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Am Rand und doch in der Mitte

Am Rand und doch in der Mitte

Wenn von Großregion die Rede ist, geht der Blick zumeist nach Luxemburg. Doch auch Ostbelgien ge hört zum Verbund mit Saar land, Lothringen, Luxemburg und Rheinland-Pfalz. Die beiden Kantone Eupen und St. Vith mit zusammen rund 75 000 Einwohnern haben viel mehr zu bieten als Land wirtschaft und Möbelhandel.

Wer an Belgien denkt, der hat meist die einsame Hochebene des Hohen Venns vor dem inneren Auge, landestypische Leckereien wie Bier, Schokolade oder Pommes Frites und womöglich die vielen Möbel- und Antiquitätenhändler im Grenzgebiet. Auch kommt ihm in den Sinn, was hierzulande als Staatskrise gilt und was jenseits des Flüsschens Our mit großer Gelassenheit gemeistert wird.

Eine Besonderheit des belgischen Staats ist das Fehlen landesweiter Parteien und Medien. Vielmehr hat jeder "Gliedstaat", wie die einzelnen Teile offiziell genannt werden, seine eigene Landschaft. Vom angeblichen Zerfall Belgiens in einen flämischen und wallonischen Teil und der Hauptstadt Brüssel als Zankapfel ist indes in Eupen nichts zu spüren.

"Das Land ist nicht blockiert", sagt Karl-Heinz Lambertz, Ministerpräsident der Deutsch sprachigen Gemeinschaft (DG). "Da viele Dinge von den Teilstaaten - zu denen innerhalb der belgischen Föderation auch die DG zählt - in Autonomie geregelt werden, arbeitet jede Ebene unabhängig." Lambertz ist überzeugt, dass Belgien ein Staat im Wandel und nicht in Auf lösung ist.

Die DG ist die kleinste Einheit mit Gesetzgebungs gewalt in der EU, hat als Minderheit allerdings keinen Einfluss auf die strukturelle Entwicklung Belgiens. Vielmehr gehört sie zur Region Wallonie. "Unser Wunsch ist es, dass für uns dasselbe gilt wie für die anderen belgischen Teilstaaten, bei denen Gemeinschaft und Region identisch sind, und dass wir weitere Zuständigkeiten übertragen bekommen, insbesondere Raumordnung und Wohnungswesen", sagt Lambertz. Er ist ein Verfechter des Grundsatzes "small is beautiful" und hat daraus eine eigene Strategie entwickelt.

In einem auf das Jahr 2025 angelegten regionalen Entwicklungskonzept erscheint die Grenzlage als eine besondere Chance Ostbelgiens. "Unsere geopolitische Situation ist interessant. Wir können reiche und vielfältige Partnerschaften eingehen mit den Niederlanden, den deutschen Nachbarländern, Luxemburg und sogar mit Lothringen. Inter regionale Netzwerke sind im Aufbau, beispielsweise mit der Zukunftsinitiative Eifel. Allerdings ist klar: Es ist noch eine Mammut aufgabe, unseren Standort nach außen hin bekannter zu machen."

In der Tat ist in den deutschen Nachbarregionen kaum bekannt, welche Stärken und Schwächen die beiden Kantone Eupen mit mehr als 60 Prozent der DG-Bevölkerung und St. Vith mit fast 40 Prozent charakterisieren. Dabei dient die ländliche Region als Refugium für viele aus Nordrhein-Westfalen. "Die Verflechtungen vor allem mit der Region Aachen sind eng, in und um Eupen sind zwischen 30 und 50 Prozent der Einwohner Deutsche, die bei uns wohnen und jenseits der Grenze arbeiten", erläutert Marc Langohr, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Ostbelgien. Während 4700 Menschen aus der DG täglich Richtung Aachen pendeln, gibt es rund 300 Pendler aus der Eifel in den Bezirk Verviers. Mit einer Beschäftigungsrate von mehr als 62 Prozent liegt die DG über dem belgischen Durchschnitt und fast so hoch wie in Flandern. "Die Bevölkerung der Deutschsprachigen Gemeinschaft kann vor allem ihr interkulturelles Know-how in die Waagschale werfen", schildert Langohr einen Standortvorteil. "Mehrsprachigkeit und Vertrautheit mit der frankophonen und der deutschen Kultur und Mentalität machen die hiesigen Arbeitskräfte attraktiv."

Angesichts der demografischen Entwicklung, einer Alterung der Gesellschaft wie in Deutschland, wird auch der Fachkräftemangel bereits spürbar, sagt Langohr: "Daher haben wir Versuche gestartet, Arbeitskräfte aus Ostdeutschland zu bekommen. Bislang allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Zudem arbeiten wir mit den umgebenden Hochschulen in Aachen, Namur, Lüttich und Leuven zusammen, um Fachkräfte heranzuziehen, und wir haben eine DG-eigene Hochschule für die Ausbildung von Lehr- und Pflegekräften." Die DG unterhält auch ein Institut zur Aus- und Weiterbildung des Mittelstands. Weitaus die meisten Betriebe sind mit weniger als zehn Beschäftigten kleine Familienunternehmen, die generell als relativ krisenresistent gelten. Es gibt auch eine Reihe größerer Betriebe (siehe Extra).

Günstig und zentral: Ein attraktiver Standort



"Wir kümmern uns natürlich intensiv um die Bestandspflege dieser Betriebe", schildert Wirtschaftsförderer Langohr, "aber wir sind auch daran interessiert, neues Gewerbe anzusiedeln. Ein neues Gewerbegebiet mit knapp 130 Hektar in Eupen wird auch in Deutschland vermarktet."

Neben den erwähnten Fähigkeiten der ostbelgischen Mitarbeiter nennt Langohr ein Argument, das bei Wirtschafts- und Verkehrspolitikern auf deutscher Seite für Beunruhigung sorgen dürfte: "Wir haben niedrige Grundstückspreise. Dabei ist unsere Region jedoch bereits verkehrstechnisch optimal angebunden mit Autobahnen direkt ins Ruhrgebiet und nach Antwerpen oder Rotterdam, mit dem Nachtflughafen in Lüttich und dort auch dem drittgrößten Binnenhafen Europas sowie zwei TGV-Bahnhöfen mit Schnellverbindungen nach Paris." Sowohl der Ministerpräsident als auch der DG-Wirtschaftsförderer signalisieren damit, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Ostbelgien ein weißer Fleck auf der wirtschaftlichen Landkarte war. Der Wettbewerb der Standorte ist eröffnet - auch vor dem Hintergrund eines er starkten Autonomiebedürfnisses der belgischen Teilstaaten.

EXTRA



Die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) Belgiens wurde 1973 geschaffen. Sie umfasst rund 850 Quadratkilometer und ist politisch eigenständig in den Bereichen Unterricht, Aus bildung, Beschäftigung, Familie, Gesundheit, Soziales, Kultur, Tourismus, Sport, Medien, internationale Beziehungen und bei der Aufsicht über die neun deutschsprachigen Gemeinden in den Kantonen Eupen mit mehr als 45 000 Einwohnern und St. Vith mit knapp 30 000.

UNTERNEHMEN IN DER ÜBERSICHT



Das größte im Bereich der Deutschsprachigen Gemeinschaft angesiedelte Unternehmen ist die Kabelwerk Eupen AG, die mit knapp 900 Mitarbeitern Kabel und Rohre herstellt. In der Rangliste der größten Arbeitgeber auf Platz zwei liegt die NMC mit der Produktion von Schaumstoffen für Isolier zwecke, Dekorationen oder Verpackungen - hier sind rund 400 Menschen beschäftigt. Es folgt Hydro Aluminium Raeren, das Profile aus Alu fertigt und rund 230 Mitarbeiter zählt. Die restlichen größeren Unternehmen der beiden ostbelgischen Kantone haben zwischen 80 und 170 Beschäftigte, sie ge hören unter anderem zu den Sparten Logistik, Industrie zulieferer, Kunststoffverarbeitung, Nahrungsmittelindustrie oder Baugewerbe.