Paradies für Schnäppchenjäger, Problem für Einzelhändler

Das Zauberwort für besonders preisbewusste Käufer lautet Factory Outlet Center, kurz FOC. Hierbei kommt der Kunde direkt ab Werk Markenartikel zu reduzierten Preisen. Immer mehr FOC entstehen - nicht nur zum Vorteil einer Region.

Outlets haben sich zum Publikumsmagneten gemausert: Sogar spezielle Reiseführer gibt es, die Schnäppchenjägern den Weg zu Fabrikverkaufsstellen im In- und Ausland weisen. Zwar ist das Sortiment in diesen Läden in der Regel schmal, zudem handelt es sich zumeist um saisonale Auslaufware oder um Stücke mit leichten Mängeln. Doch die Faszination bleibt. Denn die FOC bieten Marken- und Designerware mit deutlichen Preisnachlässen. Eines der größten Outlet-Center Europas liegt im niederländischen Roermond: Mehr als 100 einzelne Shops und 170 teils noble Marken locken auch Kunden aus der Region Trier. Das Center ist zudem sonntags geöffnet und gilt somit als Ausflugsziel.

Neues Zentrum in Luxemburg



Bislang kommt die Region Trier selbst völlig ohne Fabrikverkauf aus. Auch im Umkreis sind Outlets rar gesät: Lediglich in Polch bei Mayen gibt es bei Griesson - de Beukelaer Feingebäck direkt ab Werk. In Mettlach (Landkreis Merzig-Wadern) locken preisgünstige Keramik, Haus textilien, Bad ausstattungen und Freizeitmode in einem kleinen, bislang nur ein Dutzend Shops umfassenden FOC. Unter anderem die ortsansässigen Anbieter Villeroy & Boch und Land's End sind hier vertreten. Doch es kommt Bewegung in die Outlet-Szene: Spektakuläre neue Zentren sind in der Planung, so in Montabaur im Westerwald und im luxemburgischen Liwingen. Seit April gibt es darüber hinaus im belgischen Messancy - direkt hinter der Grenze zu Luxemburg - ein Designer-Outlet, das bis 2012 auf knapp 17 000 Quadratmeter anwachsen und 65 Marken präsentieren soll. Dorthin wird es Käufer aus der internationalen Großregion ziehen, lautet die Erwartung der europaweit als Outlet-Betreiber erfahrenen Gruppe McArthurGlen.

Zweibrücken ist deutschlandweit bekannt für sein Style-Outlet mit rund 120 verschiedenen Shops und Marken aus der Welt der Mode, Schuhe und des Schmucks. Das FOC, seit den 1990er Jahren aus einem militärischen Konversionsprojekt entstanden und zur Zeit das größte seiner Art in Deutschland, liegt außerhalb der City in der Nähe des Flughafens. Mario Facco, Inhaber eines innerstädtischen Fotostudios und Vorsitzender des Einzelhandelsverbands Zweibrücken sowie der Werbegemeinschaft in der Stadt, zieht ein überwiegend negatives Fazit für die wirtschaftliche Entwicklung seiner Heimat: "In der Kernstadt haben wir nur noch Randsortimente und Filialen wie Deichmann oder Schlecker. Die früher üblichen inhabergeführten Spezialgeschäfte gibt es nicht mehr", beklagt er ein Ausbluten des klassischen Einzelhandels in der City. Zwar ziehe das Style-Outlet regelrechte Kundenscharen in den Raum Zweibrücken, aber: "Das findet alles drei Kilometer vor den Toren der City statt. Ins Zentrum kommen nur noch Senioren, die den Rosen garten sehen wollen. Die viel gepriesenen Synergien zwischen Outlet und einheimischem Einzelhandel hat es nie gegeben. Das wird nur von der Politik postuliert", sagt er bitter.

Angeblich habe es 3000 neue Arbeitsplätze durch das Style-Outlet und den Flughafen gegeben. Doch niemand wisse, wie viele Arbeitsplätze im Gegenzug im innerstädtischen Handel verloren gegangen sind. "Es ist ein sehr stilles Sterben, denn die Ladeninhaber sind so gestrickt, dass sie sich selbst ausbeuten und durchhalten, bis es wirklich nicht mehr geht - jeder für sich allein."

Kaufkraft bleibt gleich



Die Kaufkraft der Menschen bleibe gleich, doch wenn es ein Outlet-Center auf der grünen Wiese gebe, ziehe es sämtliches zur Verfügung stehende Geld der Konsumenten dorthin ab. Zumal auch die Dinge des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel-Sortimente dorthin abgewandert seien und gastronomische Angebote die cityferne Versorgung komplettierten. Hinzu kämen politisch verantwortete Wettbewerbsverzerrungen zu Gunsten der FOC, die sonntags geöffnet haben dürfen, während der normale Einzelhandel mit vier verkaufsoffenen Sonntagen pro Jahr auskommen müsse.

"Die Politik sollte sich an den beschlossenen Landesentwicklungsplan halten und keine Ausnahmen mehr zulassen", fordert Facco und resümiert angesichts der Strukturverschiebungen mit spürbarer Resignation: "Die Leute sehen den Schaden erst, wenn sie selbst alt sind und merken, die wohnortnahe und innerstädtische Versorgung ist nicht so, wie sie es brauchen."

Der parteilose Oberbürgermeister von Zweibrücken, Helmut Reichling, betont hingegen: "Die drei Millionen Besucher, die bis zum Jahresende hier erwartet werden, sind natürlich auch von großem Interesse für die Zweibrücker Innenstadt, die nur wenige Fahrminuten vom Outlet entfernt ist. Grundsätzlich hat der Standort Zweibrücken durch diese Ansiedlung gewonnen, das steht außer Frage." Er räumt ein, dass sich hinsichtlich des innerstädtischen Einzelhandels ein zweigeteiltes Bild ergebe. Läden mit Standardsortimenten könnten die Besucherströme nicht in einem erforderlichen Umfang nutzen. "Dagegen haben Facheinzelhändler, die ihr Angebot qualitativ auf die neuen Käufer aus einem Umkreis von 250 Kilometern angepasst haben, vom Outlet profitieren können. Gleiches gilt für die Gastronomie." Die erweiterten Öffnungszeiten des FOC am Sonntag begründet Reichling mit der "lebensnotwendigen Voraussetzung", es im Hinblich auf die traditionell wichtige Klientel aus dem benachbarten Frankreich nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommen zu lassen.

Im Schwabenland sehen die Erfahrungen mit FOC ganz anders aus. Zum einen fällt jedem, der beispielsweise die Schwäbische Alb mit dem Auto erkundet, die große Fülle an Fabrikverkaufsstellen in der Region auf: Die langjährige klein- und kleinstunternehmerische Tradition der Textilfabrikation hat hier dazu geführt, dass fast jede den branchenweiten Strukturwandel überlebende Firma einen eigenen Fabrikverkauf hat. Selbst im 1000-Seelen-Dorf Balingen-Ostdorf kann man daher Outdoor-Kleidung zu Schnäppchenpreisen erstehen und Produzenten wie Trigema, Mey oder Speidel sind gleich mehrfach in der Region mit Werksverkäufen vertreten.

Metzingen, eine 22 000-Einwohner-Stadt im Kreis Reutlingen am Fuß der Schwäbischen Alb, ist geradezu ein Synonym für Outlet-Center geworden. "Mit Fabrikverkauf haben wir schon seit 100 Jahren Erfahrung, das Outlet in der modernen Form gibt es allerdings erst seit 15 Jahren", schildert Oberbürgermeister Ulrich Fiedler die Situation. "Unser Vorteil im Vergleich zu Konstrukten auf der grünen Wiese ist es, dass unser FOC homogen gewachsen ist." Die Initialzündung lieferte das ortsansässige Modeunternehmen Hugo Boss, bislang sind rund 70 Marken in der sogenannten Outlet-City vertreten. Die liegt mitten in der historischen Stadt und wird gemeinsam mit anderen Sehenswürdigkeiten von Stadt und Region als touristisches Highlight beworben. Statt trister Hallen oder genormter Shoppingtempelchen ist Metzingens Outlet-Center architektonisch gelungen, gut in die Bausubstanz der Altstadt integriert und wirkt nicht wie ein Fremdkörper.

"Im Lauf der Zeit haben wir unterschiedliche Erfahrungen mit der Outlet-City", räumt Fiedler ein. Zwar sehen nach seinem Bekunden Bevölkerung und ortsansässiger Einzelhandel die Entwicklung heute als gut an - und auch die heimische Gastronomie profitiere, da im Outlet-Bereich selbst keinerlei Konkurrenz angesiedelt wurde. "Probleme gibt es mit dem Parken und dem Verkehr, der mit unserem innerstädtischen Konzept natürlich schwieriger zu bewältigen ist als auf der grünen Wiese. Auch die Lärmbelastung oder der Müll, den die Shoppingtouristen bringen, sind ein Dauerbrenner. Da müssen wir ständig im Dialog mit den Anwohnern bleiben." Zudem seien die Immobilienpreise gestiegen.

Auch die Nachbarstandorte Reutlingen und Tübingen sähen das Treiben in Metzingen naturgemäß negativer. Aber: "Wir können von einem Wertzufluss in die Gesamtregion von mindestens 27 Millionen Euro jährlich ausgehen. Darüber hinaus lockt die Verbindung von Shoppingtourismus und Naturtourismus, die dank unserer Lage hervorragend funktioniert, drei Millionen Tagestouristen pro Jahr her." Es zahle sich aus, dass die Outlet-City mit ihren 1500 Arbeitsplätzen und weiteren 5000 Jobs, die mittelbar daran hängen, harmonisch in die Umgebung eingefügt sei.

Eine erdrückende Konkurrenz für den in Metzingen angestammten Bekleidungseinzelhandel will Fiedler ebenfalls nicht feststellen. "Die Outlet-City mit ihren besonderen Marken dient nicht der normalen Versorgung, sondern ist Event-Shopping. Die Konkurrenz sitzt in den großen internationalen Metropolen, nicht in der Nähe. Die Modelabels des Outlet-Bereichs gäbe es in einer Stadt unserer Größe normalerweise gar nicht, dafür müsste man nach Berlin, Hamburg, München, Paris oder London." Dass es derart noble Designerstücke in einer schwäbischen Kleinstadt gibt, ziehe zusätzliches Publikum an, aber nicht die angestammte Klientel ab, argumentiert Fiedler. Er sieht das Beispiel Metzingen sehr selbstbewusst als Beleg dafür, dass eine Stadt mit vernünftiger Planung und homogenem Wachstum durchaus in großem Maß von einem Outlet-Center profitieren könne - und dass der ansässige Einzelhandel oder die Gastronomie keineswegs unter dem Ansturm von Schnäppchenjägern leiden müsse.

Angelika Koch

EXTRA



Am ICE-Bahnhof Montabaur (Westerwaldkreis) plant die niederländische Firma Stable International Development B.V. ein Fashion-Outlet. Auf mehr als 13 000 Quadratmetern soll es mehr als 60 Shops geben. Die hessische Nachbarstadt Limburg an der Lahn hat Klage eingereicht und beruft sich auf das Nichtbeeinträchtigungsgebot im Landesentwicklungsplan. Das Verwaltungsgericht Koblenz hat die Klage im Mai abgewiesen, doch eine Berufung ist möglich.