Plötzlich sind wir viele: Patchwork-Familien sind längst keine Seltenheit mehr

Plötzlich sind wir viele: Patchwork-Familien sind längst keine Seltenheit mehr

Das Leben als Patchwork-Familie ist im Trend. Immer mehr Familien bestehen aus zwei Erwachsenen und deren Kindern aus einer vorangegangenen Partnerschaft.

"Stief-Familie" hieß das früher altmodisch. In den neunziger Jahren, in denen die Scheidungsraten immer weiter in die Höhe stiegen, musste ein neuer, modernerer Name für diese Form des Familienlebens her. Die "Patchwork-Familie" war geboren.Wenn sich getrennte Elternteile neue Partner suchen, entstehen Patchwork-Familien. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen völlig unterschiedlicher Charaktere. Klar, dass das zuweilen mit Problemen einhergeht. Plötzlich sind da neue "Geschwister", es gelten mitunter neue Regeln und nicht zuletzt müssen die Kinder auch mit dem neuen Partner des Vaters, bzw. der Mutter klar kommen. Das gilt nicht nur für klassische Patchworker, sondern auch für die so genannten Regenbogenfamilien . Doch nicht nur die Kinder müssen sich an die neue Situation gewöhnen - auch die Erwachsenen finden eine völlig andere Situation vor.

Patchwork-Familien brauchen Zeit

Es hat so toll begonnen: Sie (geschieden, 2 Kinder) hatte nach dem Schiffbruch in der Ehe das Alleinsein satt, schaute sich im Internet nach einem potenziellen Partner um und fand ihn (getrennt lebend, 1 Kind). Während ihre Kinder den Neuen toll finden, kommt dessen Kind mit den Umständen nur schwer klar. Kein Wunder, sagen Psychologen: Kinder empfinden einen neuen Partner zunächst als Fremden. Vor allem kleinere Kinder haben Angst, dass er ihnen die Mutter, bzw. den Vater wegnehmen könnte.

Wie kann der neue Partner eine Beziehung zu den Kindern aufbauen?

Wer als Erwachsener in eine bestehende Familie kommt, muss vor allem Folgendes:

· Tolerant sein

· Sich zunächst zurücknehmen

· Zeit und Geduld aufbringen

Für das Paar bedeutet das, vielleicht nicht sofort zusammen zu ziehen, sondern den Kontakt zu den Kindern langsam aufzubauen. Das können Zoo-Besuche, Kino-Nachmittage oder ein gemeinsames Grillen im Park sein. Der Partner sollte die Mutter anfangs allenfalls besuchen. So stellen Kinder sehr schnell fest, dass er ja auch gerne Gesellschaftsspiele spielt, toll kochen kann und alles in allem in Ordnung ist. Damit wären die ersten Hürden genommen. Anschließend könnten Wochenend-Besuche folgen, ein paar Tage in den Ferien, und erst dann zieht die neue Patchwork-Familie zusammen. Die Entstehung einer Patchwork-Familie ist ein Prozess mit verschiedenen Entwicklungsphasen und komplexen Familienbeziehungen.

Probleme in der Patchwork-Familie

Vor allem Kinder, die vorher als Einzelkind gelebt haben, müssen nun plötzlich damit zurechtkommen, mit Geschwistern umzugehen. Ab dem Zeitpunkt des Zusammenziehens muss geteilt werden. War das Kind das Ältere, kann es sein, dass es nun das Jüngste ist. War es das einzige Mädchen, muss es sich diese Rolle jetzt eventuell mit jemandem teilen. Das kann für Probleme sorgen. Hier sind die Erwachsenen einmal mehr gefordert.

1. Machen Sie dem Kind klar, dass alle Familienmitglieder gleichwertig sind und keiner bevorzugt wird.

2. Akzeptieren und respektieren Sie die Kinder ihres neuen Partners. Sie müssen Sie nicht lieben, aber das gemeinsame Familienleben läuft wesentlich entspannter, wenn Achtung und Respekt im Spiel sind.

Das Verhältnis mit den leiblichen Elternteilen der Kinder, die nicht mehr in der Familie leben, spielt eine wichtige Rolle. Vier Erwachsene, die alle irgendwie mitzureden haben - das wird schwierig. Erst recht dann, wenn sich die getrennten Partner nicht mehr "grün" sind. Ein gemeinsames Gespräch, das die Rollen ganz klar verteilt, kann hilfreich sein.

Vorteile einer Patchwork-Familie

Geht man die Beziehung in einer zusammengewürfelten Familie ein, teilen sich auch die Aufgaben anders auf. Häufig waren die Partner vorher über einen gewissen Zeitraum alleinerziehend. Umso befreiender wird dann wieder das Zusammenleben empfunden. Aufgaben werden aufgeteilt, die Erziehung der Kinder findet gemeinsam statt, und nicht zuletzt hat jeder wieder ab und an die Zeit zum Luft holen.

Was, wenn das neue Glück zerbricht?

Früher war es so: Neue Beziehungen wurden eingegangen, wenn der Ehepartner starb. Heute ist es so, dass Frauen keinen Versorger mehr brauchen und Männer keine Frau, die ihnen den Haushalt führt. Man trennt sich schneller. Und: Man trennt sich auch mehrmals. In Kindergärten und Schulen ist es längst normal, dass Kinder zwei Mamas, zwei Papas und eine ganze Herde an Großeltern haben.

Eine norwegische Studie hat ergeben, dass das Scheidungsrisiko mit jeder Ehe zunimmt. Zweite Ehen werden also häufiger geschieden, als erste. Besonders bitter ist das für die Kinder. Erst recht, wenn sie noch klein sind. Denn sie müssen einen erneuten Verlust verkraften. Und zwar nicht nur den von der erwachsenen Bezugsperson, sondern auch den der neuen Geschwisterkinder.

Patchwork-Familien in der Kritik

Dass der "ganz normale Wahnsinn" auch vor Zweitfamilien keinen Halt macht, ist ein Grund, warum Kritiker das oftmals so bunt und glücklich beschriebene Leben in einer Stief-Familie als Mogelpackung bezeichnen . Denn selbstverständlich heißt Patchwork-Familie nicht: "Für immer glücklich". Auch in einer solchen Form des Zusammenlebens wird sich zuweilen getrennt. Daher sollten Beziehungen nicht zu leicht genommen werden und Trennungen und Neubeginne gründlich überdacht werden.

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