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Wenn das Essen zur Qual wird

Wenn das Essen zur Qual wird

Magersucht, Bulimie, Binge- Eating-Störung: Wie viele Menschen in Deutschland an einer Essstörung leiden, ist schwer zu sagen. Nicht immer wird sie erkannt, nicht immer behandelt. In der Region Trier finden Betroffene und Angehörige Rat beim Netzwerk Essstörungen.

Sie finden sich zu dick, obwohl die XS-Hose am Körper schlackert. Ihr Leben dreht sich um Essen, Zutaten und Kalorien. Jede Nahrungsaufnahme wird zur Qual, verursacht ein schlechtes Gewissen - und wird, wenn irgend möglich, gemieden.
Überwiegend junge Menschen leiden an einer Essstörung. Dabei unterscheidet man drei Grundformen: Die soeben beschriebene Magersucht, Anorexia nervosa; die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) sowie die Binge-Eating-Störung, die unkontrolliertes Essen von sehr großen Nahrungsmengen bezeichnet. Bei etwa einem Fünftel aller Elf- bis 17-Jährigen in Deutschland liege ein Verdacht vor, so der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert- Koch-Instituts.TV-Serie Ihre Gesundheit


Bei den jüngsten Befragten ist der Anteil auffälliger Jungen und Mädchen etwa gleich hoch. Danach nimmt der Anteil der Mädchen zu, der der Jungen ab. Bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren gibt es Hinweise auf eine Essstörung.
Doch: "Nicht jedes essgestörte Verhalten muss in eine Essstörung umschlagen", betont Werner Schaan vom Trierer Netzwerk Essstörungen. Wann man von einem gestörten Essverhalten und wann von einer Essstörung spricht, ist schwer zu definieren. Aber es gibt Warnzeichen, wie Dr. Schaan sagt: "Wenn das Gewicht eine immer größere Rolle spielt. Wenn gemeinsame Mahlzeiten unter Ausreden wie: ,Ich habe schon gegessen\' nicht mehr stattfinden. Wenn zusehends Fette und Kohlenhydrate vermieden werden. Wenn die Betroffenen stetig abnehmen. Wenn Freizeitaktivitäten mit Freunden abgesagt werden - aus Angst, dann mit Essen, etwa dem Popcorn im Kino, konfrontiert zu werden. Oder, weil sie keine Kraft mehr für Unternehmungen haben." Das alles kann auf eine Magersucht hinweisen.
Deutlich schwieriger sei es, eine Bulimie zu erkennen. Augenscheinlich essen die Betroffenen normal. Heißhungerattacken geschehen meist im Geheimen. Und dadurch, dass das Aufgenommene anschließend erbrochen wird oder Abführmittel genommen werden, kommt es zu keiner Gewichtsveränderung. "Bis ein Bulimie-Patient ärztliche Hilfe aufsucht, vergehen durchschnittlich sieben Jahre", sagt Dr. Schaan.
Wer befürchtet, ein ihm nahestehender Mensch leide an einer Essstörung, der solle diesen darauf ansprechen, aber dennoch die Problematik nicht zum Dauerthema machen, rät der Arzt: "Die Betroffenen beschäftigen sich selbst bereits permanent damit. Da bringt es nichts, dass das Problem auch Dauerthema in der Freundschaft oder der Familie wird." Hilfreich könne sein, den Hausarzt auf das Problem aufmerksam zu machen, damit dieser als Außenstehender mit den Betroffenen reden könne.
Allen aber macht Schaan Mut: "Die Essstörung kann überwunden und geheilt werden." Aber man braucht Hilfe. Eine Ernährungsberatung ist genauso wichtig wie eine psychologische Betreuung. Denn: "Essstörungen sind immer der Versuch, eine Lösung für ein anderes Problem zu finden. Beziehungsweise, dieses erst gar nicht wahrzunehmen", erklärt Dr. Schaan. Das könne ein Problem in der Partnerschaft sein, die Loslösung vom Elternhaus und - sehr oft - ein geringes Selbstwertgefühl.Extra

Hilfe für Betroffene und Angehörige bietet das Netzwerk Essstörungen, eine Kooperation der Abteilung Psychosomatik - Schmerzmedizin der Inneren Medizin 2 des Klinikums Mutterhaus (Dr. Werner Schaan) sowie der Abteilung Klinische Psychologie, Gesundheitspsychologie und Prävention der Uni Trier (Dr. Karoline Weiland-Heil). Beim Netzwerk kann man sich - auch anonym - Rat holen. Auf der Internetseite wird zudem ausführlich über Essstörungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten informiert, zudem sind verschiedene Anlaufstellen aufgeführt. arn essstoerungen-trier.de