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„Bitte nicht jetzt ...“

„Bitte nicht jetzt ...“

Wenn ein Kind krank wird, stürzt das eine berufstätige Mutter in Konflikte

„Bitte nicht jetzt ...“
Foto: istock/paulprescott72

Gehören Sie auch zu den Frauen, die seit der Geburt Ihres ersten Kindes durch Wände hören können? Ich werde manchmal nachts in dem Wissen wach, dass unsere Tochter Marie sich im nächsten Moment melden wird - und meistens ist es dann auch so.
Über ihre Seufzer im Schlaf freue ich mich, auch schleppe ich das halbschlafende Kindchen gerne ins Bad, wenn es noch mal zur Toilette muss. Doch bei einer bestimmten Art, "Mama" zu rufen, schrillen meine Alarmglocken: Bevorzugt in den frühen Morgenstunden macht sich bei Marie Brechreiz (seltener Durchfall) bemerkbar. Und dann entscheiden Sekunden, ob man es schnell genug zur rettenden Toilette schafft oder aber ein Großeinsatz fällig wird, um das jammernde Bündel von verklebten Haaren, eingesautem Schlafanzug und entsprechender Bettwäsche zu befreien.
Mit meiner Nachtruhe ist es dann auch vorbei, weil die fieberhafte Grübelei nach einer Lösung losgeht: Mit einem Magen-Darm-Infekt kann ich das Kind nicht in den Kindergarten bringen. Ich muss aber zur Arbeit! Mein Mann auch. Und der kann "unmöglich" ohne entsprechende Vorausplanung fehlen. (Theoretisch natürlich schon, aber in der Praxis scheint sein Job der bedeutendere zu sein.)
Anrufen kann ich mitten in der Nacht weder eine Oma noch andere mögliche Betreuungspersonen. Es wäre bereits das dritte Mal innerhalb weniger Wochen, dass ich zerknirscht morgens in der Firma anrufen und mich "Kind-krank" melden muss. Die Kolleginnen werden die Augen verdrehen, weil meine Arbeit an ihnen hängenbleibt. Und ich werde derweil daheim bei meiner Tochter sitzen, der es nach einigen Stunden heilsamen Schlafes schon wieder viel besser geht, und ein schlechtes Gewissen haben.
Eigentlich läuft in unserer kleinen Familie alles am Schnürchen: Marie, unser einziges Kind, ist aufgeweckt und fröhlich und war noch nie ernsthaft erkrankt. Wir haben im ländlichen Raum problemlos einen Platz in einem tollen Kindergarten gefunden, in dem sich Marie von Anfang an wohlfühlte. Ich konnte nach der Elternzeit mit einer halben Stelle an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Insgesamt ideale Voraussetzungen, um Kind, Mann, Haus und Beruf unter einen Hut zu bringen. Und dennoch gab und gibt es sie immer wieder, diese "Bitte-nicht-jetzt ..."- Momente, wenn das Kind erkrankt und man damit vor einem Dilemma steht.
"Bis zu zwölf Infekte im Jahr sind normal für ein Kindergartenkind", sagt der Kinderarzt. Der erste Infekt begann bei Marie an meinem ersten Arbeitstag nach der Elternzeit. Die anderen folgten im Zeitraum von Oktober bis April in Abständen von etwa zehn Tagen.
Die Zahl der hustenfreien Nächte war an zwei Händen abzuzählen, die der Tage ohne laufende Nase tendierte gegen Null. Das Inhaliergerät, die Schnupfensalbe mit ätherischen Ölen, der Efeuhustensaft und feuchte Tücher auf der Heizung wurden zu unverzichtbaren Utensilien. "Lassen Sie Ihrem Kind Zeit, Infekte zu bewältigen. Sie schaden Ihrem Kind, wenn Sie es zu früh wieder in die Kita schicken. Außerdem besteht die Gefahr weiterer Ansteckungen bei anderen Kindern", heißt es in den Richtlinien des Kindergartens. Selbstverständlich, das unterschreibe ich sofort: Ich will weder dauerhafte Gesundheitsprobleme meines eigenen Kindes riskieren, noch will ich dafür verantwortlich sein, dass Magen-Darm-Infekte oder gar Scharlach oder Windpocken weiter die Runde machen. Abgesehen davon wollen wir ja auch von den Malaisen anderer verschont bleiben. In der Praxis sorgt das für die Betreuungsfrage: Am ersten Tag eines Infektes bleibe ich selbst zu Hause, gelegentlich auch der Papa. Und dann? Ideal wäre dann eine Betreuungsperson, die dem Kind vertraut ist und bei der es gerne bleibt, die auch kurzfristig jederzeit auf Abruf bereit steht, die selbst gesundheitlich robust genug ist, dass eine mögliche Ansteckung kein Problem darstellt, die sechs Stunden mit einem kränkelnden Kleinkind zu verbringen weiß und die möglichst um die Ecke wohnt.
Dieses Komplettpaket in einer Person haben wir nicht. Doch mit Hilfe von Omas, Opas, Nachbarin und Freundinnen hangelt man sich durch die Woche. An dieser Stelle: Danke an all die Retter in der Not! Susanne Meyer