"Lange Öffnungszeiten gibt es nicht zum Nulltarif"

Gleich zwei neue Ämter hat Georg Kern, Inhaber des Musikhauses Reisser in Trier, vergangenes Jahr übernommen: Seit Juni ist er Präsident des Einzelhandelsverbands Region Trier, seit November Präsident des rheinland-pfälzischen Einzelhandelsverbands. Mit Macher, Menschen + Märkte sprach der 64-Jährige über den Wandel der Verbandsstrukturen und darüber, was er sich von der Kommunalpolitik erhofft.

 Volle Einkaufstaschen: Der rheinland-pfälzische Einzelhandel fürchtet Konkurrenten aus dem Internet nicht. Fotos: dpa, privat

Volle Einkaufstaschen: Der rheinland-pfälzische Einzelhandel fürchtet Konkurrenten aus dem Internet nicht. Fotos: dpa, privat


Sie haben sich für die nächsten fünf Jahre viel vorgenommen. Was muss ein Verbandspräsident mitbringen?
Kern: Für das Amt des Präsidenten sollte man gerade auf Landesebene schon eine gewisse Verbands erfahrung vorweisen können. Ich war lange Jahre auf Bundesebene Präsident des Gesamtverbands Deutscher Musikfachgeschäfte sowie Gründungsmitglied und Erster Vorsitzender der City-Initiative Trier. Das sind gute Voraussetzungen für das neue Amt. Als kleinster Regionalverband hatte Trier bisher nie die Chance auf das Präsidentenamt, 40 Jahre lang stellten Mainz und Koblenz die Präsidenten.
Viele Einzelhandelsverbände haben in den vergangenen Jahren fusioniert. Wie sieht es für diese Region aus?
Kern: Zum Landesverband Rheinland-Pfalz gehören zwei Regionalverbände: Trier und der Verband Mittelrhein-Rheinhessen-Pfalz, entstanden aus der Fusion der Verbände Koblenz, Mainz, Speyer, Kaiserslautern und Neustadt. Dann gibt es noch den Handelsverband Mitte. Der ist im Rahmen der Strukturreform des Handelsverbands Deutschland (HDE) entstanden und soll die Länder Rheinland-Pfalz, Hessen und das Saarland als Dachverband abdecken. Meiner Meinung nach ist das zu viel. Der Hauptverband HDE vertritt die Auffassung, dass kleine Einheiten nicht überlebensfähig sind. Was ja vielleicht stimmt. Nur: Aus zwei Schwachen wird kein Starker. Eine Fusion kann nur funktionieren, wenn die Akteure sich verstehen und die Leistung für die Mitglieder nicht darunter leidet. Wir haben zwar alle ein sehr gutes kollegiales Verhältnis, aber naturgemäß ganz unterschiedliche Mentalitäten, die sich nicht so einfach verbinden lassen. Das gilt für Mainz und Wiesbaden genauso wie für Trier und das Saarland. Ganz wichtig aber ist ein Ansprechpartner vor Ort. Wie will beispielsweise ein Verbandsjurist aus Wiesbaden einem Trierer Mitglied bei einem arbeitsrecht lichen Problem helfen?
Zur Neustrukturierung gehört auch, dass in den vergangenen Jahren durch Auflösung anderer Verbände mehr Branchen und Mitgliedsunternehmen vom HDE vertreten werden: vom Spezialgeschäft über Filialbetriebe bis zum Discounter. Wie kann man die sicher oft divergierenden Inter essen bündeln?
Kern: In der City-Initiative waren wir damit immer schon konfrontiert. Während meiner Zeit als Vorsitzender war es beispielsweise sehr schwierig, gemeinsame Öffnungszeiten durchzuboxen. Trier ist in der glücklichen Lage, dass alle Vertriebsformen hier präsent sind: Neben den großen Warenhäuser gibt es die Fachmärkte, Filialisten und die kleinen inhabergeführten Fachgeschäfte. Jede Vertriebsform hat verständlicherweise zum Teil unterschiedliche Interessen. Diese gilt es zusammenzuführen. In Trier ist uns dies ganz gut gelungen, und durch diesen gesunden Mix wird unsere Stadt für Kunden und Besucher attraktiv. Deshalb dürfen wir niemals gegeneinander arbeiten. Dies klappt inzwischen sehr gut.
Viel diskutiert wurde 2013 der Plan für ein neues Einkaufszentrum in Triers Innenstadt. Sind Sie erleichtert, dass das Thema vom Tisch ist?
Kern: Solange ich noch im Berufsleben bin, ist es vielleicht vom Tisch. Andere werden möglicherweise doch noch den Bau erleben. Aber es wäre eine Katastrophe, wenn es an der Porta Nigra nur noch 1-Euro-Shops gäbe oder vernagelte Schaufenster, weil sich alles im Bereich Europahalle abspielt. Trier ist für Inves toren attraktiv, wir haben schon heute eine extrem hohe Zentralitätskennziffer. Damit wird das Maß für die Kaufkraft einer Stadt als Einkaufsort berechnet. Kennziffer 100 bedeutet, dass ortsansässige Kunden den zur Verfügung stehenden Betrag voll in der Stadt ausgeben. Trier hat weit über 200. Das heißt: Wir ziehen aus dem Umland viele Menschen an. Wenn man weitere Einkaufs zentren bauen würde, müsste diese Ziffer gewaltig steigen, sofern die be stehenden Geschäfte nicht geschädigt werden sollen - das ist schlicht unmöglich. Der Umsatz würde somit verlagert. Große Ketten zögen sofort in das Center. In der Stadt würden Flächen frei. Das hat natürlich einen Vorteil: Die wahnsinnigen Mieten würden sinken. Doch das wäre teuer erkauft und sehr kurzfristig gedacht. Die Stadt soll sich gut über legen, ob sie sich darauf einlässt.
Laut Koalitionsvertrag der Bundesregierung soll eine Plattform ins Leben gerufen werden, um neue Perspek tiven für den Einzelhandel aufzuzeigen. Was halten Sie davon?
Kern: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, bild\' ich einen Arbeitskreis - oder eben eine Plattform. Wir haben das zur Kenntnis genommen, es ist in Ordnung. Wir warten mal ab, was kommt. Aber die Politiker sollten den Einzelhandel nicht vergessen. Wir sind nicht nur der größte Arbeitgeber, wir stellen auch die meisten Ausbildungsplätze zur Verfügung.
Ist der zunehmende Onlinehandel eine Gefahr für Innenstädte wie Trier?
Kern: Zunächst einmal sind gar nicht alle Produkte onlinefähig. Für viele Waren braucht man einen Fachhändler. Wenn der nicht mehr da wäre, würden auch die Onlinehändler nicht überleben. Viele Kunden meinen, sie wären besonders clever, lassen sich im Fachgeschäft beraten und kaufen dann im Internet.
Das sogenannte Show rooming.
Kern: Genau. Aber was hat der Onlinehandel für eine Zukunft? Ein Beispiel unter vielen: Die Firma Zalando verkündet euphorisch ein Jahresziel von zwei Milliarden Euro Umsatz. Aber einen Gewinn konnte sie noch nie ausweisen. Da wird Geld im großem Rahmen verbrannt. Irgendwann werden die Onlinehändler ihre Geschäftsideen verändern müssen. Schon ab dem 13. Juni diesen Jahres etwa müssen die Käufer die Portokosten für den Rückversand übernehmen - außer der Händler ist kulant und übernimmt diese Rück sendekosten. Auch die Produktpreise werden sich zwangsläufig verändern. Und dann wird es für den Kunden uninteressant. Ich bin überzeugt: Der Onlinehandel kann in den nächsten Jahren noch Zuwächse verbuchen, aber irgendwann gibt es einen richtigen Knall. Im Fall Amazon merken die Amerikaner bereits, dass ihre Geschäftspraktiken in Deutschland nicht ohne weiteres umsetzbar sind. Wir haben eine gute Tarifpolitik, wir sehen die Gewerkschaften und die Arbeitnehmer als unseren Partner. Und nicht, wie es so oft heißt, als Gegner. Wenn ich meine Mitarbeiter nicht hätte, wäre ich gar nichts. So sehen es im Übrigen viele Einzelhändler. In unserem Tarifbereich ist das Verhältnis zwischen Gewerkschaften, Arbeit geber und Arbeitnehmern vorbildlich.
Die Tarifrunden im letzten Jahr liefen aber nicht immer so harmonisch ab.
Kern: Es kommt immer darauf an, wer sich für seine Leute wichtig macht und wer für die Arbeitnehmer in der Kommission sitzt. Vor vielen Jahren waren das die Pickerinnen, also diejenigen, die aus den Regalen die Produkte zusammentragen. Plötzlich sind deren Tarife überproportional erhöht worden. Ein anderes Mal waren es die Auszubildenden. Die Gewerkschaften haben wie alle Vereinigungen das Problem, dass sie ihre Mitglieder binden müssen. Jede Seite darf für ihre Sache kämpfen, letztendlich zählt das Ergebnis.
2001 wurde das Rabatt gesetz abgeschafft, später die Ladenöffnungszeiten immer weiter gelockert - wie viel Liberalisierung verträgt der Einzelhandel?
Kern: Der Handel hat es verkraftet, für die ganz Kleinen wird es aber zunehmend ein Problem. Vor allem die Ausweitung des Ladenschlussgesetzes. Wir könnten in Rheinland-Pfalz bis 22 Uhr geöffnet haben. Das wird von fast keinem in Trier genutzt, es lohnt sich einfach nicht. Oft kommt das Argument: Unsere Konkurrenz ist der Online handel, und der hat 24 Stunden geöffnet. Auf dieser Ebene kann man niemals in Konkurrenz treten. Beim Onlinehandel hockt der Kunde nachts um zwei in der Unterhose vor seinem Computer. Das können wird nicht bieten. Im Übrigen muss jedem klar sein, dass es lange Öffnungs zeiten nicht zum Nulltarif gibt. Wenn der Kunde dieselbe Beratungsqualität haben will, müssten zwangsläufig die Preise erhöht werden, weil mehr Personal gebraucht wird. Also nehme ich entweder Aushilfskräfte, die sich nicht richtig auskennen - zulasten der Beratungsqualität. Oder ich strecke das vorhandene Personal. Dann habe ich permanent zu wenig Kräfte im Laden. Dies ist keine befriedigende Lösung. Lieber kompaktere Öffnungszeiten mit einer hervorragenden Personalausstattung - das kommt beim Kunden viel besser an. Ich weiß, ich bin einer der wenigen, die so denken.
Einzelhandelsverbände übernehmen auch die politische Interessenvertretung. Was erhoffen Sie sich von der Kommunalpolitik?
Kern: Vordringliches Thema ist die Erreichbarkeit von Trier. Die ist zwar schon verbessert worden, beispielsweise durch die zweite Spur an der B 51, aber immer noch proble matisch. In diesem Punkt müssen wir weiter daran arbeiten. Das zweite ist die Parksituation. Entweder bieten wir jeden Tag Park & Ride an - was fast nicht finanzierbar ist, oder wir brauchen ein weiteres Parkhaus.
Ende des Jahres will die Bahn den Fernverkehr in Trier einstellen. Hat das Einfluss auf den Einzelhandel?
Kern: Dass bei uns nur noch Regionalzüge verkehren ist schlimm für ein Oberzentrum. Die Saarbrücker haben das cleverer gemacht und den TGV bekommen. Der hätte auch über Luxemburg bis nach Trier kommen können, indem man die Strecke ausbaut. Hinzu kommt: In den 1970er Jahren war es Mode, die Nebenstrecken der Bahn abzubauen und in Radwege umzuwidmen. Aus heutiger Sicht eine Tod sünde, so etwas wäre heute undenkbar. Die Strecke nach Hermeskeil hoch über Pluwig ist ein Radweg, dabei war das eine wunderbare Nahverkehrsstrecke, die heute eine Straßenbahnlinie sein könnte. Auch wäre damit eine Eisenbahnverbindung zum Flughafen Hahn möglich. Ein weiteres Beispiel ist die alte Moselbahn, die sogar noch touristisch genutzt werden könnte. Auch diese wurde abgerissen. Heute fährt man mit dem Bus von Trittenheim oder Bernkastel nach Trier in gut eineinhalb Stunden und die Fahrt ist relativ teuer. Die Arbeitnehmer aus dieser Gegend sind daher gezwungen, mit dem eigenen Auto nach Trier zur Arbeit zu fahren. Ich bin Eisenbahnfan. Auf meinem Heimweg nach Olewig stelle ich mir oft vor, wie durch die Kleingärten eine Straßenbahn fahren könnte. Aus ökologischer Sicht eine ideale Lösung. Aber dafür fehlt heute das Geld.
www.trier.einzelhandel.de