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Die Liebe zum schönen Klang reicht über vier Generationen

Die Liebe zum schönen Klang reicht über vier Generationen

Alten Saiteninstrumenten ihren Klang wiedergeben und neue mit Wissen und Intuition bauen: Über vier Generationen bleibt die Trierer Familie Kling dem Traditionshandwerk des Geigenbaus bereits treu - und widersetzt sich damit der Konkurrenz von billigen Serienproduktionen.

Trier. Mit geübten Griffen dreht Josef Kling an den Wirbeln, zupft einige Saiten, hört genau hin, dreht erneut, zupft wieder. Zufrieden legt er das Instrument beiseite.

Einen neuen Satz Wirbel - also jene Pflöcke, auf denen die Saitenenden aufgerollt werden - hat die Violine bekommen. Solche Aufträge gehören zum Alltagsgeschäft des Geigenbauers Josef Kling. Seit knapp 20 Jahren betreibt der 55-Jährige den Laden in der Nähe des Theaters, den er 1981 von seinem Vater übernommen hatte. Dieser hatte seine Werkstatt 1960 in der Thebäerstraße eröffnet.

Kling tupft etwas Flüssigkeit auf ein Tuch und poliert das Holz mit kräftigen, präzisen Bewegungen. Dann hebt er die Geige hoch, klopft mit den Fingerknöcheln dagegen, um zu überprüfen, ob die Zargen - die Seitenteile des Korpus - lose sind. Schließlich bettet er die Violine wieder in den grünen Samt ihres Kastens.

Klings ältester Sohn Albert hat im Jahr 2009 seine Ausbildung zum Geigenbauer in Mailand abgeschlossen. Damit führt der 25-Jährige diese Tradition in vierter Generation fort: Schon Alberts Urgroßvater, also Josef Klings Großvater, widmete sich dem Handwerk und der Kunst des Instrumentenbaus.

"Die Idee war, einmal über den Tellerrand zu schauen", erklärt Josef Kling die Entscheidung seines Sohnes, in Italien, dem Ursprungsland der Geigenbautradition, zu lernen. An der Mailänder Schule werde mehr Gewicht auf das Künstlerische gelegt. "Das Handwerk ist nur Mittel zum Zweck", betont er. Ziel sei es, das Bestmögliche aus den Materialien herauszuholen und das Instrument so zu bauen, dass es dem Anspruch des Musikers genügt. "Wenn der Kunde die Geige spielt, soll sein Gesicht strahlen." Das sei die beste Werbung.

Kling kneift die Augen zu schmalen Schlitzen. Genau peilt er den Hals der Geige an, die er mit beiden Händen waagerecht vor sein Gesicht hält. Er schaut, ob der Steg im richtigen Verhältnis zum Griffbrett steht. Das ist wichtig, damit die Saitenlage stimmt. "Inspektion" nennt Kling das. Es ist ein Service seines Betriebs: Einmal im Jahr können Kunden ihre Instrumente von ihm überprüfen lassen. Hauptsächlich aus dem Großraum Trier kommt die Kundschaft. Aber auch aus dem Saarland, Luxemburg und seltener auch aus Frankreich und Belgien. Orchester- und Hobbymusiker, Schüler und Konzertmeister gehören dazu.

Eine Kundin betritt den Laden. Sie ist auf der Suche nach einem Cello für ihre Tochter. Das für Kinder gedachte Dreiviertel cello sei mittlerweile zu klein, erklärt die Frau. Fünf Jahre spiele ihre Tochter, sie sei richtig gut, wolle vielleicht auch Musik studieren. Kling nickt. Ja, dann könne es sich lohnen, in ein besseres Instrument zu investieren.

Immer weniger junge Leute hätten heute, in Zeiten von Superstar und Supertalent, die Disziplin, die Konzentration und die Geduld, das Geigenspiel zu erlernen. Damit fehlt letztlich auch seinem Betrieb die potenzielle Nachwuchskundschaft - die setzt sich nicht nur aus Profimusikern zusammen, auch passionierte Hobbymusiker gehören dazu.

Zum Geigespielen brauche es neben Talent und einem guten Gehör die Bereitschaft, zu arbeiten. Kling muss es wissen: Als Geigenbauer spielt er selbstverständlich selbst, hat sogar zwei Semester Geige studiert. Auch sein Sohn Albert spielt Violine. Er war sogar Jungstudent an der Saarbrücker Musikhochschule und wurde auf Landesebene mehrmals Preisträger von "Jugend musiziert".

Billigere Konkurrenz: Serienware aus Fabriken



Mit seiner Ausbildung hat sich Albert Kling nun auf den Geigenneubau spezialisiert. Gerade ist der 25-jährige Meister in Trier, lernt beim Vater weiter. "An dieser Geige arbeitet er zurzeit", sagt Josef Kling und hebt eine helle Decke hoch, aus der bereits die typischen, f-förmig geschwungenen Schall löcher ausgeschnitten sind.

Josef Kling selbst kommt nur selten dazu, Geigen neu zu bauen - das sei sein zweites Standbein. Etwa 15 hat er bislang verkauft. Das spricht für die Qualität seiner Arbeit, denn: "Nur eine verkaufte Geige ist eine gute Geige."

Zwischen 8000 und 10 000 Euro liege der Mittelwert für eine neue, selbst gebaute Geige. Zumindest für eine, die aus einer Werkstatt wie der seinen kommt. Denn auf dem Markt gibt es auch neue für 400 Euro - Serienware aus Fabriken. "Solche Importe beispielsweise aus Asien machen den Geigenbauern das Leben schwer", meint Kling. Manche Betriebe hätten schon schließen müssen, weil sie nicht mithalten konnten.

Die alten, gebrauchten Instrumente, mit denen er arbeitet, sind Einzelstücke. Jedes hat seine eigene Biografie. Sie gehörten einst Musikern, die in Rente gegangen sind. Sammlern, die Einzelstücke verkaufen. Erben, die selbst nicht spielen.

Er hole aus den Instrumenten raus, was drinstecke, erklärt Kling. Oft geht es bei seiner Restaurationsarbeit um Klangverbesserung - eine Spezialisierung des Geigenbauers. Der Aufwand ist unterschiedlich, je nachdem, ob das Holz Risse oder Kerben aufweist, ob der Steg oder die Schnecke fehlt. Nicht alle Instrumente müssen aufgearbeitet werden. Andere wiederum sind in sehr schlechtem Zustand. Manche liegen gar in Einzelteilen in der Werkstatt. Wenn es ein gutes Instrument gewesen sei, tue das schon weh, meint Kling.

Der Preis einer solchen Geige variiert stark: Eine einfache Schülergeige sei für 500 bis 600 Euro zu erstehen. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Für 18 Millionen Dollar, so heißt es, werde derzeit eine Guarneri angeboten (siehe Extra). Das sei schon eine gewaltige Zahl, meint Kling. Aber: Ein Gemälde von beispielsweise Monet koste viel mehr.

Zudem sei ein solches Instrument eben nicht mehr reproduzierbar. "Man muss bedenken, wie oft die Geige schon ein Publikum verzaubert hat. Wie viele Leute beglückt wurden." Und noch werden: Auch die teuersten alten Geigen werden noch gespielt. Anne-Sophie Mutter zum Beispiel besitzt zwei Geigen von Antonio Stradivari, die vom Beginn des 18. Jahrhunderts datieren. Bei Mutters Konzerten und Aufnahmen erklingen diese Instrumente noch heute.

Für Josef Kling ist Geld eher zweitrangig: "Wenn die Passion, die Leidenschaft zu diesem Beruf nicht da ist und das Geld eine große Rolle spielt, dann ist das nicht der richtige Weg für einen Geigenbauer", sagt er lächelnd.

Viele der alten, teilweise sehr restaurationsbedürftigen Instrumente in Josef Klings Besitz hatte bereits sein Vater erstanden. Auch Holz hat er ihm hinterlassen. Und zwar so viel, dass auch noch die nächste Generation davon profitieren wird. Und mit einigen der Werkzeuge wie Wölbungshobel, Rissklammer und Wirbelschneide hat bereits sein Großvater gearbeitet. In einem Traditionsbetrieb denke man immer eine Generation weiter, sagt Josef Kling.

Sein Sohn Albert hat sich zusätzlich noch eigenes Holz aus dem italienischen Fassatal mitgebracht. Dort, aus dem Geigenwald genannten Forstgebiet in den Dolomiten, hat einst bereits Stradivari seine Hölzer ausgewählt. Auch Albert Kling hat sich die Bäume selbst ausgesucht und sie in der richtigen Jahreszeit - von Dezember bis Januar - schlagen lassen.

Das Material zu kennen und zu verstehen ist wichtig, um eine gute Geige zu fabrizieren. Es kommt aufs Detail an: beispielsweise ob das Holz von der Nord- oder Südseite des Baumstamms kommt, es also viel direkte Sonne genossen hat oder nicht.

Die Geschichte des Holzes, die Wahl der Saiten, die Zusammensetzung des Lackes, die ein gut gehütetes Geheimnis ist und nicht zuletzt das Gespür des Geigenbauers, seine Erfahrung und Intuition - das sind nur einige Zutaten für eine gute Geige.

Jedes seiner Instrumente sei ein unverwechselbares Unikat, es trage seine persönliche Handschrift, sagt Josef Kling. Und fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: "Eigentlich ist die Geige für den Kunden. Aber in Wirklichkeit mache ich sie für mich."

DIE WERTVOLLSTE GEIGE



Wie viel Geld ein Liebhaber für die teuerste Geige der Welt hinlegen muss, darüber kursieren in den Medien lediglich Gerüchte. Eines betraf im vergangenen Jahr die Vieuxtemps: Das Instrument des italienischen Geigenbauers Giuseppe Guarneri del Gesù soll angeblich für 18 Millionen Dollar angeboten werden. Auf dieser legen dären Cremoneser Geige von 1741 spielten bereits der belgische Violinist Henri Vieuxtemps und später sein Landsmann Eugène Ysaÿe.

AUSBILDUNG



Geigenbauer ist ein anerkannter Ausbildungsberuf nach der Handwerksordnung. Die bundesweit geregelte dreijährige Aus bildung wird im Handwerk angeboten. Auch eine schu lische Ausbildung ist möglich. In Deutschland gibt es die Staat liche Berufsfachschule für Musik instrumentenbau Mit ten wald (Bayern) und die Berufs- und Berufsfachschule Vogt ländischer Musikinstrumentenbau in Klingenthal (Sachsen). www.instrumentenbauschule.eu www.bsz-reichenbach.de/klingenthal.html