| 20:34 Uhr

"Die Diagnose bedeutet nicht das Ende": Vom Umgang mit der Alzheimer-Demenz: eine Geschichte, die Mut macht

Mehr als die Hälfte der pflegebedürftigen Demenzkranken lebt zu Hause. Meist werden sie von ihren Verwandten betreut, den Kindern, dem Ehepartner. Ein Kraftakt und eine Zerreißprobe für alle Beteiligten. Heinz Fröhlich kümmert sich seit fünf Jahren um seine an Alzheimer erkrankte Frau. Er erzählt von Rückschlägen, aber auch von schönen und stärkenden Momenten. Ariane Arndt-Jakobs

Im Jahr 2009 zeigten sich die ersten Vorboten: Christa Fröhlich kam auf der Arbeit nicht mehr zurecht, füllte Formulare falsch aus, stieg in den falschen Bus, vergaß Selbstverständliches. Der Hausarzt überwies sie an einen Neurologen. Dann ging es in die Klinik für Neurologie in Merzig. Tests brachten die Gewissheit: Christa Fröhlich, damals 59 Jahre alt, leidet an einer Demenz vom Alzheimer-Typ, einer degenerativen Krankheit des Gehirns, in deren Verlauf Nervenzellen irreversibel zerstört werden.
Heute, fünf Jahre später, befindet Christa Fröhlich sich im letzten Stadium der Krankheit. "Ich glaube nicht, dass sie das Jahr überlebt", sagt ihr Mann Heinz Fröhlich. Er sagt das sehr gefasst. Das sei er auch. Er habe sich viel mit dem Thema auseinandergesetzt, habe mit Ärzten gesprochen und Bücher gelesen. "Ich weiß, was mich erwartet." Dass es schleichend beginnt. Dass es nicht besser, sondern schlechter wird. Dass Medikamente den Prozess nur verlangsamen, aber nicht stoppen können. Dass sich Verhalten und Persönlichkeit verändern. Er wusste, dass es Momente der Frustration und Aggression gibt, und hat sie auch bei seiner Frau erlebt. Nicht widersprechen, ablenken, das Thema wechseln sei dann angesagt. Und wenn er selbst einmal wütend wird: Kurz in einen anderen Raum gehen und tief durchatmen. Anfangs sei die Nachricht natürlich ein Schock gewesen. "Aber irgendwann ist mir klar geworden: Die Diagnose bedeutet nicht das Ende. Man kann noch so viel zusammen machen - auch mit der Erkrankung."
Das tun die beiden bis heute. Nachdem Heinz Fröhlich seiner Frau beim Waschen geholfen hat - auf einen Pflegedienst verzichtet er - frühstücken sie zusammen. Oft gehen sie spazieren, bringen sich Gebäck für den Nachmittagskaffee mit. Manchmal legt Heinz Fröhlich Musik zum Tanzen auf - die beiden haben sich einst beim Tanzen kennengelernt. Dann lacht seine Frau. Bewegung ist wichtig. Sich erinnern an die weiter zurückliegende Vergangenheit, die oft noch präsent ist, stärkt das Selbstvertrauen. Und lachen tut immer gut - und zwar beiden.
Jedes Jahr sind sie zweimal in den Urlaub gefahren, nach Teneriffa oder zu Bekannten nach Italien. Den letzten Urlaub hat Heinz Fröhlich abgesagt: Seine Frau habe zu sehr abgebaut. Er muss sie zur Toilette begleiten - im Ausland bei fehlenden Behindertentoiletten ein Problem. Sie isst immer weniger. Verirrt sich im eigenen Haus. Zieht sich mehr in sich zurück, redet weniger, will ihre Ruhe haben, sagt: "Ich kann nicht mehr" oder "Ich will nicht mehr." Nachts wird sie mehrfach wach. Wenn sie aufsteht, geht das Licht über Bewegungsmelder an - und Heinz Fröhlich ist sofort zur Stelle. Er hat sich fest vorgenommen, das "Spiel zu Hause zu Ende zu spielen". Deswegen hat er sich bereits informiert, hat mit Ärzten und ambulanten Hospizhelfern gesprochen.
Während Heinz Fröhlich von seiner Frau erzählt, davon, dass man dem Menschen, den man geheiratet hat, schließlich versprochen hat, ihm auch in schlechten Zeiten beiseitezustehen, sitzt seine Frau nebenan im Gruppenraum des Demenzzentrums für die Region Trier im Ärztehaus am Evangelischen Elisabethkrankenhaus. Zweimal in der Woche von 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr ist sie hier zusammen mit anderen an Demenz Erkrankten. Gemeinsam mit Betreuungskräften, darunter auch ehrenamtliche Helfer, wird gefrühstückt, die Zeitung gelesen, erzählt, gespielt, gesungen, manche besuchen die Sportgruppe. Dienstags wird das Essen vorbereitet, Kartoffeln geschält und Obst geschnitten. Wobei jeder das macht, was er kann und will und was ihm guttut.
Wenn seine Frau dort ist, macht Heinz Fröhlich Besorgungen - oder einfach gar nichts. Seit zwei Jahren nutzt er das Angebot des Zentrums. Nachdem er einen Nervenzusammenbruch hatte, nachts Panik bekam, er könne selbst krank werden und sich nicht mehr um seine Frau kümmern, die ihn 24 Stunden lang braucht, während gleichzeitig noch der Haushalt gemacht und bürokratischer Papierkram erledigt werden muss, sei ihm klar geworden: In erster Linie muss er an sich selbst denken. "Wenn ich nicht funktioniere, dann fällt das Kartenhaus in sich zusammen." Heute hat er eine Haushaltshilfe, bringt seine Frau zweimal in der Woche zur Betreuungsgruppe, geht ins Fitnessstudio, fährt Rad und hat mit seinem Sohn in freien Stunden eine Modellbahnlandschaft aufgebaut - sein großes Hobby. Überhaupt unterstütze ihn sein ebenfalls in Trier lebender Sohn: "Er hört schon an meiner Stimme, wenn es mir nicht gutgeht." Der Freundeskreis habe sich bis auf ein Ehepaar immer mehr zurückgezogen. "Sie wissen nicht, wie sie mit der Krankheit umgehen sollen."
Im Gruppenraum wird das Abschlusslied angestimmt. Dann folgt Stühlerücken. Eine Betreuerin kommt mit Christa Fröhlich an der Hand aus dem Zimmer. "Ich glaube, Heinz ist noch nicht da", sagt die Helferin. Christa Fröhlich schaut sich suchend um. Und lächelt, als sie ihren Mann entdeckt, der sie an sich zieht und fest drückt. "Komisch", meint die Betreuerin, als sie erfährt, dass er schon länger nebenan ist. "Sie war schon eine ganze Weile unruhig. Als ob sie gespürt hätte, dass ihr Mann schon da ist."