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Köttbullar und Sterneköche
Der Handel setzt auf Gastronomie

Ikea bietet schon seit langem das traditionell schwedische Gericht „Köttbullar“ an. Foto: Julian Stratenschulte
Ikea bietet schon seit langem das traditionell schwedische Gericht „Köttbullar“ an. Foto: Julian Stratenschulte FOTO: Julian Stratenschulte
Düsseldorf/Mannheim/Stuttgart. Eine Champagnerbar mit 120 Sorten Schaumwein im Supermarkt, Sterneköche im halben Dutzend im Modehaus und natürlich Köttbullar beim Möbelkauf: Im Kampf gegen die wachsende Online-Konkurrenz setzt der Einzelhandel immer stärker auf Essen und Trinken als Lockmittel. Von Erich Reimann, dpa

„Die Gastronomie im Handel und in dessen Umfeld nimmt an Fahrt auf“, beobachtet das Kölner Handelsforschungsinstitut EHI in einer Branchenstudie. Besonders experimentierfreudig ist dabei zurzeit der durch Online-Konkurrenten wie Amazon oder Zalando besonders in
Mitleidenschaft gezogene Modehandel. Einer der Vorreiter ist das
Mannheimer Modehaus Engelhorn. Es beherbergt unter seinem Dach neben
einer Champagnerbar und diversen Restaurants den Gourmet-Tempel „ Opus V “, der inzwischen mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist.

Doch auch die Konkurrenz schläft nicht. Der Rivale Breuninger lockte Ende April gleich mit sechs Sterneköchen, die in seinem Stuttgarter Flagship-Store für rund 1000 Kunden kochten. Ganz vorbei geht der Gastronomie-Trend selbst an H&M nicht. Auch die skandinavische Modekette hat in den Filialen ihrer Premiummarke Arket in Berlin und München inzwischen ganz selbstverständlich ein Café integriert, dass mit seinen vegetarischen und veganen Essensangeboten „die Reinheit, Frische und Einfachheit“ widerspiegeln soll, die allgemein mit Skandinavien assoziiert werde. Für das Fachblatt „Textilwirtschaft“ steht fest: „Essen ist in Mode.“

Handelsexperten halten die Gastro-Strategie durchaus für
vielversprechend. Schließlich lässt sich ein solcher
„Erlebniseinkauf“ im Internet kaum kopieren. Auch in den großen
Shopping-Centern spielen Restaurants und Cafés deshalb eine immer
wichtigere Rolle. Belegten gastronomische Angebote noch vor einigen
Jahren gerade einmal sechs Prozent der Verkaufsfläche, so hat sich
diese Zahl mittlerweile der EHI-Studie zufolge „in vielen
Shoppingmalls mindestens verdoppelt“. Zum Teile liege der
Gastro-Anteil sogar bereits bei knapp 15 Prozent.

Der Shopping-Center-Betreiber ECE betont, ein gutes
Gastronomieangebot trage heute dazu bei, die Verweildauer und die
Aufenthaltsqualität in den Einkaufszentren zu erhöhen. Etwa 60
Prozent der Besucher nutzten die Gastronomie bei ihrem Besuch. Rund
40 Prozent wählten das Shopping-Center sogar nach dem Essensangebot
aus. In den vergangenen Jahren hat ECE daher den Gastronomieanteil
nach eigenen Angaben signifikant ausgebaut.

Auch der Lebensmittelhandel ergänzt sein Angebot immer öfter durch
gastronomische Angebote. Das reicht vom - eher bescheidenen -
Kaffeeautomaten in den modernisierten Filialen des Discounters Aldi
bis zur Champagnerbar mit 120 verschiedenen Sorten und einem riesigen
vegetarischen Restaurant in der neuen Filiale von Edeka Zurheide in
der Nähe der Düsseldorfer Königsallee. Selbst im Buchhandel finden
sich laut EHI zwischen den Regalen immer öfter Cafés und sogar kleine
Restaurants, die zum Verweilen einladen.

Andere Sparten wie Möbel- oder Warenhäuser haben die Gastronomie
schon vor Jahrzehnten für sich entdeckt - allen voran Ikea. Die
skandinavische Möbelkette macht nicht nur Milliardenumsätze mit
Billy-Regalen und Poäng-Sesseln. Sie gehört dank Köttbullar und Co.
nach Angaben des Branchenverbands Dehoga auch zu den zehn größten
Systemgastronomen in Deutschland und macht mit Essensangeboten mehr
Umsatz als Ketten wie Vapiano oder Starbucks.

Ein Ende der Gastronomie-Begeisterung im Handel ist nicht in Sicht,
glaubt das EHI. Denn: „Das Miteinander von Gastronomie und Handel
emotionalisiert das Einkaufserlebnis und erhöht im Idealfall auch die
Attraktivität, die Aufenthaltsqualität und die Verweildauer.“

ECE zu Gastronomieangeboten

Breuninger zu Sterneköche-Küchenparty

H&M-Tochter Arket zum Café-Konzept

Homepage Opus V

Bei Edeka steht künftig auch ein vielfältiger Salat auf der Speisekarte. Foto: Rolf Vennenbernd
Bei Edeka steht künftig auch ein vielfältiger Salat auf der Speisekarte. Foto: Rolf Vennenbernd FOTO: Rolf Vennenbernd
Bei Edeka kann man nun auch Hummer essen. Foto: Rolf Vennenbernd
Bei Edeka kann man nun auch Hummer essen. Foto: Rolf Vennenbernd FOTO: Rolf Vennenbernd
Der Koch Tristan Brandt zeigt in seinem Restaurant Opus V ein zubereitetes Stubenküken. Foto: Uli Deck
Der Koch Tristan Brandt zeigt in seinem Restaurant Opus V ein zubereitetes Stubenküken. Foto: Uli Deck FOTO: Uli Deck