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Farbige, filigrane und frische Gräserwelt

Gräser schaffen – hier Reitgras hinter Brandkraut – Räumlichkeit, weil sie in die Höhe wachsen. TV-Foto: Kathrin Hofmeister
Gräser schaffen – hier Reitgras hinter Brandkraut – Räumlichkeit, weil sie in die Höhe wachsen. TV-Foto: Kathrin Hofmeister
Wenn es Pflanzen für Schlaraffenland-Gärtner gibt, dann sind es Gräser. Die Hoffnungsträger der neuen Gartengestaltung zeigen sich pflegeleicht, dekorativ und passen zu jedem Gartenstil. Kathrin Hofmeister

Trier. Der Ägyptologe kann nur mit, der Bäcker nicht ohne. Der Strohhutträger soll mit. Der Hobbygärtner will nicht mehr ohne. Gemeint ist Gras. Denn egal, ob Papyrus-Rollen entziffert werden, Brote gebacken oder man sich gegen die Sonne schützt - Gräser sind das Ausgangsmaterial. In der Gartengestaltung spielen sie eine immer größere Rolle. Sie verkörpern keinen speziellen Stil oder eine Ära. Dadurch passen sie in jedes Umfeld.
Cortenstahl und Pampasgras


Im modernen Garten setzen sie mit ihrer leichten Beschwingtheit einen wohltuenden Kontrast zu kantiger Architektur. Solitäre wie die oft über zwei Meter hohen Chinaschilf-Gräser übernehmen gar die Funktion einer bewegten Skulptur. In Sortennamen wie den Pfeifengras-Vertretern ,Windspiel\' oder ,Fontäne\' steckt die Funktion bereits drin. Gräser sind oft so filigran, dass sie viel Licht durchlassen. Am besten wählt man daher Plätze, an denen die Halme und Wedel vom Morgen- oder Abendlicht durchstrahlt werden. An die Farbe des derzeit beliebten Cortenstahl als Gestaltungsmaterial reicht die Herbstfärbung von ,Ferner Osten\' heran. Mit ihren 1,40 Metern ist die kupferrote Sorte auch etwas für kleinere Gärten.
In der Rabatte bilden hohe Ziergräser das Rückgrat einer Pflanzung. Zum Winter hin sollte man Pampasgras und kann man Chinaschilf wie ein Tipi zusammenbinden. Das bietet Schnee eine dekorative Anlaufstelle und verhindert, dass die Schneelast die Grastürme abknickt. Jetzt aber laufen sie erst einmal zu Hochform auf. Im englischsprachigen Kulturraum spricht man von Gräsern der "warmen Saison".
Während die meisten Stauden ihren Höhepunkt im Spätsommer bereits überschritten haben, verleihen "Spätzünder" wie Chinaschilf und Lampenputzergras dem Beet ein frisches Aussehen. Der Schaueffekt ihrer aufblühenden Wedel hält bis in den November an. Gräser, die sich spät im Jahr entfalten, also jetzt zur Blüte kommen, wachsen im Frühjahr gesetzt besser an. Gräser, die ihre Hochzeit wie Federgras, Reitgras und Waldschmiele bereits von Juni bis August hatten, und alle frühlingstreibenden Schattengräser wie Seggen und Hainsimsen können auch im Herbst aus ihren Containern gepflanzt werden. Achtung: Gräser nicht zu tief setzen.
Der Scheitel sollte auf der Höhe des Erdreiches liegen. Zu tief gesetzte Pflanzen verrotten leicht. Zu hoch gesetzte trocknen schnell aus. Wird der beliebte Rindenmulch aufgebracht, unbedingt auf gute Qualität achten und nicht zu dicht um die Horste legen. Rindenmulch begünstigt Pilzinfektionen. Das gilt auch für andere Pflanzen.
Gräser sind die perfekten Vermittler zwischen Blütenstauden, deren Farben sich sonst beißen würden. Wer nur an Grasgrün denkt, wird überrascht sein, welch kräftige Farben in den Halmen stecken. Von gelb gestreiftem Stachelschweingras über Blauschwingel und errötender Rutenhirse bis zu panaschierten Arten fächern sich Gräser in allen Facetten auf. Die Tönung verrät auch etwas über die Standortansprüche: Dunkelgrüne Arten bevorzugen es meist feucht, hellgrüne schattig, und solche mit intensiver Herbstfärbung lieben es sonnig.
Wer sich eingehend mit Gräsern, den neuen Trendstauden, beschäftigen möchte, findet in der 477 Seiten starken "Enzyklopädie der Gräser" des weltweit führenden Gräserexperten Rick Darke ein allumfassendes Nachschlagewerk. Der Amerikaner stattet Deutschland seit 1989 regelmäßig Besuche ab, um sich mit der hiesigen, wegweisenden Gräserverwendung auseinanderzusetzen. Das Gräser-Kompendium ist erschienen im Ulmer-Verlag, 2010, ISBN 978-3-8001-5764-8 und kostet 99 Euro. kf