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Mundart ist ein Stück Heimat
Goden dach ...!

FOTO: Katja Bernardy
Warum Eltern aus der Region mit ihren Kindern Dialekt sprechen Von Katja Bernardy

Bayerische Lehrer klagen, dass Schüler „Hallo“ statt „Servus“ sagen. Sprachforscher sehen die Vielfalt der Dialekte in Deutschland schwinden: Sind sie zu uncool oder provinziell? Wir wollten wissen, wie es in der Region aussieht und haben auf Facebook gefragt: Wer spricht mit seinen Kindern platt? Die Resonanz war umwerfend. Das Thema bewegt. In einer globalisierten Welt bekommt es eine neue Bedeutung, wie ein Trierer Wissenschaftler erklärt.

Rita Enders aus dem Eifelkreis Bitburg-Prüm ist 43 Jahre alt und zu einer Zeit in die Schule gegangen, als es von den Lehrern nicht gerne gesehen wurde, wenn Kinder „Platt schwätzten“. „Aber ich habe die Sprache meiner Eltern trotzdem aufgeschnappt, und als ich 18 war, wurde sie mir nützlich“, sagt die zweifache Mutter aus Koxhausen. Denn während sie in einer Wohngemeinschaft in Trier lebte, plauderte sie mit ihren Eltern am Telefon Dialekt. „Damit die anderen nicht alles mitbekommen“, sagt sie lachend. „Eine Art Geheimsprache.“

Jahre später, Rita Enders ist mittlerweile selbst Mutter, hat die Sprache ihres Heimatortes einen weiteren Zweck erfüllt. Der Kinderarzt ihrer Tochter empfahl, das wortgewandte und begabte Mädchen solle eine Fremdsprache lernen. „Als ich meinem Mann davon erzählte, sagte er sofort: ,Eifeler Platt’“, erinnert sich Enders. Gesagt, beschlossen.

Seitdem wächst das Mädchen zweisprachig auf. Bei weitem nicht die Einzige in ihrem Freundeskreis. Doch die Eifelerin meint, nicht um jeden Preis sollten Eltern mit einem Kind Dialekt sprechen. Für Kinder, die nicht schnell switchen könnten, könne diese Zweisprachigkeit problematisch werden.

Auch Sabrina Memmesheimer pflegt ihre Muttersprache, obwohl sie vor 14 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann aus dem nördlichen Saarland nach Schweich gezogen ist. „Uns ist es wichtig, dass unsere Kinder nicht nur Hochdeutsch sprechen, sondern auch Saarländisch“, sagt die 32-Jährige. Die Familie, dazu gehören Mann Kai (38), Lena, (7) und die Zwillinge Lotta und Lukas (4), stehe schließlich zu den saarländischen Wurzeln. „Viele Kinder wachsen mit zwei oder mehr Fremdsprachen auf“, sagt sie. „Warum nicht auch mit verschiedenen Dialekten aufwachsen?“ Nachteile stelle sie keine fest, weder bei der Aussprache noch bei der Rechtschreibung des Hochdeutschen in der Schule.

Björn Faust sieht das etwas anders. „Wir sprechen mit unserem Sohn ,richtiges Deutsch’“, sagt der gebürtige Trierer, der mit seiner Familie in Schweich lebt. Er fürchtet, der Junge könne ansonsten Schwierigkeiten in der Schule bekommen. Höre der Sechsjährige ein Wort auf Platt, könne es passieren, dass er es im Unterricht auch so schreiben und sprechen würde. „Wir geben uns echt Mühe, dass wir nicht Trierer Dialekt sprechen“, sagt der junge Vater. Manchmal rutscht wohl doch ein Wort heraus. „Seit einigen Tagen sagt unser Sohn ,Majusebetter’“, erzählt Faust, und dass er sich fast „weggelacht“ habe, es aus dessen Mund zu hören. Übrigens: Majusebetter zählt zu den Lieblingswörtern der Liebhaber Trierer Mundart und ist eine gleichzeitige Anrufung von Maria (Marie), Josef (Jusep) und Petrus (Pitter). Björn Faust sagt auch, er sei stolz darauf, Trierer Platt sprechen zu können. Gemeinsam mit dem Söhnchen habe er kürzlich ein Konzert der Leiendecker Bloas, einer Trierer Mundartband, besucht. „Es hat ihm gefallen“, sagt der Papa.

Einen Blick als Mutter und als Logopädin hat Melanie Heinen aus dem Dorf Niehl im Eifelkreis Bitburg-Prüm auf das Thema. Sie spricht mit ihrer Tochter bewusst Hochdeutsch und Platt. „Dialekt bedeutet für mich Kultur und Heimat, und es schafft Verbundenheit“, sagt sie. Familie Heinen wohnt mit den Großeltern, die ebenfalls mit der Enkelin Platt schwätzen, in einem Haus und grenznah zu Luxemburg. Dort, wo noch sehr viele Menschen Dialekt sprechen, vor allem die Älteren. Als Logopädin rät sie Eltern, auf die Sprachentwicklung ihrer Kinder, auf ihr Sprachverständnis und ihren Wortschatz zu achten. „Wenn mir Probleme bei meiner Tochter auffallen würden, würde ich wohl nur noch eine Sprache benutzen und diese fördern“, sagt die 34-Jährige. Ansonsten könne sie Mütter und Väter nur ermutigen, Kinder zweisprachig zu erziehen – Platt und Hochdeutsch.

Dr. Andre Klump ist Professor für romanistische Sprachwissenschaft an der Universität Trier und stammt aus Hamminkeln am Niederrhein. Seine Eltern haben versucht, nur Hochdeutsch mit ihm zu sprechen, während sie selbst von ihren Eltern, seinen Großeltern, nur Mundart gelernt haben. Der 49-Jährige versteht Platt besser, als dass er es spricht, beschäftigt sich aber beruflich und privat sehr intensiv damit. „In Deutschland gibt es bis zu 20 Dialektverbände“, sagt der Professor, der unter anderem auf Hispaniola forscht. Das ist eine westindische Insel, auf der zwei Staaten, Haiti und die Dominikanische Republik, beheimatet sind, und auf der entsprechend viele Sprachen gesprochen werden.

Der vitalste und bekannteste Dialekt in Deutschland sei das Bayerische, sagt der Experte. Deutsch mit Aussprachephänomenen, wie holen anstelle von nehmen zu sagen, wie es in Trier und Umgebung der Fall ist, bezeichne man als Regionaldeutsch. Auch wenn offenbar viele junge Eltern wieder mit ihren Kindern Dialekt sprechen, werde im eigentlichen Sinne immer weniger Platt gesprochen. Der Unterschied zu den 1960er Jahren ist Klump zufolge, dass Kinder, die heute Dialekt beherrschen, auch Standarddeutsch, landläufig als Hochdeutsch bezeichnet, können.

Diese Mehrsprachigkeit wertet der Sprachwissenschaftler als „ganz großen Trumpf“ für die geistige und sprachliche Entwicklung von Kindern. Noch etwas habe sich gewandelt: „Der Blick auf den Dialekt ist heute ein positiver“, sagt Andre Klump, der auch Sprecher des America Romana Centrums der Universität Trier ist. Manches Kind, das lediglich Platt gesprochen hatte, habe noch vor Jahren mit Vorurteilen gekämpft – damit wurden Einfachheit und Provinzialität gleichgesetzt. Den Gebrauch des Dialekts sieht der Sprachwissenschaftler auch als Gegengewicht zur Globalisierung. „Dialekt ist die Sprache des Herzens, ein Heimatgefühl“, sagt er. Es stifte Identifikation und signalisiere, hier gehöre ich hin und dazu.

Weltweit gibt es Klump zufolge zwischen 6500 und 7000 Sprachen. Jede Sprache war früher einmal ein Dialekt. Französisch beispielsweise habe sich aus einem Dialekt um Paris herum entwickelt, Italienisch aus dem Toskanischen, Spanisch aus dem Kastilischen.

Der Trierer Professor hat sich mit Gleichgesinnten um den Erhalt der Mundart seiner Heimatstadt Hamminkeln gekümmert. Sie haben Wörter, die die Älteren noch kennen, zusammengetragen und im Buch „Det on dat en Menkelse Platt“ aufgeschrieben und so bewahrt.

Und was sagen die Kinder? Meike,12: „Ich spreche gerne Dialekt, weil es etwas Besonderes ist und es nicht jeder kann.“ Sie spricht Eifeler Platt wie einige ihrer Freundinnen, mit den Eltern, der Oma und Verwandten. Die Gymnasiastin ist der Meinung, wer in der Eifel wohnt, muss auf jeden Fall mal versuchen, Platt zu schwätzen, „denn es gehört einfach dazu und wird von Generation zu Generation weitergegeben.“ Ihren vollständigen Namen möchte Meike nicht in der Zeitung lesen. So wie Tom, 11. Der Junge aus dem Kreis Trier-Saarburg ist stolz darauf, drei Sprachen zu sprechen: Deutsch, Platt und Englisch.

„Sprache verändert sich Tag für Tag“, sagt Professor Klump. Offenbar auch die Haltung zum Dialekt.

Wir haben gefragt auf Facebook gefragt, wer mit seinen Kindern Dialekt spricht. Mehr als 50 User haben sich gemeldet. Hier eine Auswahl:

Jessy Lauer: „Ich spreche mit meinem Sohn von Anfang an Moselfränkisch. Vor gut einem Jahr sind wir in die Nähe von Köln gezogen. Die kölsche Sprache überwiegt mittlerweile ganz automatisch. Besuchen wir aber die Oma in der Nähe von Trier, – zack – sprechen wir wieder Moselfränkisch.“

Anne Wallesch: „Wir sprechen mit unseren Kindern echtes Hefjes (Sellericher) Platt. Ich finde es sehr wichtig, dass der Dialekt nicht verloren geht. Bei der Arbeit habe ich des Öfteren bemerkt, dass es älteren Menschen leichter fällt, in Dialekt zu kommunizieren und Dialekt Barrieren bricht.“

Anke Peifer: „Ein Teil meiner Familie, auch der Vater, spricht mit meiner knapp Vierjährigen Dialekt. So lernt sie beides. Ich halte mich da lieber raus, denn bei mir kommt arbeitsbedingt das Luxemburgische durch. Das ergibt dann nur noch Kauderwelsch.“

Juliane Pütz: „Wir reden hauptsächlich Platt mit unserer Tochter. Was dabei herauskommt, können wir noch nicht sagen, da sie erst eineinhalb Jahre alt ist.“

Tanja und Ralf Peters: „Wir sprechen in der ganzen Familie Platt. Wir haben drei Kinder (2, 4, 8), und auch die sprechen erst einmal nur Platt. Wir finden es sehr wichtig, dass die Kinder so aufwachsen, das ist unsere Kultur. Wir wohnen in Üttfeld/Binscheid.“

Monika Streicher: „Mir schwätze met uusen Kännern uch Platt. Da ich aus dem Prümer und mein Mann aus dem Gerolsteiner Raum komme, ist es kein reiner Dialekt. Aber Hauptsache die Heimatsprache geht nicht verloren. Im Vulkaneifelkreis wird jedes Jahr unter Sechstklässlern ein Mundartwettbewerb durchgeführt. In den letzten Jahren haben immer zwischen zehn bis 15 Schüler aus dem Kreisgebiet vorgelesen. In diesem Jahr waren es nur zwei – mein Sohn und sein Freund. Der Fairness halber haben beide gewonnen.“

Melanie Hoffmann: „Wenn ich, 35, mit den Kindern alleine bin, rede ich Dialekt. Bis Papa nach Hause kommt. Dann reden wir Hochdeutsch, obwohl er auch Platt kann. Wir haben uns aber ‚auf Hochdeutsch’ kennengelernt, und irgendwie ist es schwierig, umzuschalten. Sobald Menschen dazukommen, mit denen ich Hochdeutsch spreche, spreche ich es auch mit den Kindern – und ärgere mich, dass ich nicht konsequenter bin. Bis zum Eintritt in den Kindergarten habe ich nur Platt gesprochen. Dann erst wieder, als ich in den Theaterverein eingetreten bin. Festgestellt habe ich auch, dass es einen Unterschied macht, ob ich Hochdeutsch oder Dialekt spreche: Es kommt mir unter anderem so vor, als wäre ich im Dialekt nicht so verbunden mit meinen Kindern. Irgendwie kalt, hart. Aber bei anderen finde ich es immer ganz toll, und ich will es auch durchziehen, weil ich es wichtig finde.“

Katja Müller: „Mein Mann und ich sind 44 und 47 Jahre alt, unsere Kinder 17, 15 und 10. Wir wohnen in Neidenbach und sprechen mit ihnen Dialekt. Mit unserem Jüngsten haben wir die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist, die Kinder anzuhalten, Platt zu sprechen, da er der Einzige in seiner Klasse war. Dialekt ist ein Stück Kulturgut unserer Heimat und geht verloren, wenn wir es nicht sprechen."

Julia Thiex: „Wir wohnen in Gentingen, genau an der luxemburgischen Grenze. Bei uns sprechen noch viele Leute Platt. Unsere Freunde sprechen teilweise auch mit ihren Kindern Platt. So wie ein paar Erzieher im Kindergarten. Ich finde allerdings, es sind zu wenige. Unsere Kinder reden, seit sie im Kindergarten sind, eher Hochdeutsch, fangen aber nun wieder vermehrt an, Platt zu reden, was uns sehr freut. Unsere Sprache sollte nicht aussterben.“

Cornelia Meutes: „Wir sprechen Platt in der Familie, jedoch nach sehr großen Sprachbarrieren mit dem Jüngsten nun Hochdeutsch. Wir mussten switchen, da er fast nichts gesprochen hatte. Woran es genau lag, weiß ich nicht. Wir finden es sehr schade, dass Peter kein Platt spricht wie wir. Denn für uns ist es ein Teil Heimat. Identifikation! Ein Stück unseres Lebens hier in der Eifel. Und da wir grenznah zu Luxemburg wohnen, ist die Kommunikation dort leichter.“ (kat)

Dieser Beitrag ist im Familienmagazin des Trierischen Volksfreunds erschienen