Haben wir die Grenzen der Mobilität längst überschritten?

Haben wir die Grenzen der Mobilität längst überschritten?

Fliegen, Auto fahren, zu jeder Zeit überall hin kommen: Ist grenzenlose Mobilität noch zeitgemäß oder Bestandteil individueller Freiheit? Die nach der atomaren Katastrophe in Japan losgetretene Energiedebatte befeuert auch dieses Thema neu.

Die Welt ist aufgewühlt, nicht nur wegen des Leids der Japaner. Die atomare Katastrophe führt wahrscheinlich den meisten Industrienationen wie kaum ein anderes Ereignis bisher ihr eigenes Dilemma schmerzlich vor Augen: Die Suche nach der Energiegewinnung von morgen hat absolute Priorität. Die Atomtechnologie hat ausgedient, das meinen mittlerweile selbst ihre bisher hartnäckigsten Anhänger. Der Streit dreht sich um den Zeitpunkt des Ausstiegs und ob wir auf Atomkraft verzichten können. Die Wirtschaft macht ´Druck gegen einen nach ihrer Meinung zu schnellen Atomausstieg.

Politische und gesellschaftliche Debatten rund um das Thema Energie - die Gewinnung, den Umgang mit Ressourcen, die Gesundheit und die Umwelt - sind entbrannt. Es geht wieder einmal um längst bekannte Erkenntnisse, die seit Jahrzehnten bereits besprochen werden. Dass die vorhandenen Ressourcen wie Öl zur Neige gehen, dass erneuerbare, umweltfreundliche Energiequellen vorangetrieben werden müssen. Die Atomkraft sollte ja auch nur - so betonen ihre bisherigen Befürworter gerade jetzt - eine Brückentechnologie sein. Nicht zu vergessen die politischen Unruhen in arabischen Ländern, die wieder einmal die Abhängigkeit von ölfördernden Ländern zeigen.

Offenbar hat seit den Vorfällen in Japan ein Nachdenken eingesetzt, woher eigentlich der Strom aus der Steckdose kommt. Freunde geben sich die Adressen von Ökostrom-Anbietern weiter. Mit Erfolg: Nach Angaben von Vergleichsportalen wie Verivox oder Toptarif ist vergangene Woche das Interesse der Kunden an Ökostrom-Anbietern sprunghaft gestiegen. Ist die Zeit eines Umdenkens gekommen - der Wirtschaft, der Politik und jedes Einzelnen? Muss das ökologische Bewusstsein wachsen? Muss auch die Bereitschaft wachsen, dass Fortschritte in der Umwelttechnologie nicht zum Nulltarif zu haben sind? Müssen wir uns auch eingestehen, dass in vielen Punkten Grenzen erreicht oder gar überschritten sind? Vor allem auch, was unsere Mobilität, unseren Lebensstil und Erwartungen anbelangt?

Viele Maßnahmen von Wirtschaft und Politik führten bisher nicht zum gewünschten Erfolg. Im vergangenen Jahr wurde die Einführung der Flugticketsteuer von bis zu 45 Euro (für Fernflüge) beschlossen und sorgte zunächst für einen Aufschrei bei den Verbrauchern und bei den Fluglinien. Umweltverbände sprachen dagegen von einem Signal für die Klima- und Kostenpolitik.

Die irische Fluglinie Ryan air nahm die Ankündigung der Flugticketsteuer bereits zum Anlass, Fluglinien zu streichen. Auf der Internationalen Tourismusbörse im März in Berlin sprach der größte deutsche Reiseveranstalter Tui dagegen von einem anhaltenden Fernreiseboom, obwohl höhere Kerosinzuschläge verlangt werden und die Luftverkehrsabgabe die Flugreisen verteuert.

Bald beginnen die Osterferien und die Stauzeit auf deutschen Autobahnen. Die Entwicklung alternativ betriebener Autos geht relativ schleppend voran. Der Radius von Elektroautos ist bisher noch bescheiden und eignet sich eher nur zum Shoppingausflug in die City.

Die Einführung eines neuen Kraftstoffs in Deutschland ist zunächst gefloppt: Der Biokraftstoff E10, mit zehn Prozent Ethanol-Anteil, sollte das gängige Superbenzin ersetzen. Doch die Verbraucher tankten E10 nicht, waren schlecht informiert, verunsichert und befürchteten, der neue Sprit schade den Motoren ihrer Autos. Geschätzte 3,5 Millionen älterer Modelle sollen nicht E10-tauglich sein.

Sprit mit zweifelhafter Ökobilanz

Laut dem Willen der Bundesregierung soll E10 mehr Unabhängigkeit vom Öl und mehr Klimaschutz bringen. Für die deutsche Biokraftstoffindustrie ist der Fall klar: Bioethanol aus Deutschland stößt 50 bis 80 Prozent weniger Treibhausgase aus als fossiles Superbenzin.

Für den Verkehrsclub Deutschland und den Bund für Umwelt und Naturschutz ist dagegen der neue Kraftstoff eine Mogelpackung mit fraglicher Umweltbilanz: Nötig für die Ethanolproduktion seien zusätzliche Ackerflächen für Weizen, Zuckerrüben oder Mais. Die "Flächennutzung" des Autoverkehrs verdoppele sich so, letztlich könnten sogar höhere Kohlendioxidemissionen anfallen als bei herkömmlichem Kraftstoff.

Wäre da noch die Bahn oder der öffentliche Personennahverkehr: "Öffent licher Verkehr muss preiswerter und attraktiver werden", forderte Heiner Monheim während einer Tagung in Trier (der TV berichtete), die das Thema "Grenzen des Verkehrs - Verkehr ohne Grenzen" hatte. Monheim ist Professor im Fach Raumentwicklung und Landesplanung an der Uni Trier. Sein Vorschlag: "BahnCard 100 für jedermann mit City-Plus-Funktion für alle Nahverkehrssysteme."

(mar/dpa)

NEUER INDEX FüR CO-AUSSTOß VON FLUGLINIEN

Ein neuer Index von atmosfair vergleicht den CO-Ausstoß der 100 größten Fluggesellschaften. Getrennt nach Kurz-, Mittel- und Langstrecke erhalte dabei jede Airline bis zu 100 Effizienzpunkte, erklärt die Klimaschutzorga nisation in Berlin. Den ersten Platz belegt streckenüber greifend Monarch Airlines, eine Charter-Fluggesellschaft aus England. Auf Platz zwei folgt Condor vor Air Transat, einem kanadischen Unternehmen. Auf dem letzten Platz im Index landet South African Airlink. Lufthansa wurde wie einige andere große Fluggesellschaften im Mittelfeld eingestuft. Die Effizienzklassen A und B, also mindestens 79 Effizienzpunkte, erreicht keine einzige Airline. Billigflieger sind wegen methodischer Probleme nicht in dem Index enthalten. Lufthansa erhält laut atmosfair weniger Punkte wegen einer unterdurchschnittlichen Auslastung und wegen vergleichsweise weniger Sitzplätze. Condor fliege mit effizienten Flugzeugen und punkte durch hohe Auslastung. Den weitaus größten Einfluss auf die Effizienz haben laut atmosfair die Auslastung und der Flugzeugtyp. Der CO-Ausstoß der Fluggesellschaften unterscheide sich erheblich, erklärt atmosfair-Geschäftsführer Dietrich Brockhagen. Wer einen möglichst wenig klimaschädlichen Flug buchen möchte, sollte sich allerdings nicht nur an dem Index orientieren. "Wenn Sie einen Direktflug nehmen, liegen Sie in aller Regel besser als mit einem Umsteigeflug", sagt Brockhagen - selbst wenn die gebuchte Airline im Index schlechter eingestuft sei.

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