschen sehen, die einen Handkarren zum Markt zogen.

Lucky: Wie haben die Menschen früher gelebt?

Bernhard Simon: Vor 100 Jahren lebten 55.000 Menschen in Trier. Heute sind es doppelt so viele. Es gab einige Reiche, aber viele Männer und Frauen waren eher ärmere Leute. Sie lebten mit ihren Familien in oft engen Wohnungen. Für die ganz Armen unter ihnen gab es im "Volksspeisehaus" ein warmes Mittagessen.
Die Menschen mussten oft länger arbeiten als heute: neun bis zehn Stunden am Tag, nur der Sonntag war frei. Gearbeitet wurde in Geschäften, Brauereien, Gerbereien, Tabakfirmen und dem Eisenbahn-Ausbesserungswerk. Das war eine große Halle, in der Lokomotiven und Waggons repariert wurden. In ihrer Freizeit trafen sich die Trierer in Vereinen oder gingen in Kirchen oder Theater, auf Jahrmärkte und in Schwimmbäder. Damals gab es in der Mosel mehrere Flussbäder, allerdings getrennt für Männer und Frauen. Und im Winter konnte man auf dem zugefrorenen Fluss Schlittschuh fahren.

Lucky: Und die Kinder?

Bernhard Simon: Manche Kinder aus reicheren Familien hatten eigenes Spielzeug, wie zum Beispiel Puppen oder Zinnsoldaten. Die meisten spielten aber draußen mit Murmeln und Seilen oder dem, was man so fand - Stöcke zum Beispiel. Die Stadt war auch viel enger bebaut als heute, es gab nicht so breite Straßen, auch keine Spielplätze. Ein eigenes Kinderzimmer hatten nur die wenigsten.
Kinderarbeit war zwar verboten, aber Jungs und Mädchen halfen in den Dörfern auf den Feldern oder arbeiteten zu Hause. Und in der Schule waren Gehorsam und Disziplin wichtig. Außerdem hatten nur die Jungs Turnunterricht, während Mädchen Handarbeiten wie Stricken oder Kochen lernten.

Lucky: Aber Süßigkeiten gab es schon ...

Bernhard Simon: Die nannte man "Zuckerwaren". Es gab sogar eigene Geschäfte, die genauso hießen. Und auch Eis war schon damals beliebt. Das wurde von Verkäufern angeboten, die mit einem Eisstand durch die Straßen zogen. Taschengeld war aber damals nicht bekannt. Es konnte sich also nicht jedes Kind einfach so Süßigkeiten kaufen.

Das Interview führte Lucky-

Reporter Miguel Castro

Zur Person: Bernhard Simon ist Stadtarchivar von Trier. Er hat mehrere Bücher über Triers Geschichte geschrieben.

Stichwort: Archivare

In eurem Zimmer stapeln sich alte Comics oder Zeichnungen. Ein paar davon wollt ihr nicht wegwerfen, weil sie euch wichtig sind oder an jemanden erinnern. So ähnlich arbeitet auch ein Archivar: Bernhard Simon und seine Mitarbeiter bewahren Schriften, Zeitungen, Baupläne, Karten und Bilder aus früheren Zeiten auf - allerdings nicht alle. "Die Archivare entscheiden, was für die Geschichte der Stadt wichtig ist. So können die Menschen in der Zukunft nachvollziehen, wie das Leben in unserer Zeit war", sagt Bernhard Simon. Schon jetzt sind das jede Menge Akten: Hintereinander gelegt wären sie 5000 Meter lang - und jedes Jahr machen neue Dokumente diese Strecke 250 Meter länger. Die Briefe und Dokumente aus dem Mittelalter sind dabei nur ein paar Meter breit: "Früher wurde weniger geschrieben”, sagt Simon. Er findet seine Arbeit sehr spannend: "Archivare haben nicht die gesamte Geschichte einer Stadt im Kopf. Aber sie wissen, wo es steht." mc