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Linkshändertag am 13. August
Aus dem Alltag einer Linkshänderin

Sonja Berger* macht alles mit links. Sie putzt sich die Zähne links, steuert die Computermaus mit der linken Hand, isst mit links. Bei Familienfesten wurde sie früher von ihrer Mutter so am Rand der Festtafel platziert, dass beim Essen ihr Ellbogen nicht mit dem ihres rechtshändigen Tischnachbarn angestoßen ist. Birgit Markwitan

Es gibt nur eine Ausnahme: Die 46-Jährige schreibt mit der rechten Hand und erinnert sich an die Erzieherin im Kindergarten, die ihr damals den Stift resolut in die rechte Hand gedrückt und darauf geachtet hat, dass er dort bleibt.

Später in der Schule hat sie einfach so weitergemacht. Erst als Erwachsene wird Sonja Berger bewusst, dass ihr Leben zweigeteilt ist. Zufällig bemerkt sie, dass sie mit der linken Hand hervorragend spiegelverkehrt schreiben kann. Ganz leicht fällt ihr das, und sie staunt, was ihr Gehirn ohne Training leistet. Sie ärgert sich über ihre unfreiwillige Umschulung und fühlt sich als Opfer einer Erzieherin, die ihre traditionelle Weltsicht noch zu einer Zeit umsetzen konnte, als schon ein Umdenken begonnen hatte. In den 1970er Jahren war das Umschulen in den rheinland-pfälzischen Schulen kein Thema mehr, gibt Sabine Schmidt, Pressesprecherin des Mainzer Bildungsministeriums, an. Aber in der ersten Klasse war Sonja Berger schon eine „Rechsthänderin“.

Der Anteil der Linkshänder wird auf zehn bis 15 Prozent geschätzt. Genaue Zahlen existieren nicht. Auch wenn seit der Abschaffung der Umschulung in den deutschen Schulen die „offizielle“ Zahl der Linkshänder wahrscheinlich gestiegen ist, werden Kinder immer noch zu vermeintlichen Rechtshändern, manchmal weil sie einfach das nachmachen, was sie sehen.

Die Präferenz oder Dominanz einer Hand ist bereits bei der Geburt festgelegt und bleibt. Daran ändert auch eine Umschulung nichts. Die Körperseiten und damit auch die Hände sind jeweils mit den gegenüberliegenden Hirnhälften verbunden. Die rechte Hirnhälfte steht unter anderem für Kreativität und Emotionalität, die linke für Logik und Rationalität. Deshalb werden den Menschen gerne die Stärken „ihrer“ Hirnhälften zugeschrieben. Aber so einfach ist es nicht. Die beiden Hirnhälften sind miteinander verbunden und tauschen sich gewissermaßen aus. Diese Fähigkeit ist auch im Notfall ein Segen. Seit einem Hirnbluten ist der Rechtshänder Franz Rühmkorb* auf der rechten Seite gelähmt und lernte mit 48 Jahren notgedrungen, mit der anderen Hand zu schreiben.

Die Erde dreht sich zwar links herum, aber das Herz schlägt auf dem „rechten“ Fleck. Heißt: Rechts galt kulturgeschichltich als gut, links eher als schlecht. Viele Redewendungen wie linkisch oder link sein zeugen noch davon. Linkshänder landeten auch als Sündenböcke auf dem Scheiterhaufen, und viele Mythen und Fehlinformationen ranken sich um sie. Man nahm an, sie lebten nicht so lange, neigten zu kriminellen Handlungen oder aber auch, sie seien intelligenter. Aber sie können aufatmen, ihre Lebenserwartung ist nicht niedriger, sie neigen nicht zum Morden, aber sie sind auch nicht unbedingt schlauer. Diese Erkenntnisse und noch viel mehr Wissen rund um die Lateralität (Seitigkeit) des Menschen haben die beiden Autorinnen Christiane Stenger und Antje Tiefental in ihrem Buch „Deine bessere Hälfte“ (Edel Books, 236 Seiten, 16,95 Euro.) zusammengetragen.

Rechtshänder empfinden Linkshänder oft als ungeschickt. „Man kann dir nicht zusehen, lass mich mal …“ Und tatsächlich liegen ihnen viele Werkzeuge und Alltagsgegenstände nicht gut in der Hand, weil sie für Rechtshänder gemacht sind. Wir schreiben von links nach rechts und Linkshänder brauchen manchmal Unterstützung, um die richtige Schreibtechnik zu finden, damit das Geschriebene nicht verwischt. Die rheinland-pfälzischen Grundschullehrer lernen heute in ihrer Ausbildung unter anderem, wie sie die jeweilige Händigkeit von Schülern erkennen und wie sie beim Schreibenlernen, aber auch im Sport-, Musik- und Kunstunterricht damit umgehen, erklärt Sabine Schmidt.

Das klingt für Sonja Berger traumhaft. Sie empfindet zwar keine Nachteile durch ihre Umschulung, und ihre rechte Schreibschrift ist recht ansehnlich, aber links fühlt sich alles für sie besser an. Sie hätte gerne auch mit links schreiben gelernt. mar

*Namen von der Redaktion geändert