Was ist eigentlich ein Fachanwalt?

Gut zu wissen! : Was ist eigentlich ein Fachanwalt?

Saskia hat sich erst kürzlich von ihrem Partner getrennt und gerade eine neue, eigene Wohnung bezogen. Nachdem beide viele Versicherungen gemeinsam abgeschlossen hatten, macht sich die 30-Jährige nun daran, alles zu sortieren, ggf. zu kündigen oder umzuschreiben. Beim Blick auf die Rechtschutzversicherung fällt sie über eine Fachanwalt-Klausel, die sie auf den ersten Blick nicht versteht.

Wie Saskia geht es vielen Verbrauchern in ganz unterschiedlichen Situationen. Sie brauchten rechtlichen Rat, wissen aber gar nicht, wie sie die unterschiedlichen Bezeichnungen versierter Juristen unterscheiden sollen. Rechtsanwalt Sebastian Einbock vom Team von fachanwalt.de steht zum Thema "Was ist eigentlich ein Fachanwalt?" für dieses Interview Rede und Antwort.

Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen einem Rechtsanwalt und einem Fachanwalt?

Um zu verstehen, was den Rechtsanwalt vom Fachanwalt unterscheidet, ist es wichtig zu wissen, was sie eint. Der gemeinsame Nenner dieser beiden Juristen ist ihre Ausbildung. Sie haben ein juristisches Studium durchlaufen, haben eine Gerichtszulassung und unterliegen der Schweigepflicht. Die sogenannte Gerichtszulassung regelt, vor welchen Gerichten sie ihre Mandanten vertreten dürfen. Eine Vertretung vor dem Amtsgericht, dem Landgericht sowie dem Verwaltungs-, Sozial-, Finanz- und Arbeitsgericht ist jedem Rechtsanwalt gestattet. Um einen Mandanten am Bundesgerichtshof zu vertreten, braucht der Anwalt eine spezielle Zulassung. Soweit zur einheitlichen Regelung, die alle Anwälte betrifft. Was sich im Einzelnen hinter den Gerichten verbirgt, zeigt ein Beitrag unter planet-wissen.de.

Wie unterscheidet sich die Ausbildung bei einem Rechtsanwalt und einem Fachanwalt?

Die Ausbildung zum Anwalt ist deutschlandweit einheitlich geregelt. Das heißt: Das Jurastudium endet mit dem Ersten Staatsexamen. Anschließend agiert der angehende Jurist zwei Jahre lang als Referendar. Während diesen zwei Jahren gibt es Pflichtstationen - wie etwa im Zivilrecht, im Strafrecht, im Verwaltungsrecht und bei einem Anwalt. Anschließend kann der Jurist wählen, welcher Rechtsbereich ihm am meisten liegt und wo seine fachlichen Schwerpunkte liegen. Nach den zwei Jahren als Referendar absolviert der Jurist das Zweite Staatsexamen. Mit der Ernennung zum Volljuristen endet dieser Teil der Pflichtausbildung. Der Volljurist beantragt eine Anwaltszulassung.

Was ist der Unterschied zwischen einem Rechtsanwalt und einem Fachanwalt?

Die Spezialisierung auf ein Fachgebiet ist das, was einen Fachanwalt von einem Rechtsanwalt unterscheidet. Ein Anwalt darf sich nicht auf unendlich viele Fachbereiche spezialisieren. Maximal drei Fachanwalt-Titel darf ein Fachanwalt führen. Das bedeutet auch, dass er in diesem Fachbereich über spezielles Wissen und spezielle Erfahrungen verfügt. Der Fachanwaltstitel bedeutet keine Einschränkung, sondern eine Spezialisierung. Grundsätzlich darf jeder Anwalt in jedem Bereich tätig sein - auch in denen, in denen er keinen Fachanwalts-Titel hat. Allerdings mangelt es ihm in diesem Bereich dann eben an der Spezialisierung, die ein Fachanwalts-Kollege in dem Bereich vorweisen kann.

Und wie geht’s weiter auf dem Weg zum Fachanwaltstitel?

Mehrere Schritte sind nötig, um Fachanwalt zu werden. Ein Besuch eines Fachanwaltslehrgangs mit mindestens 120 Stunden ist Pflicht. Auch muss der angehende Fachanwalt erneut Klausuren ablegen - diesmal in seinem anvisierten Fachbereich. Hinzu kommt der Nachweis von fachspezifischen Fällen. Das bedeutet, dass - in Abhängigkeit vom jeweiligen Fachgebiet - 50 bis 160 Fälle mithilfe einer Fallliste vorgelegt werden müssen, um auch die Praxiserfahrung nachweisen zu können. Ob ein Fachgespräch nötig ist, entscheidet der Ausschuss bzw. die Rechtsanwaltskammer. Das Fachgespräch wird nur äußerst selten verlangt.

Und dann bleibt der Fachanwaltstitel bestehen?

Der Fachanwalt muss jährlich eine Fortbildung in seinem Fachbereich absolvieren. So wird der Titel "Fachanwalt" zum Nachweis einer speziellen Ausbildung und einer regelmäßigen Fortbildung. Achtung: Der Titel "Fachanwalt" ist nicht zu verwechseln mit den Tätigkeitsschwerpunkten, die ein Anwalt beispielsweise ausweist, um über seine Fachexpertise zu informieren.

Was bedeutet es, wenn ein Anwalt Tätigkeitsschwerpunkte ausweist?

Die Alternative zur Weiterbildung zum Fachanwalt ist eine schlichte Nennung der eigenen, juristischen Schwerpunkte. An diese Stelle besteht Verwechslungsgefahr: Der Fachanwalt darf sich auf drei Fachbereiche spezialisieren. An Interessen darf er insgesamt fünf bekunden, beispielsweise online, auf seiner Homepage oder in seinem Leistungsportfolio. Auch hierfür gibt es eine klare Regelung: Erst wenn der Anwalt sich zwei Jahre lange mit seinem Lieblings-Interessengebiet beschäftigt hat, darf er diesen Bereich auch als "Tätigkeitsschwerpunkt" ausweisen.

Ist es sinnvoll, sich für jede Eventualität einen Fachanwalt zu nehmen?

Ja und nein. Für allgemeine Fälle, die im klassischen Jurastudium absolviert werden, muss kein Anwalt mit einem Titel als Fachanwalt gesucht werden. Allerdings sind die Rechtswissenschaften ein dynamischer Bereich. Von einem Fachanwalt wird nicht nur mehr Wissen und Erfahrung erwartet, sondern auch, dass er sich in seinem Fachbereich regelmäßig weiterb ildet bzw. Kenntnis aktueller Rechtsprechung hat. Eine Spezialisierung ist inhaltlich für jeden Anwalt nötig, um im Fachbereich auch Expertise beweisen zu können. Die Rechtswissenschaften sind deutlich zu umfangreich, um in der Gänze von einem Juristen beherrscht zu werden. Deswegen ist eine fachliche Fokussierung in jedem Fall nötig. Die Weiterbildung zum Fachanwalt weist diese Spezialisierung deutlich aus - vor allem auch in Richtung der Endverbraucher, sprich: der Klienten des Anwalts.

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