Der Supermarkt mit der Hupe

Während die Tante-Emma- Läden in den Dörfern weiter aussterben, erhalten mobile Märkte die Grundversorgung aufrecht. Bei den über Land fahrenden Kleinlast wagen geht das Einkaufen für den Kunden ent schleunigt und mit viel Menschlichkeit zu.

 Der Verkaufswagen macht in Hohenfels-Essingen (Landkreis Vulkaneifel) Station. Foto: Klaus Kimmling

Der Verkaufswagen macht in Hohenfels-Essingen (Landkreis Vulkaneifel) Station. Foto: Klaus Kimmling

Das Hupen auf der Straße erwartet Johanna Hens (Name von der Redaktion geändert) jeden Donnerstagmittag sehnsüchtig. Dann kommt der Verkaufswagen in ihr Eifeldorf Kirchweiler im Landkreis Vulkaneifel. Die 83-Jährige darf sich Zeit lassen, um den kurzen Weg von der Haustür bis zum mobilen Supermarkt mit Hilfe eines Gehstocks zu bewältigen. Sie weiß: Verkaufsfahrer Frank Lorig wartet auf sie - und zwar keineswegs ungeduldig. "Es gibt viele ältere Menschen, denen bringe ich die benötigten Lebensmittel auch selbst ins Haus, wenn sie das wünschen und brauchen, weil sie bettlägerig sind", erzählt der 36-jährige Einzelhandelskaufmann. Er gehört seit 14 Jahren zum Team der Verkaufs- und Servicefahrer, die das 1950 gegründete Eifeler Familienunternehmen Heiko - rollende Lebensmittelmärkte auf Tour schickt. Und er kennt seine Kunden ganz genau.

Für die meisten ist er nicht Herr Lorig, sondern der Frank. "Man erfährt, wie es der Familie geht oder wer Hilfe braucht. Die Zeit für ein kurzes Schwätzchen muss sein. Das ist nicht nur gewollte Kundenbindung, sondern das macht den Spaß an der Arbeit aus." In den Jahren seiner Verkaufs fahrertätigkeit hat er mit bekommen, wie die Kinder seiner Kunden groß wurden, Familien neu in die Region kamen oder der Arbeit wegen wegziehen mussten - die ganze Breitseite Leben. Johanna Hens bestätigt auf Eifeler Platt, dass für sie die Versorgung mit dem Notwendigen des Alltags lebenswichtig ist. Und dass sie sich darauf verlässt. Lorig versteht ihren Dialekt, er ist selbst ein "Eifeler Jung".

In manchen Dörfern hat er zig Haltestellen, in anderen - wie in Kirchweiler - nicht einmal ein Dutzend. Es hängt mit der demografischen Zusammensetzung der Bewohner zusammen. Wer berufstätig ist, hat kaum Gelegenheit, den tagsüber anrollenden Markt zu nutzen. "Es ist nicht leicht, Neukunden zu finden, und immer mehr ältere sterben oder ziehen um in ein Altenheim. Aber es sind ja nicht nur Senioren, die lieber vor der Haustür kaufen. Es sind auch Mütter und Familien, die es so bequem schätzen." In Gerolstein behauptet sich der Heiko-Wagen sogar gegen die Konkurrenz der Discounter nur einen Steinwurf entfernt. "Das liegt an der Persönlichkeit des Fahrers oder der Fahrerin", unternimmt Lorigs Chef und Heiko-Inhaber Reinhard Steinkamp einen Erklärungs versuch des erstaunlichen Erfolgs.

Vertrautheit gehört da sicher zum Konzept. Nach den mobilen Kleinstkaufhäusern kann man - fast - die Uhr stellen. Ein Tourenbuch regelt für jeden einzelnen Wagen bis ins Detail, welche Station wie angefahren wird.

Erlebniskauf der etwas anderen Art



So viel Zuverlässigkeit gilt, ganz gleich ob die Sommersonne lacht oder Eis und Schnee die Dorfstraßen in Rutschbahnen verwandeln. Wetterkapriolen halten Lorig nicht ab. "Im Winter leiste ich manchmal Pannendienst bei liegengebliebenen Autofahrern." Allerdings sei es auch schon vorgekommen, dass er selbst vom Traktor eines Bauern aus den Schneewehen gezogen werden musste.

Das Ritual ist unter allen Umständen dasselbe: Wenn er die Verkaufsklappe geöffnet hat, steht er wie einst die Händler in den historischen Krämerläden inmitten seines Sortiments und greift aus Kühltheken, Gefrier truhen oder Regalen das, was ihm die Kunden als Wunsch nennen. Und er berät und erklärt die Waren, wenn jemand unsicher ist. Es ist ein Erlebniskauf der etwas anderen Art und bedeutet auf diese Weise vor allem menschliche Nähe. Hier werden die Waren nicht schweigsam im Sekundentakt über einen Scanner gezogen, während die an der Supermarktkasse Schlange stehenden Kunden nur eines wollen: möglichst schnell weg hier.

Wer einen Blick hinter die Verkaufstheke ins Innere des Wagens werfen darf, ist verblüfft über die Fülle des Sortiments, das auf kleinstem Raum untergebracht ist. "Alles ist sicher verstaut, selbst Vollbremsungen machen da nichts kaputt", beruhigt Lorig auf besorgte Nachfrage. Nicht nur Eier von freilaufenden Hühnern werden so mit Vorsicht verpackt. Das Sortiment umfasst neben dem Kern, der für den alltäglichen Bedarf ständig zur Verfügung steht, auch saisonal wechselnde Artikel: So bietet der mobile Kaufmann zwei Herbstwochen lang beispielsweise Trekkingsocken, Fleecejacken, Blumenzwiebeln, Erika-Pflänzchen oder Grablichter an. Alles für die besonderen Bedürfnisse einer ländlichen und zumeist älteren Bevölkerung, die selbst nicht mehr mit dem Auto mehrere Kilometer zum Einkaufen fahren kann oder will.

Aber Modernität ist ebenfalls gefragt, wie Steinkamp erläutert: "Das Bio-Segment nimmt zu. Auch mit Verpackungsgrößen, die auf Single-Haushalte zugeschnitten sind, stellen wir uns auf den demografischen Wandel ein. Neu ist zudem die Zahlung per EC-Karte - das System wird bald eingeführt." Die Möglichkeit, anschreiben zu lassen und am Monatsende abzurechnen, werde ein bei den Kunden beliebter Weg bleiben. Nicht mehr allzu ferne Zukunftsmusik sei es, die Waren per Internet vorzubestellen. Derzeit erhalten die Kunden wöchentlich Angebots prospekte, auf denen sie ankreuzen können, was sie in kommenden Woche mitgeliefert bekommen möchten. "Zwei Drittel der Waren stammen aus der Eifel und dem Moselland", sagt Steinkamp. "Wir bevorzugen insbesondere in den Bereichen Brot und Gebäck, Obst und Gemüse oder Fleisch und Wurst kleine und mittelständische Zulieferer aus der Region, damit wir absolut frische Ware auf die Touren geben."

Diese regionalen Erzeugnisse werden zumeist täglich neu in die Logistikzentrale des Unternehmens nach Neuendorf bei Prüm angeliefert. Kommissioniert werden die Waren in den Hallen in der Nacht. Bereits ab 4.30 Uhr herrscht reger Betrieb, denn bis 7.30 Uhr werden alle Wagen gemäß der Vorgaben des Tourenbuchs bestückt. Der Tag eines Servicefahrers ist lang. Denn nicht nur das eigentliche Überlandfahren und Verkaufen gehört zu seinen Aufgaben, auch das Beladen, Saubermachen und das abendliche Eingeben der tagsüber gesammelten Bestellungen. "Rund zwölf Stunden an fünf Tagen die Woche kommen da mindestens zusammen", erklärt Steinkamp den anspruchsvollen Job. Hohe Sozialleistungen und flexible Arbeitszeitkonten gleichen die Belastungen aus. Dafür bekam der Betrieb 2007 von der Wirtschaftsorganisation Arbeitsgemeinschaft der Selbstständigen den bundesweiten Innovationspreis im Segment Beschäftigung. Frank Lorig, der Einzelhandelskaufmann, rechnet vor: "Normalerweise ist es in unserer Branche selbst mit Vollzeitjob kaum möglich, eine Familie zu ernähren. Hier geht das."

Höhere Spritpreise spürt der Kunde kaum



Gut kalkulieren muss auch der Chef. "Die Budgets der Senioren, also unserer größten Kundenschicht, werden absehbar nicht höher. Also ist es für uns kaum möglich, beispielsweise höhere Sprit- oder Produktpreise auf unsere Endpreise umzulegen. Die sind nur leicht höher als im Supermarkt. Folglich müssen wir beim Einkauf ansetzen", erläutert Steinkamp. Das heißt: Vor allem größere Abnahmemengen sind das Instrument, um die Verkaufspreise wett bewerbsfähig zu halten. Unter anderem diese Entwicklung war der Grund, dass Heiko im Jahr 2000 den bis dahin als Konkurrent fahrenden Muh-Frischdienst übernahm. Die Marke blieb dabei erhalten. Diese rollenden Versorger haben einen etwas anderen Produktschwerpunkt und sind für die Kunden begehbar. So gibt es Supermarkt-Feeling en miniature.

DAS UNTERNEHMEN



Heiko - rollende Lebens mittelmärkte hat seinen Firmensitz in Neuendorf im Eifelkreis Bitburg-Prüm. Beliefert werden derzeit 30 500 Haushalte in der Großregion Eifel, Moselland, Hunsrück, Ostbelgien, Luxem burg und Saarland bis in den Raum Köln-Bonn. Es gibt 62 Verkaufswagen und rund 80 Verkaufs- und Ser vicefahrer, die fest angestellt und auf Pro visions basis ar beiten. Darüber hinaus fah ren vier sogenannte Pausenflitzer Industriebetriebe, Baustellen oder Werkstätten in Gewerbegebieten an, um die dort Arbeitenden mit Pausenverpflegung wie Snacks, Milchprodukten und Getränken oder mit Zeitungen zu versorgen.

EXTRA

 Logistik im Lager. Foto: Klaus Kimmling

Logistik im Lager. Foto: Klaus Kimmling

 Sie gehören seit Jahren zur Kundschaft von Verkaufsfahrer Frank Lorig (links): Alfons Kirstgen und Marianne Kirstgen in Hohenfels-Essingen. Foto: Klaus Kimmling

Sie gehören seit Jahren zur Kundschaft von Verkaufsfahrer Frank Lorig (links): Alfons Kirstgen und Marianne Kirstgen in Hohenfels-Essingen. Foto: Klaus Kimmling



Die demografische Entwick lung wird einen weiter an steigenden Altersdurch schnitt der Bevölkerung brin gen - ver bunden mit Ein schränkungen in der Mo bi li tät. Zugleich ist damit zu rechnen, dass tra di tionelle Dorfläden völlig ver schwin den. Vor diesem Hintergrund hat Heiko ge meinsam mit der IHK Trier einen neuen Lehrberuf ent wickelt. Seit 2005 ist die zwei jährige Ausbildung zum Service fahrer anerkannt. Hier kommen kaufmänni sches, technisches und logistisches Know-how zusammen.

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