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Was tun gegen Angst? Übungen für Krebskranke und andere

Interview mit Carlita Metzdorf-Klos : Trierer Psychoonkologin erklärt sieben Übungen gegen die Angst

Eine Krebserkrankung geht oft mit Ängsten einher. Das ist verständlich, sagt die Trierer Psychoonkologin und erklärt, wie sie sich in Schach halten lassen und was dabei im Körper vorgeht.

Eine Krebserkrankung ist nicht nur körperlich eine große Herausforderung. Es gibt viele unbeantwortete Fragen und Unsicherheiten, die Betroffene, ihre Familien und Freunde belasten und Ängste auslösen können. Das ist verständlich, sagt Carlita Metzdorf-Klos. Die Leiterin des Beratungszentrums Trier der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz erklärt, wie Angst  entsteht, wie sie eine Verbündete sein kann, aber auch, was zu tun ist, sollte sie zu groß werden.  Außerdem gibt die Diplom-Pädagogin und Psychoonkologin Tipps, wie  nicht nur Krebskranke belastende Gedanken im Alltag unterbrechen können.

  Zur Person : Carlita Metzdorf-Klos (58) arbeitet seit 2007 in der ambulanten psychoonkologischen Beratung der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz. Die Diplom-Pädagogin mit zahlreichen Zusatzausbildungen war zuvor unter anderem in der Suchtberatung und in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.
Zur Person : Carlita Metzdorf-Klos (58) arbeitet seit 2007 in der ambulanten psychoonkologischen Beratung der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz. Die Diplom-Pädagogin mit zahlreichen Zusatzausbildungen war zuvor unter anderem in der Suchtberatung und in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Foto: Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz

Was bewirkt Angst, ist sie Freundin oder Feindin?

Carlita Metzdorf-Klos: Angst entsteht, wenn wir etwas wahrnehmen, hören, fühlen oder denken, was uns bedrohlich erscheint. Diese Wahrnehmung wird sofort an unser Gehirn weitergeleitet. Wird sie dort als Gefahr bewertet, kommt es zu chemischen Reaktionen und unser Körper beginnt mit der Ausschüttung verschiedener Hormone, wie zum Beispiel Adrenalin und Noradrenalin. Herzschlag und Atemfrequenz erhöhen sich, der Blutdruck steigt an, die  Hände können schwitzen – und wir reagieren automatisch. Komplexe Denkprozesse sind bei allen Menschen, die Angst empfinden, eingeschränkt. So werden wir in einen Zustand versetzt, blitzschnell auf drohende Gefahren reagieren zu können. Seit Urzeiten treten wir entweder die Flucht an, oder wir kämpfen. Sonst hätten wir bis heute nicht überlebt. Angst schützt uns vor Gefahren. Angst kann aber auch blockieren. Gelingt es, einen Umgang mit der Angst zu finden, kann sie eine Verbündete sein.

Was, wenn sie zu stark wird?

Carlita Metzdorf-Klos: Angst wird übermächtig, wenn jemand die meiste Zeit des Tages von Sorgen verfolgt wird, die er glaubt, nicht bewältigen zu können. Die mit ständigem Grübeln verbundene Anspannung wirkt sich seelisch und auch körperlich negativ aus. Symptome können Kopf- und Bauchschmerzen oder Schlafstörungen sein. In diesem Fall gelingt eine Angstbewältigung nur selten allein und es  ist  ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ansprechpartner finden Betroffene in den Krebsberatungszentren, wie bei uns in der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz in Trier. Die Mitarbeiterinnen sind als Psychoonkologinnen ausgebildet. Stellt sich allerdings im Gespräch heraus, dass der oder die Betroffene mehr Unterstützung braucht, verweisen die Mitarbeiterinnen weiter an niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten. Auch die Kassenärztliche Vereinigung hält entsprechende Listen mit Psychotherapeuten für Trier und die Region bereit (siehe Adressen).

Was kann eine positive Einstellung bewirken?

Carlita Metzdorf-Klos: Viele Erkrankte begleitet die Angst seit dem Moment der Krebsdiagnose – sie sorgen sich um die Heilungschancen und den Verlauf der Krankheit,  fürchten sich vor Behandlungen (Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, Medikamenten), um deren Wirkungen und Langzeitfolgen. Das ist eine ganz natürliche Reaktion. Gerade in der Krebsbehandlung fehlen Betroffenen und Angehörigen oft die nötigen Erfahrungen, um sich im medizinischen System besser zu Recht zu finden. Sie fühlen sich unsicher. Deshalb spielen die Arzt-Patienten-Beziehung und die Kommunikation eine wesentliche Rolle, weil sie die  sogenannte  „compliance“ (englisch: Einhaltung/Übereinstimmung) beeinflussen kann, und ob sich der Patient an die Behandlungsempfehlungen hält.

Wie wichtig ist die Kommmunikation?

Carlita Metzdorf-Klos: Eine schottische Studie (McCowan Studie, British Journal of Cancer, 2008) mit an Brustkrebs erkrankten Frauen ergab, dass compliance für den Therapieerfolg wesentlich ist. In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) für die Krebsbehandlung wird einer dem Patienten angemessenen Kommunikation ein ganzes Kapitel gewidmet, weil sie zu einer höheren Zufriedenheit und damit zu einer positiven Einstellung führt.

Was bewegt Betroffene?

Carlita-Metzdorf-Klos: Neben den Ängsten vor der Therapie und deren Erfolg, vor Schmerzen und Leid, gibt es auch die Angst vor einem Rezidiv und vor sozialer Isolation, vor Armut, vor dem Verlassen-werden und davor, die Angehörigen zu sehr zu belasten …  Wenn auch nur zeitweise und oft mit gutem Ausgang, hinterlassen die Erfahrungen der Krebserkrankung „Spuren“. Wie tief sie sind, ist ganz unterschiedlich. Woran der Eine zu zerbrechen droht, stellt für den Anderen eine Chance dar, sein Leben zu bilanzieren und neue Perspektiven zu entwickeln. Auch das Alter spielt eine Rolle: Bei jungen Menschen sind andere Themen vordergründig als bei älteren, zum Beispiel die  Kinderversorgung, der Beruf und vieles mehr. Das Thema „Sterben und Tod“ ist jedoch ungeachtet des Alters und der Prognose präsent, sobald die Krebsdiagnose gestellt wird. Das Geschlecht spielt nach unseren Erfahrungen in der Beratung der Krebsgesellschaft eher eine untergeordnete Rolle. Männer und Frauen haben gleichermaßen Ängste und machen sich Gedanken.

Was bringt Austausch, wann kann er schaden?

Carlita-Metzdorf-Klos: Manche Menschen ziehen sich in einer existenziellen Lebenssituation wie einer Krebserkrankung lieber zurück, anderen wiederum tut der Austausch und Vergleich mit anderen Betroffenen gut, weil er ihnen das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein. Leider liegt im direkten Vergleich auch eine Gefahr: Denn hinter vermeintlich gleicher Diagnose verbirgt sich ein unterschiedliches Krankheitsbild, das von vielen Faktoren wie Tumorgröße, und -lage, Metastasierung, Therapie und vielem mehr abhängt. In unseren Gruppengesprächen oder in Selbsthilfegruppen können Interessierte Rat und Unterstützung finden. Zu erfahren, dass es anderen ähnlich ergeht,  sie ähnliche Ängste und Gefühle begleiten, kann sehr befreiend wirken. Es ergeben sich neue Sozialkontakte und jeder lernt übergeordnete Themen kennen. Aber noch einmal Vorsicht vor einem direkten Vergleich: Jeder Fall, jede Erkrankung und jeder Genesungsprozess ist individuell.

Was hilft gegen ungute Gefühle und Gedanken?

Carlita Metzdorf-Klos: Es gibt eine Reihe kleiner Übungen gegen Angst, die sehr gut in den Alltag integriert werden können. Sie helfen, Gedankenketten zu unterbrechen, die Kontrolle über sich zurück zu erlangen und den damit verbundenen körperlichen Stress zu regulieren. Krebspatienten können sie gezielt in vielen Situationen einsetzen: bei der Nachsorge, während der Chemotherapie, der Bestrahlung, beim CT oder auch zwischendurch, wenn die Gedanken Schleifen drehen.

Hier geht es zur Infostrecke: Sieben Tipps: So bekämpfen Sie Ihre Angst