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Pflege im Minutentakt

Immer ein Lächeln für die Menschen: Bettina Betzler ist Fachpflegerin mit Leib und Seele. TV-Foto: Katja Bernardy
Immer ein Lächeln für die Menschen: Bettina Betzler ist Fachpflegerin mit Leib und Seele. TV-Foto: Katja Bernardy
Alfons Thull sitzt seit 14 Jahren im Rollstuhl. Er ist auf die Hilfe von Pflegekräften angewiesen. Der 54-Jährige ist einer der 13 Klienten des Club Aktivs, zu denen Bettina Betzler an diesem Freitagvormittag fährt - und ihnen das Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht. Katja Bernardy

Mabel ist wachsam. Kaum hat Bettina Betzler die Haustüre aufgeschlossen, kläfft der Labrador-Mischling die Eindringlinge in die Privatsphäre seines Herrchens an - Verteidigung und Begrüßung scheinen sich zu mischen. "So viele Leute ist er nicht gewohnt", sagt Alfons Thull, während er unaufgefordert zu seinem Pflegebett rollt. Die Krankenschwester vom Club Aktiv sowie die Haushaltshilfe, die regelmäßig für ihn einkauft und die Parterrewohnung sauber macht, sind häufig die einzigen Menschen, mit denen der 54-Jährige während der Woche spricht.
Alfons Thull lebt zurückgezogen. Seit einem Unfall ist er querschnittsgelähmt und auf Hilfe angewiesen. Damit er weiter in seiner behindertengerechten Wohnung mit dem James-Dean-Poster im Flur, den Wasserschildkröten, den zwitschernden Wellensittichen und seinem treuen Gefährten Mabel nach seiner Fasson leben kann. Damit er etwa in seiner Küche brutzeln kann, wie er sagt, wozu er Lust hat.
Der pflegebedürftige Mittfünfziger hat drei Mal pro Woche das sogenannte Leistungspaket "Große Toilette", wie es in der Sprache der Kassen heißt, für 20,60 Euro gebucht. Dazu zählen An- und Auskleiden, Kämmen, Rasieren, Mund- und Zahnpflege einschließlich Zahnprothesenpflege, Waschen im Bett oder am Waschbecken, Duschen oder Baden, Transfer aus und ins Bett sowie Bett machen oder richten. "25 Minuten sind dafür vorgesehen", sagt Betzler. Die Große Toilette zählt zur Grundpflege und wird meist von der Pflegekasse bezahlt, das Anziehen von Kompressionsstrümpfen wiederum wird mit der Krankenkasse abgerechnet. Manchmal müssen die Pflegebedürftigen die Dienste auch aus eigener Tasche zahlen. Wenn die finanzielle Lage angespannt ist, springt das Sozialamt ein. Thull hilft mit, so gut er kann, während Bettina Betzler ihn auskleidet, um ihn zu duschen.
"Manchmal dauert es dadurch zwar etwas länger, aber das Mithelfen ist wichtig, es fördert die Eigenständigkeit", sagt die 30-jährige Pflegekraft. Dieser Spielraum müsse sein. Nachdem Alfons Thull wieder frisch geduscht im Rollstuhl sitzt, ist es Zeit zu gehen.
Die Uhr tickt, ein paar Häuser weiter wartet eine bettlägerige Mittfünfzigerin darauf, dass ihre Narbe versorgt, die Blase durchspült und ein paar freundliche Worte mit ihr gewechselt werden. Sie ist ein sogenannter Vollpflegefall, wird rund um die Uhr betreut. Zwei Mal pro Woche stößt Betzler dazu. Deren letzte Klientin an diesem Vormittag ist Sofia Propson. Die 92-Jährige ist dement und lebt mit Katze Sara in der Seniorenresidenz Niederweiler Hof in Trier-Süd. Die Pflege kommt von außen.
Ein Blick aufs Diensthandy genügt für Bettina Betzler, um zu sehen, was heute zu tun ist: Medikamentengabe, Kompressionssttrümpfe anziehen, große Toilette und Hilfe bei der Ausscheidung steht auf dem Display. Betzlers Diensthandy verrät auch, wo die Kollegen sich gerade aufhalten und was ihre Kollegin vom Spätdienst, von 16 bis 23 Uhr, zu tun hat: Sie wird sich von 16 bis 23 Uhr um 28 Klienten kümmern.
Viel Logistik steckt hinter der Pflege im Minutentakt. Fahrzeiten und die für Pflege und Haushalt notwendigen Zeiten sind genau berechnet. Jeder Handgriff wird dokumentiert. Pflege im Akkord? "Nein, es ist zu schaffen", sagt die Krankenschwester. "Manchmal geht man auch nur auf Pillentour." So nennt sie die Fahrten zu Pflegebedürftigen, denen nur Medikamente gegeben werden.
Bettina Betzler arbeitet seit acht Jahren beim Club Aktiv, derzeit 30 Stunden pro Woche. Sie macht ihren Job gerne. Und als Sofia Propson nach dem Ankleiden ihre Weste übergestreift hat, eine Haarspange ihre graue Strähne bändigt, rückt Bettina Betzlers Feierabend näher. Sie fährt noch mal zurück ins Büro, um den Koffer mit den Haustürschlüsseln und Medikamenten dort einzuschließen. Wenn sie schließlich ihren blauen Pflegekittel abstreift, hat sie Verbände gewechselt, Menschen auf den Duschsitz geholfen, Wassertemperaturen wunschgemäß eingestellt, Medikamente gegeben, Alleinsein durchbrochen, über Sofias Späße gelacht, Hände gestreichelt, liebevoll geplauscht und Hund Mabel begrüßt. Sie hat 13 pflegebedürftigen Menschen geholfen, damit sie in ihren eigenen vier Wänden leben können.
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