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Antike Kampfkunst trifft auf moderne Geschäftsidee

Antike Kampfkunst trifft auf moderne Geschäftsidee

Die Berufung zum Beruf machen, davon träumen viele Menschen. Jan Krüger hat es geschafft. Der Schauspieler und Kampfsportler hat seine Kompetenzen gebündelt und in Trier eine Gladiatorenschule eröffnet. Mit ihr will er die Geschichte, Werte und Kampftechniken der antiken Extremsportler vermitteln und ein eigenes Gladiatorenteam aufstellen.

Tok! Tok! Holz schlägt auf Holz. Jan Krüger klopft mit dem Schwert gegen seinen Schild, geht seinem Gegner entgegen. Auch Frank Coura rüstet sich zum Kampf, bringt sein Netz in Position, wirft es - und trifft. Es rutscht ab über dem runden Helm Krügers. Coura greift zum Dolch. "Du musst schneller ziehen", ruft Krüger. Sein Kurzschwert, Lateinisch Gladius, gab den Kämpfern in römischer Zeit ihren Namen: Gladiatoren - die Schwertkämpfer.Staub wirbelt auf, hüllt die Kämpfer ein. Die Sonne sticht, Schweiß rinnt. Römische Verhältnisse in Triers Amphitheater. Dort, wo vom ersten bis ins fünfte Jahrhundert römische Athleten kämpften, trainieren heute die Schüler von Jan Krügers Gladiatorenschule. Mit Holzschwertern, genau wie die antiken Vorbilder. Die Zuschauer von heute sind allerdings weniger blutrünstig: Touristen, die die Kämpfer in der Arena bewundern. Ihnen erklärt Krüger gerne alles zur Gladiatur.
Der Schauspieler kam mit ihr in Berührung, als er 2010 die Rolle des Herkules in einem Stück des Trierer Römerspektakels "Der Kampf des Herkules" übernahm. Dafür sei er 2009 in Italien gewesen und habe bei der Mailänder Gladiatorenschule Ars Dimicandi einen Crashkurs in römischer Kampfkunst absolviert, berichtet Krüger. "Die Mitglieder des Instituts erforschen, lernen und zeigen seit 1995 die Gladiatur. Diese Männer kämpfen nicht nur wie echte Gladiatoren, sie leben diese uralte Philosophie." Ars Dimicandi - zu Deutsch: "Die Kunst des Kampfs" - ist von Beginn an fester Bestandteil der Trierer Brot & Spiele. Sein Startkapital war ein Helm
Dario Battaglia, Buchautor und einer der Gründer, erforscht seit mehr als 20 Jahren die Kämpfe der Antike. "So können wir die Techniken und Taktiken ausprobieren." Das Institut sei so etwas wie sein Dachverband. "Dario hat mich so beeindruckt, dass ich im Januar 2011 die Gladiatorenschule gegründet habe." Startkapital: "Ich habe mit einem Helm angefangen", sagt Krüger. Nach und nach lasse er weitere anfertigen, dazu Schilde, Schwerter und sonstige Ausrüstung. "Ich musste einen Schmied finden und jemanden, der Schilde baut."
Inzwischen schätzt Krüger den Wert seiner Schule auf rund 15.000 Euro an Material und dessen Entwicklung sowie Kosten für Marketing. Sie bringe ihm zurzeit etwa ein Drittel seiner Einnahmen - zwei Drittel erwirtschafte die Schauspielerei. "Mein Ziel ist 50 Prozent, so dass ich zwei gleich starke Standbeine habe", sagt er.
Geholfen habe ihm ein Artikel, der über die Deutsche Presseagentur die Medien aufmerksam gemacht habe, etwa die Zeitschriften Manager Magazin und Der Spiegel. Zeitungen, Radio- und Fernsehsender hätten sich sozusagen die Klinke in die Hand gegeben, erzählt Krüger, der zudem auf einigen Messen wie der Internationalen Tourismusbörse in Berlin war. Mitarbeiter der Fernsehsendung Galileo waren bei ihm zum Probetraining, weitere vom SWR, Pro7 und sogar von CNN. "Für September hat sich das ZDF angemeldet." Das habe dazu beigetragen, dass sein Bekanntheitsgrad gestiegen sei und sich die Programme besser verkauften. Die Kunden kommen aus ganz Deutschland, und auch aus Österreich gebe es Anfragen. Zurzeit interessierten sich vor allem touristische Magazine aus der Großregion für seine Arbeit. Die Schule bietet Seminare an verschiedenen Orten und im Amphitheater an. "Die Teilnehmer lernen in ein bis zwei Stunden etwas über die Hintergründe und Techniken der Gladiatur. Und sie sind aufgefordert, mitzumachen." Zielgruppen neben Privatpersonen: Schulen und Unternehmen. "Die Mitarbeiter sollen in den Kursen lernen, miteinander zu arbeiten, Teamgeist zu entwickeln und die interne Kommunikation voranzutreiben", sagt Krüger. Er veranstaltet zudem eintägige Camps, in denen auch die Profis von Ars Dimicandi unterrichten. Die Teilnehmer lernen Hintergründe, testen Waffen, üben Kampftechniken. Die Camps finden in Kooperation mit der Tourist-Information Trier statt, zu der Krüger - wie auch zur Generaldirektion Kulturelles Erbe - durch seine Schauspielarbeit Kontakt hat. "Dadurch habe ich die Möglichkeit, das Amphitheater zu nutzen." Im Winter geht es in die Turnhalle.
"Ich habe im Juni 2011 ein Camp besucht", berichtet Elke Mathey aus Prüm, eine von zwei Frauen in Krügers Schule, "und bin hängengeblieben." Inzwischen seien Freundschaften entstanden mit dem neunköpfigen Team, mit dem die 38-Jährige bereits zum Training nach Italien gefahren ist. Etwa drei Jahre und 20 Kämpfe braucht es laut Krüger, bis man sich Gladiator nennen kann. "Mein Ziel ist es, eine Stammgruppe mit etwa sieben Leuten mit insgesamt sieben Waffengattungen zu haben." Mit ihnen möchte er dann, wie die Italiener von Ars Dimicandi, bei Veranstaltungen auftreten.
"Ich lasse mich gerne herausfordern und brauche einen Sport, bei dem ich mich auspowern kann", sagt Mathey. Dazu hat sie gute Gelegenheit, denn der Kampf verbindet Kraft, Kondition, Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Auch Krüger atmet schwer, obwohl er als Kickboxer (1. Dan) gut trainiert ist: 1,80 Meter groß, 80 Kilogramm geballte Kraft. Der Lanista (lat.: Ausbilder) übt stets mit seinen Schülern, verlangt sich alles ab.
Krüger tauscht die Position, tritt als Retiarius (Netzkämpfer) an. "Nutzt die Arena", ruft er seinen Schülern zu. Und seinen Gegnern, traditionell Secutoren (Verfolger): "Wir haben's leichter, wir können uns besser bewegen. Lasst uns nicht arbeiten." Sagt's, geht in Angriffsstellung und wirft das Netz, in dem sich sein Gegner verfängt. Dies nutzt Krüger für eine Attacke, an deren Schluss er einen Stich über das Scutum (Schild) Couras mimt. Dieser geht in die Hocke, hebt die Hand - der Kampf ist beendet.
Man braucht auch ein bisschen Verrücktheit
Den Angriff von oben haben die Schüler zuvor separat geübt. "Wenn der Secutor angreift, wird der Retarier versuchen, ihm von oben in den Nacken zu stechen", sagt der Trainer und empfiehlt: "Hebt euer Scutum hoch, da kommt die Klinge nicht durch." Coura reagiert fix, der 33-Jährige ist seit vier Monaten in der Gladiatorenschule. "Ich hab mich im Internet informiert, die Videos angesehen und mir gedacht: Das ist mal eine Herausforderung. Ein Sport, den nicht jeder macht", sagt er. Der Hermeskeiler ist bereits kampfsporterprobt. Dies hier sei aber anders. "Der Schild wird einem schwer am Arm, und durch die Schlitze im Helm sieht man eingeschränkt." Das Training gehe nicht immer ohne Blessuren und blaue Flecken ab. "Man braucht dazu Kraft und Ausdauer", sagt Coura, "und ein bisschen Verrücktheit." www.gladiatoren-schule.deZur PersonJan Krüger, Jahrgang 1976, lebt in Gondorf (Eifelkreis Bitburg-Prüm)1992 - 2009 Ausbildung und Arbeit als Hotelfachmann2005 - 2008 Leitung einer Kickboxschule in Speicher2003 - 2005 privater Schauspielunterricht in Köln und Trier2006 - 2008 Schauspielstudium am Conservatoire de Musique in Luxemburgseit 2003 Mitwirken in Fernsehfilmen und -sendungen sowie Produktionen in Deutschland und Luxemburgseit 2008 Erlebnisführungen als Mallobaudes in "Verrat in den Kaiserthermen", Zenturio in "Das Geheimnis der Porta Nigra" und Mönch in "Der Teufel in Trier"seit 2009 "Brot und Spiele", Trier, seit 2010 als Herkulesseit 2010 Gladiatorenausbildung in Italien2011 Gründung der Gladiatorenschule