Lieber in den Liegestuhl oder an die Staffelei?

Lieber in den Liegestuhl oder an die Staffelei?

TRIER. Wer sich künstlerisch weiterbilden möchte, wird dies auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten tun. Dennoch ist die Teilnehmerzahl etwa an der Europäischen Kunstakademie im Sommersemester zurückgegangen. Im Vergleich zur bundesweiten Entwicklung steht die Moselmetropole dennoch gut da.

Die Sommerkurse der Kunstakademie an der Aachener Straße haben Spuren hinterlassen: Flecken auf dem Boden, neue Werke an den Wänden und frische Ideen im Kopf. Zahlreiche Männer und Frauen haben während des Sommers einen Kursus besucht, um sich fortzubilden - um neue Techniken zu erlernen oder bereits erlernte zu verfeinern, sich inspirieren zu lassen und vor allem, um unter professioneller Anleitung den eigenen Horizont zu erweitern.Zahlen deutlich zurückgegangen

Einigen allerdings dürfte der Entschluss, ein solches Angebot wahrzunehmen, in diesem Jahr nicht ganz leicht gefallen sein. Wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Situation lautete für viele die Frage: Lieber in den Urlaub fahren oder etwas für die künstlerische Entfaltung tun? Diesen "Konflikt" spiegelt auch die Bilanz der Europäischen Kunstakademie wider, die in Trier das umfangreichste Programm bereit hält für Künstler und alle, die es werden wollen. Die Teilnehmerzahl ist 2003 zurückgegangen. Ein Trend, den Akademieleiterin Gabriele Lohberg auch bei anderen Institutionen in Deutschland beobachtet.Allerdings hatte die Akademie zu ihrem 25-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr mit rund 2200 Teilnehmern, 170 Kursusangeboten und mehr als 25 kulturellen Veranstaltungen auch einen "absoluten Rekord" zu verzeichnen. 2003 sind es mit bislang 1950 Teilnehmern rund 250 Interessenten weniger als im Vorjahr. "Das ist immer noch sehr viel", erläutert Gabriele Lohberg. "Wir haben schließlich zahlreiche Stammkunden. Wer einmal hier war, kommt meist im nächsten Jahr wieder."Die Anmeldungen fehlen überwiegend in den Disziplinen für Schüler und Studenten. Die Anzahl junger Leute, die sich beispielsweise in Mappenkursen auf ihr Studium vorbereiten, ist nach Auskunft vieler Dozenten, die neben ihrem Unterricht an der Akademie an Fachhochschulen lehren, in den vergangenen Monaten rückläufig.Ein künstlerisch-kreatives Berufsbild scheint wegen der schlechten Job-Aussichten an Attraktivität eingebüßt zu haben. Außerdem fällt in der Kunstakademie auf, dass ausschließlich die Sommerkurse weniger belegt worden sind.Können sich viele die Kurse nicht mehr leisten? Oder sparen sie das Geld vielmehr für andere Dinge?Entgegen dem Bundestrend

Gisela Sauer, Geschäftsführerin der Tuchfabrik, mag nicht von einer Tendenz sprechen, nach der Tanz und Kunst weniger nachgefragt werden. "Die Leute geben nicht unbedingt weniger Geld aus", sagt sie. "Sie halten es nur besser zusammen. Wer sich im kreativen Bereich weiterbilden möchte, tut das auch nach wie vor."Rudolf Hahn, Leiter des Bildungszentrums, berichtet sogar von einer deutlichen Steigerung im vergangenen Semester: "Entgegen dem Bundestrend haben wir mit 50 Prozent zugelegt." Von 28 Angeboten in kreativem Gestalten haben 25 mit 270 Teilnehmern stattgefunden. Im Semester zuvor waren 15 Kurse mit 149 Interessenten realisiert worden. Das könnte nach Auskunft Hahns mit der Umstrukturierung der Volkshochschule zusammenhängen. Die Einrichtung will künftig mit neuen Präsentationsformen auf sich aufmerksam machen.Gleichwohl sind die Institutionen anders ausgerichtet. So verzichten Volkshochschule und Tuchfabrik auf ein Sommersemester. Zudem belegen dort überwiegend Einheimische die Kurse. Die Akademie an der Aachener Straße verfügt dagegen über einen riesigen Einzugsbereich. Die Teilnehmer kommen aus der gesamten Bundesrepublik, Luxemburg, der Schweiz und aus Österreich.Obwohl sich Gabriele Lohberg "keinerlei Sorgen um die Zukunft" macht, hat die teils geringere Auslastung doch Folgen. Kurse wie gegenständliches Zeichnen und Porträt-Malerei mussten zusammengelegt werden.Rund 90 000 Euro weniger stehen der Institution zur Verfügung. Auch für Stadt und Region hat diese Entwicklung Auswirkungen: Mehr als 20 000 Übernachtungen pro Jahr beschert die Europäische Kunstakademie der Stadt und dem Umland.