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TV-Interview mit dem Mediziner Dietrich Grönemeyer: "Mit Fröhlichkeit leben, sich gesund ernähren und in Bewegung bleiben"

TV-Interview mit dem Mediziner Dietrich Grönemeyer: "Mit Fröhlichkeit leben, sich gesund ernähren und in Bewegung bleiben"

Volkskrankheiten - das betrifft nicht nur Erwachsene. Auch Kinder leiden bereits an Rückenschmerzen oder Altersdiabetes. Der renommierte Mediziner Dietrich Grönemeyer schlägt Alarm. Im TV-Interview fordert er nicht nur, dass Gesundheit zum Schulfach wird, sondern dass, jeder, Kinder und Erwachsene, mehr Verantwortung für seinen Körper übernimmt. Die Fragen stellte TV-Redakteur Bernd Wientjes.

Herr Grönemeyer, Sie sind Radiologe und Orthopäde. Doch in der Öffentlichkeit sind Sie eher als der Arzt bekannt, der sich mit der Volksgesundheit der Deutschen beschäftigt. Wie sehen Sie selbst?
Dietrich Grönemeyer: Ich bin Radiologe und leite ein interdisziplinäres Institut für Mikrotherapie in Bochum. Schwerpunkte hier sind Rücken- und Gelenkserkrankungen, Schmerzen, aber auch der Bereich Kardiologie. Tatsächlich bin ich nach wie vor ärztlich tätig und habe viele Patienten aus dem In- und Ausland. Allerdings habe ich über den Tellerrand geschaut, wenn Sie so wollen. Da will ich meinen Teil beitragen, um in der Öffentlichkeit das Bewusstsein dafür zu schärfen, was jeder selbst für sich tun kann, für seine eigene Gesundheit.

Wie steht es um die Gesundheit der Deutschen? Wie krank sind wir wirklich?
Grönemeyer: Es gibt eine Zunahme von Erkrankungen, die mit mangelnder Bewegung, falscher Ernährung und Stress zu tun haben, das ist leider festzustellen. Einerseits gibt es starke Belastungen durch eine immer intensivere Arbeits- und Umwelt, auch Belastungen durch Ängste um den Verlust des Arbeitsplatzes. Immer wieder gibt es Massenentlassungen, dann die Angst wegen langjähriger Arbeitslosigkeit und der soziale Abstieg, Armut, Kinderarmut, all dies sind eben auch Faktoren.
Welche Krankheiten würden Sie als echte Volkskrankheiten einstufen?
Grönemeyer: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Depressionen sind echte Volkskrankheiten. In meinem Bereich der Rückenleiden ist das Interessante, dass eine Zunahme zu verzeichnen ist beziehungsweise keine Verringerung. Grund: Wir sitzen zu viel, bewegen uns zu wenig, einseitig, der negative Stress nimmt leider zu. Und der Rücken ist mehr als ein Körperteil, er ist ein psychosomatisches Organ. Alles bekommen wir da zu spüren!TV-Serie Ihre Gesundheit



Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die Pharmaindustrie beim Thema neue Volkskrankheiten?
Grönemeyer: Insgesamt sollte die Pharmaindustrie sich mehr darum bemühen, individuellere Medikamente zu entwickeln, nicht den einen Standard für Männer und Frauen in allen Lebensaltern. Aber eigentlich sind auch wir Ärzte und Therapeuten aufgefordert, immer wieder zu überlegen, welche Medikamente wirklich notwendig zu verschreiben sind oder wo mit naturheilkundlichen oder Hausmitteln geholfen werden kann. Die Pharmaindustrie täte gut daran, sich auch um naturheilkundliche Produkte mehr zu kümmern und mehr entsprechende Forschung zu organisieren, so viel Schätze gibt es ja noch zu heben. Aktuell zeigt sich auf der anderen Seite am Mangel an Medikamenten zur Bekämpfung der Ebola-Bedrohung, wie wichtig die Weiterentwicklung von Medikamenten gerade zur Immunsteigerung und Abwehr von Viren und Bakterien ist.

Das Misstrauen gegenüber ihrem Berufsstand ist ja relativ groß. Können Sie das nachvollziehen? Grönemeyer: Viele Ärzte haben einfach zu wenig Zeit. Das verbessert natürlich nicht die Vertrauenssituation zwischen Arzt und Patient. Denn als Patient ist jeder von uns ja besonders bedürftig und besonders auf Erklärung der Situation, Hilfe und auch emotionale Zuwendung angewiesen oder erwartet dies zu Recht. Wenn dann statistisch gesehen ein Patient bereits nach 18 Sekunden unterbrochen wird, wenn er beim Arzt von seinen Problemen erzählt, ist das schade. Ich selbst habe mich nach einer Nasen-Operation entschieden, Arzt zu werden, denn es leuchtete mir überhaupt nicht ein, dass diese Operation nicht sanfter durchzuführen sei.
Gibt es aus Ihrer Sicht die einzig richtige Heilmethode für die jeweilige Krankheit?
Grönemeyer: Ich plädiere seit langem für ein Zusammenwirken der verschiedenen therapeutischen Methoden, ohne dogmatische Scheuklappen. Vieles wäre ja ohne naturheilkundliche Erfahrung nicht denkbar, das Aspirin unter anderem. Und wer wollte schließlich bestreiten, dass wir Schulmediziner hinsichtlich der menschlichen Zuwendung noch manches von den Vertretern der alternativen Medizin lernen können.
Was konkret?
Grönemeyer: Sie nehmen sich die Zeit, die wir selbst immer weniger zu haben glauben. Diese Bereitschaft, sich einzulassen, ist das Entscheidende. Sie heilt oft mehr als die verschriebenen Pillen. Gerade deshalb plädiere ich ja wie andere Ärzte immer wieder für eine höhere und adäquate Honorierung des Gesprächs, gerade im hausärztlichen Bereich.
Was können Patienten dazu beitragen, gesund zu bleiben und gesund zu werden?
Grönemeyer: Regelmäßig Bewegung und Sport, gesunde Ernährung und eine positive Lebenseinstellung. Mit Fröhlichkeit leben, sich gesund ernähren, viel bewegen - vor allem keine Angst vor dem Arzt und der Medizin.
Und wenn schon ein Schadensfall, eine chronische Krankheit eingetreten ist, in engem Kontakt mit dem Arzt handeln. Natürlich versuche ich auch, an bestimmten Stellen Gehör dafür zu finden, dass Prävention einfach ein ganz wesentlicher Teil der Medizin, unseres Gesundheitssystems sein sollte: Es ist doch viel sinnvoller, Krankheiten zu verhindern und unser Krankheitssystem in ein Gesundheitssystem umzuwandeln.
Klingt einfach.
Grönemeyer: Ich wünsche mir seit Jahren, dass jeder, ob Kind oder Erwachsener, mehr Verantwortung für seinen Körper und seinen Geist übernimmt. Jeder kennt sich selbst am besten: Der Patient ist selbst der wahre Arzt - wir Ärzte sind nur seine Gehilfen. Es ist bedauerlich, dass wir Erwachsenen meist viel mehr über unser Auto und über Handys wissen, als über unseren Körper und unsere Gesundheit. Wir können alle selbst so viel tun, um gesund und fit zu bleiben. Ich will begeistern für die Medizin und den Körper, den man so selbstverständlich nimmt, immer wieder ignoriert und verdrängt.
Etwa mit Ihrer Buchreihe Der Kleine Medicus, die nun auch im Kino läuft. Warum liegt ihnen die gesundheitliche Aufklärung der Kinder derart am Herzen?
Grönemeyer: Ich habe selber drei Kinder und fünf Enkel, denen ich regelmäßig erzähle, was ihr Körper Tolles kann und wie schön das Leben sein kann. Man kann so viel von ihnen lernen und sich von ihrer Begeisterung anstecken lassen. Doch ich sehe auch die wachsenden Probleme in unserer Gesellschaft. Gerade bei den Kindern, die zunehmend auch von Volkskrankheiten betroffen sind.
Was wollen Sie mit dem Kleinen Medicus vermitteln?
Grönemeyer: Mit meinen Büchern versuche ich, eine gesundheitsbewusste Generation von Morgen heranwachsen zu lassen. Ich will nicht nur heilen, ich will auch anderen helfen, sich selbst zu helfen. Egal, ob im neuen Kinofilm oder in den Büchern - dabei hilft mir der kleine Medicus: ein Kinder-Gesundheitslehrer mit großen, neugierigen Augen und mächtig viel Spaß. Mir ist wichtig, dass schon Kinder über ihren Körper Bescheid wissen. Dass sie wissen, was sie tun können, wenn sie krank sind. Noch wichtiger: Was sie tun können, um gar nicht erst krank zu werden.
Leben Kinder und Jugendliche heute ungesünder, sind sie kranker, als früher?
Grönemeyer: Inzwischen werden auch immer häufiger Kinder zu Patienten. Ohne Zweifel eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen: der vorbeugende Kampf gegen Fehlernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht als Auslöser von Zivilisationskrankheiten. Wie wir aus einer ganz aktuellen Kinderstudie wissen: Kinder kommen in immer größerer Zahl ohne Frühstück in die Schule, mit all den Folgewirkungen von Nervosität, verursacht einfach auch durch Unterzuckerung, essen zu viel Zucker und Fast Food und bewegen sich zu wenig.
Wie äußert sich das?
Grönemeyer: Insgesamt sind 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig, sechs Prozent aller Kinder sogar krankhaft. Mögliche Folgen auch: Diabetes, Rücken- und Gelenkschmerzen, Herz-Kreislauf-Probleme. All das sind Krankheiten, die noch vor wenigen Jahren älteren Jahrgängen vorbehalten waren.
Kinder mit Rückenschmerzen? Wie kommt das?
Grönemeyer: 70 Prozent der Zehn- bis 17-Jährigen haben Rückenschmerzen. 70 Prozent! Warum? Es sind die tonnenschweren Tornister, der Leistungsdruck, das viele Sitzen in der Schule und Zuhause vor dem Computer. Wir beobachten zunehmend, dass schon Kinder unter zehn Jahren unter Stress leiden, Kopfschmerzen haben, junge Menschen Opfer von Burnout werden. 14-Jährige mit Bandscheibenvorfällen oder 20-Jährige mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Es ist doch höchste Zeit, da gegenzusteuern.
Sie plädieren ja seit langem dafür, das Fach Gesundheit in den Schulen einzuführen.
Grönemeyer: Ja, ich plädiere für regelmäßigen Gesundheitsunterricht, verankert im Stundenplan, ein tägliches Bewegungsangebot ohne Leistungsdruck - für jedes Kind eine Stunde Schulsport, täglich. Wenn Gesundheit und Eigenverantwortung Schule machen, werden die Kinder auch lernen, dass sie für sich und ihren Körper selbst verantwortlich sind.
2007 haben Sie eine Stiftung gegründet. Warum?
Grönemeyer: Wenn es um das Thema Gesundheit und Aufklärung geht, versuche ich, die ganze Klaviatur der Möglichkeiten zu spielen. Meine Stiftung widmet sich der Prävention bei Kindern und Jugendlichen. Sie organisiert Gesundheitsspiele, bei denen sich alles um Bewegung und gute Ernährung dreht. Die Stiftung bringt den Medi-Circus auf die Bühne, ein Gesundheits-Mitmach-Theater, extra für Schulbühnen konzipiert. Und Schüler werden zu Gesundheitsbotschaftern ausgebildet.
Wie schaffen Sie es als Arzt, Institutsleiter, Autor, Wissenschaftler oder Vortragsreisende, ohne Stress zu leben?
Grönemeyer: Stress kennen wir alle. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Man muss sich freuen können. Sich von den Dingen begeistern lassen. Das können ganz alltägliche, natürliche Dinge und Ereignisse sein: ein Sonnenuntergang, das Zwitschern der Vögel im Park. Wasser, Wald oder Felder, die wir aufsuchen können, um wieder zu uns zu kommen. Doch zwei Dinge sind mir am wichtigsten: tanzen, singen, feiern mit der Familie, Spaß haben - genieße, sonst wirst du ungenießbar. Zweitens: bewegen, bewegen, bewegen. Mir helfen Yoga, Wandern, Laufen oder Schwimmen. wieExtra

Der TV wird in den nächsten zwei Wochen in der täglich erscheinenden Serie Ihre Gesundheit ausführlich aufKrankheiten und Heilungschancen eingehen. Experten werden Tipps geben, Betroffene zu Wort kommen. Unter anderem geht es um Kinderkrankheiten, Stress am Arbeitsplatz, Vor- und Nachteile der Homöpathie und Gesundheit im Alter. Im nächsten Teil der Serie beschäftigen wir uns mit dem Einfluss der Pharmaindustrie auf die Medizin und mit dem erhöten Antibiotika-Verbrauch in Rheinland-Pfalz. volksfreund.de/gesundheit Extra

Dietrich Grönemeyer, 61, hat zunächst Romanistik und Sinologie in Bochum studiert, danach Medizin in Kiel. 1996 wurde er auf den Lehrstuhl für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke berufen. Er ist Begründer der Mikrotherapie, der Zusammenführung von interventioneller Radiologie, minimal invasiver Chirurgie und Schmerztherapie. 1997 hat der Bruder des Sängers Herbert Grönemeyer das Grönemeyer-Institut für Mikrotherapie in Bochum gegründet. 2005 schrieb er den Kleinen Medicus, ein Kinder- und Jugendbuch. In dem Sachbuch verbindet er Charakter aus dem Gesundheitssektor mit Science-Fiction- und Roman-Elementen. Seit vergangenem Donnerstag läuft der Film "Der kleine Medicus - Bodynauten auf geheimer Mission im Körper" in den Kinos. 2007 gründete er die Dietrich-Grönemeyer-Stiftung. wieExtra

 Dietrich Grönemeyer.Foto: privat
Dietrich Grönemeyer.Foto: privat

Ältere Patienten verursachten höhere Behandlungskosten als junge (gesunde) Versicherte, sagt Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der Barmer GEK. Mit steigendem Lebensalter steige die Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Herzinfarkt und Schlaganfallund auch Stoffwechselstörungen wie die Zuckerkrankheit. wie