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Linkshändertag
Gute Hand, schlechte Hand

FOTO: dpa / Christina Sabrowsky
Was bedeutet es, ein Linkshänder in einer Welt von Rechtshändern zu sein? Wie lernen sie schreiben? Mit welchen Problemen haben sie zu kämpfen? Was erleben umgeschulte Linkshänder? Damit beschäftigt sich die Münchner Psychologin Dr. Johanna Barbara Sattler. Von Birgit Markwitan

Sie haben die erste Beratungsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in Deutschland gegründet und sind eine Pionierin auf diesem Gebiet.

Sattler: Ja, das stimmt. Wir wurden, als wir 1983/84 angefangen haben, sehr misstrauisch betrachtet. Die Beschäftigung mit dem Thema Linkshändigkeit, dem richtigen Umgang damit und den möglichen Folgen einer Umschulung der Händigkeit wurde als unnötig angesehen und war nicht populär.

Daran hat sich ja einiges geändert. Wie hat sich die Nachfrage entwickelt?

Sattler: Die Resonanz war riesig. Viele Betroffene haben sich an uns gewandt, haben uns ihre Sorgen geschildert und suchten unsere Beratung. Darunter waren Menschen, die ihre Kinder testen lassen wollten, und auch umgeschulte Linkshänder, die sich rückschulen lassen wollten. Aber es kamen auch viele Fachleute, die selbst Fortbildungsbedarf auf diesem Gebiet hatten. Darunter waren Erzieher und Lehrer und natürlich auch Therapeuten – Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten, Motopäden, Heilpädagogen. Es kamen praktisch alle, die sich dafür interessierten, wie sich bei Kindern Probleme lösen lassen.

Um zu wissen, ob jemand überhaupt ein Linkshänder ist, steht ganz am Anfang ein Test. Es gibt ja offenbar eine Ausprägung der Händigkeit – starker oder schwacher Linkshänder?

Sattler: Um zu wissen, ob jemand ein Links- oder Rechtshänder ist, ist eine professionelle Händigkeitsabklärung notwendig. Dabei geht es nicht um einen Ausprägungsgrad der Händigkeit, deren Messung ich nicht nur wegen möglicher Messfehler für problematisch halte, sondern auch, weil unsere Gesellschaft viele Signale setzt, dass rechts besser und richtiger sei als links, und die andauernd noch Linkshänder auf rechts umschult. Kinder bekommen heute immer noch zu hören, sie sollen die richtige Hand geben. Es kommen Eltern zu uns, die sagen, sie hätten doch lieber ein normales, also rechtshändiges Kind. Wenn sie sich bewusst machen, was sie gesagt haben, sind sie oft sehr betroffen. Das zeigt aber sehr gut, welche unterschwelligen Vorbehalte und Sorgen die Gesellschaft gegenüber der Linkshändigkeit immer noch hat.

In den Schulen wird seit vielen Jahrzehnten nicht mehr umgeschult, es sollte also immer weniger umgeschulte Kinder geben.

Sattler: Kein Kind wird wahrscheinlich direkt bewusst umgeschult, um ihm zu schaden, sondern meist in der besten Absicht; aber Eltern treibt oft die Sorge um, dass sie ihren linkshändigen Kindern die Schreibhaltung, die Schräglage des Blattes nicht zeigen können, damit sie später nicht verwischen. Sie haben Sorge, dass sie ihnen später bei Handarbeits- oder bei Werktechniken nicht helfen könnten, und die Kinder benachteiligt seien. Sie haben Sorge, dass ihren Kindern niemand zeigen könnte, wie man mit links häkelt oder den Arbeitsplatz für das Sägen vorbereitet. Eltern sorgen sich, wie ihre Kinder in der Schule und später im Leben mit links zurechtkommen.

Aus Sorge, dass ihre Kinder später in einer rechtshändigen Welt nicht bestehen könnten, schulen Eltern ihre Kinder um?

Sattler: Das ist oft gar nicht nötig. Manche Kinder bekommen die Sorge ihrer Eltern wegen ihrer Linkshändigkeit mit und übernehmen das sogar selbst. Kinder schauen sehr genau, was und mit welcher Hand ihre Mütter und Väter oder auch ältere Geschwister etwas machen, und imitieren das. Wenn man dann Ausprägungen messen würde, wo würde der Nutzen liegen?

Warum kommen die Eltern von Linkshändern oder umgeschulten Linkshändern denn zu Ihnen?

Sattler: Sie möchten Unterstützung bei der Schreibhaltung ihres linkshändigen Kindes und brauchen Informationen, was sie beim Lesen- und Schreibenlernen beachten sollten. Wir haben auch Kindergruppen, in denen die richtige Schreibhaltung für Linkshänder geübt wird. Oder die Eltern spüren einfach, dass etwas mit der Händigkeit ihres Kindes nicht stimmt, dass es zum Beispiel beim Schreiben nicht so schnell mitkommt. Eine unklare Händigkeit ist manchmal auch mit anderen Schwierigkeiten verbunden wie Konzentrations- und feinmotorischen Störungen. Deshalb ist es wichtig, zu Fachleuten zu gehen. Die Händigkeit lässt sich nicht quantitativ messen, sondern man muss genau hinschauen, welche Hand die spontane Hand ist, welche Hand in den Bewegungsabläufen geschickter ist. Könnte zum Beispiel eine länger zurückliegende Verletzung einer Hand eine Rolle spielen?

Was könnte für Eltern, die sich mit dem Thema noch nie beschäftigt haben und sich gerade fragen, ob die Probleme ihres Kindes vielleicht von einer unklaren Händigkeit herrühren, ein Anzeichen sein?

Sattler: Sie sollten schauen, ob ihr Kind unklar in seinem Handgebrauch ist und es in der Schule nicht in dem Maße Erfolg hat, wie sie es ihm zutrauen würden und sie es wahrnehmen. Eltern haben oft ein feines Gespür für ihre Kinder.

Wechseln wir zu den jetzt erwachsenen, umgeschulten Linkshändern. Mit welchen Problemen kommen sie zu Ihnen?

Sattler: Viele umgeschulte Linkshänder haben mehr oder weniger Probleme im schulischen Bereich gehabt. Sie kompensieren ihre Schwächen mit ihrer Intelligenz, manchmal mit sehr guter Förderung, manchmal weil sie gut lernen können. Aber es ist in diesen Schicksalen eben auch immer wieder zu finden, dass sie nicht den Erfolg haben, der ihrer eigentlichen Intelligenz und ihrem Einsatz entspricht. Es funktioniert da oft etwas in der Motorik und der direkten Umsetzung in Schrift und Sprache nicht. Die Umgeschulten beschreiben es oft selbst so, als lebten sie nicht ihrer Identität entsprechend und als könnten sie nicht das rüberbringen, was sie eigentlich denken und können.

Daraus soll sich sogar ein Gefühl der Vereinzelung und eine Depression entwickeln können.

Sattler: Das kann durchaus eine Sekundärfolge sein. Wer immer ähnliche Erfahrungen macht, zum Beispiel etwas weiß, es aber nicht wie die Freundin spontan ausdrücken kann, der zieht sich mit der Zeit zurück, ist enttäuscht. Das ist eine widersprüchliche Situation zwischen Innen- und Außenwelt. Es stimmt wieder irgendetwas nicht. Wenn man diese Erfahrungen mit sich selbst immer wieder macht, kann das natürlich bis zur Depression führen.

Dass linkshändige Menschen intelligenter seien, ist einer von vielen Mythen, die über sie kursieren.

Sattler: Ich glaube nicht, dass sie intelligenter sind. Sie gehen die Dinge anders an. Manche ihrer Denkprozesse sind anders, sie sind stärker in Bildern verhaftet und stärker nonverbal. Auch einige Eltern schildern, dass ihre linkshändigen Kinder zum Beispiel in mathematischen Dingen zwar zu einem richtigen Ergebnis kommen, aber oft auf einem anderen Weg als Rechtshänder.

Die Körperseiten sind über Kreuz mit den Hirnhälften verbunden. Die linke Gehirnhälfte gilt als der Sitz des logischen, rationalen Denkens, und die rechte steht für Kreativität und Intuition.

Die beiden Hirnhälften sind miteinander verbunden und gleichen viel aus, sonst könnte ein umgeschulter Linkshänder sein kreatives Potenzial nicht ausleben.

Sattler: Das lässt sich in der Tendenz bestätigen. Das Sprachzentrum ist bei den meisten Menschen, auch bei den meisten Linkshändern, in der linken Gehirnhälfte, und wir halten Sprache für Rationalität. Aber auch hier müssen wir vorsichtig sein. Der Mensch ist ein komplexes Wesen mit einem komplexen Gehirn, und der Austausch zwischen den Hemisphären, den beiden Gehirnhälften, über den sogenannten Balken funktioniert normalerweise ganz gut. Gerade umgeschulte Linkshänder haben gelernt zu kompensieren. Aber sie müssen dafür mehr Kraft einsetzen, die ihnen manchmal an anderer Stelle im Alltag fehlt.

Könnte man sagen, das Leben eines umgeschulten Linkshänders hätte durchaus anders verlaufen können, wenn er seiner dominanten Seite hätte freien Lauf lassen können?

Sattler: Ja, das lässt sich für die meisten annehmen, beweisen können wir es natürlich nicht. Wir können unser Leben nicht zweimal leben. Aber wir können sehen, was sich ändert, wenn sich jemand zurückschulen lässt. Es ist unglaublich, die Menschen fühlen sich viel identischer, konformer mit sich selbst. Sie trauen sich plötzlich mehr, weil sich offenbar Blockaden im Gehirn gelöst haben.

Wann empfehlen Sie eine Rückschulung?

Sattler: Ich empfehle nicht in jedem Fall eine Rückschulung, sondern höre sehr genau hin, was der Mensch über sein Leben erzählt, wie sein aktueller Zustand ist, ob er überhaupt die Zeit für eine Rückschulung hat. Sie ist mit sehr viel Üben verbunden. Ich begleite Rückschulungen zwei Jahre lang. Oder ich kläre ab, ob Krankheiten oder andere Dispositionen dagegen sprechen. Wer zum Beispiel zu schnell intensiv ins Schreiben kommt, kann gerade an solchen Stellen Probleme bekommen. Ich erinnere mich an eine Frau, die früher schon Migräne hatte und zu schnell mit dem Schreiben beginnen wollte, nicht zuerst mit einzelnen Worten und Buchstaben. Sie bekam einen heftigen Migräneanfall.

Es heißt, dass König George VI. ein umgeschulter Linkshänder war und darin die Ursache für sein Stottern liegen könnte. Es gibt über das Stottern des Königs den oscarprämierten Film „The King’s Speech“.

Sattler: Durch das Umlernen können Sprachauffälligkeiten entstehen, und wenn die Umwelt besonders streng damit umgeht oder auch man selber, kann das zum Stottern führen. Es war in dem Film zum Beispiel zu sehen, dass der Vater George deswegen gepiesackt und kleingemacht hat. Es wird berichtet, dass Menschen, die nach dem Umschulen mit Sprachaufälligkeiten reagieren, meistens schon etwa im zweiten Lebensjahr in der Sprachentwicklung auffällig waren. Dazu kommen aber meistens immer noch weitere psychische Belastungen von außen. Das Umschulen ist meistens nicht die alleinige Ursache für Stottern. Das lässt sich nicht generell so sagen.

Dass umgeschulte Linkshänder unter Lese- oder Rechtschreibschwäche leiden können, scheint irgendwie näherliegend als eine Verbindung zum Stottern.

Sattler: Auch zur Sprache gehören feinmotorische Anteile im Gehirn. Sie ist Teil dieses komplexen Systems, und wenn die Netzwerke an einer Stelle nicht richtig funktionieren, kann sich das weiter auswirken. Wenn Sie einen Stein ins Wasser werfen, bilden sich kleine Wellen. Werfen Sie einen zweiten Stein ins Wasser, stört er mit seinen Wellen diese Wellen. Werfen Sie ganz viele Steine hinein, gibt es keine Wellen, sondern lauter kleine krisselige Bewegungen. Stellen Sie sich das übertragen auf das Gehirn vor, dann sind die klaren Zuordnungen und nervlichen Weiterleitungen nicht mehr so ungehemmt möglich.

Die Händigkeit ist angeboren. Die Mehrheit ist Rechtshänder. Warum jemand Linkshänder wird, ist nicht bekannt. Würde mehr Wissen über die Ursache der Lateralität, der Seitigkeit, des Gehirns helfen?

Sattler: Wir wissen, dass die Händigkeit Ausdruck der motorischen Dominanz einer Gehirnhälfte ist. Wir wissen also auch, dass es bei Linkshändern und umgeschulten Linkshändern Unterschiede in Bewegungszentren im Gehirn gibt. Aber es ist viel zu wenig Forschung mit sauberen Gruppen von Linkshändern und umgeschulten Linkshändern im Vergleich zu Rechtshändern gemacht worden. Das wäre interessant. Aber die Ursache wird keine einfache und einzelne sein, sondern es werden sicher auch andere Ursachen in der genetischen Entwicklung einen Einfluss haben.

Die Ursachen, warum jemand Linkshänder ist, sind also bis heute nicht sicher zu beantworten?

Sattler: Es sind sogar oft die Linkshänder selbst, die so tun, als bräuchten sie keine Hilfestellungen, als müsste man einem linkshändigen Kind nicht zeigen, wie es am besten schreiben lernt und die richtige Technik findet. Die linkshändigen Erwachsenen vermitteln oft selbst den Eindruck, als sei eine besondere Aufmerksamkeit ihnen gegenüber in einer rechtshändigen Gesellschaft gar nicht sinnvoll. Sie möchten nicht auffallen und keine Sonderbehandlung. Es ist ein großes gesellschaftliches Thema, das unterschwellig abläuft.

Die Fragen stellte Birgit Markwitan

Information Deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder e.V.:.

Die Beratungsstelle bietet mittwochs zwischen 14 und 15 Uhr eine kostenlose telefonische Beratung, in der der Bedarf einer Hilfe geklärt werden kann und ob professionelle Hilfe in der Nähe des Anrufers zur Verfügung steht. Wer durchkommt, kommt durch. Adressen zertifizierter Linkshänder-Beratungsstellen können per E-Mail angefordert werden und stehen auf der Homepage. Sendlinger Straße 17, 80331 München.

Telefon: 089/26 86 14

info@lefthander-consulting.org

www.lefthander-consulting.org

Das Interview ist im Familienmagazin des Trierischen Volksfreunds erschienen