Promovieren fürs Nachbarland

Promovieren fürs Nachbarland

Während in Deutschland ein Doktortitel vor allem in der freien Wirtschaft für die Karriere durchaus förderlich sein kann, spielt er im Nachbarland Luxem burg eher eine untergeordnete Rolle. Und in Frankreich schämen sich Funktionsträger schon fast dafür.

Erinnern Sie sich noch an Karl-Theodor zu Guttenberg? Der CSU-Politiker war von Oktober 2009 bis März 2011 Bundesverteidigungsminister. Davor war er mehrere Monate Bundesminister für Wirtschaft und Technologie. Und davor weitgehend unbekannt - zumindest jenseits der Grenzen des bayerischen Landkreises Kulmbach. Kein anderer Volksvertreter der Republik hat es bislang geschafft, so schnell aus dem Nichts aufzutauchen, um dann bereits ein Jahr später Deutschlands beliebtester Politiker zu werden. Viele haben in ihm schon Merkels Nachfolger im Kanzleramt gesehen.

Doch die Ereignisse des Frühjahrs haben seinen fast schon unheimlichen Höhenflug vorerst beendet. Anfang Februar ist er als Verteidigungsminister zurückgetreten, nachdem bekannt geworden war, dass er beim Anfertigen seiner Dissertation mit dem geistigen Eigentum anderer Leute nicht gerade zimperlich umgegangen ist.

Vorwürfe spalten die Nation


Für Guttenberg hatte das zur Konsequenz, dass er seinen unrechtmäßig erworbenen Doktortitel wieder abgeben musste. Warum die Aufregung um den Doktortitel. Macher, Menschen + Märkte hat einmal nach dem Renomme eines solchen Titels gefragt. Und: Zahlt er sich überhaupt aus?

"Was das Ausland angeht, so sind nicht alle so verrückt nach dem Doktortitel wie die Deutschen", sagt Hartmut Wächter, der an der Universität Trier Betriebswirtschaft lehrt. "In Großbritannien und den USA klingt der Titel in der Praxis eher lächerlich", erklärt Hartwig, und in Frankreich komme es vielmehr auf die Universität als auf den Titel des Abschlusses an.

In Deutschland hingegen sei der Titel nach wie vor mit einem hohen Prestige verbunden, und Wächter vermutet, dass das Ansehen hierzulande auch etwas mit dem Bildungsgrad des Betrachters zu tun hat: "Je weiter man von der Universität entfernt ist, desto höher wird der Titel geschätzt."

Eine gewisse Entfernung zur Uni hat auch Thomas Engel. Allerdings nur eine räumliche. Der promovierte Naturwissenschaftler wohnt in Trier, arbeitet aber an der Universität Luxemburg. Engel ist Professor und stellvertretender Leiter eines interdisziplinären Forschungszentrums. Die Einrichtung mit dem Namen Interdisciplinary Centre for Security Reliability and Trust konzentriert sich auf Forschungs- und Doktorarbeiten im Bereich der Sicherheit und Zuverlässigkeit von Informations- und Kommu nikationstechnologien. Der Sitz in Luxemburg und die englische Bezeichnung machen deutlich, dass die Einrichtung international ausgerichtet ist. Und das belegt auch die Zusammensetzung des Personals. "Hier arbeiten mindestens zwölf verschiedene Nationalitäten", sagt Engel, der deshalb einer der wenigen Akademiker auf dem luxemburgischen Campus-Gelände ist, die von der Schlacht um Guttenbergs falsche Dissertation überhaupt etwas mitbekommen haben. Dass das Erschleichen des Doktors jedoch auf keinen Fall geduldet werden könne, stehe auch für sein internationales Kollegium außer Frage. "Und die Uni Luxemburg greift in solchen Fällen auch eisenhart durch", fügt er hinzu.

Rund 200 Doktoranden gebe es derzeit an der Universität. "Für ein kleines Land wie Luxemburg ist es wichtig, die Leute bis zum obersten Anschlag auszubilden", sagt Engel mit Blick auf die zentraleuropäische Lage des Großherzogtums. Als die Uni vor wenigen Jahren gegründet wurde, seien Promotionen noch ein "unbeackertes Feld" gewesen, fügt er hinzu. Und was das Ansehen des Doktortitels betrifft, so scheine es, als liege Luxemburg zwischen den Extremen der Nachbarländer Deutschland und Frankreich.

Denn während die Deutschen auf ihren Titel meist großen Wert legen, ist den Franzosen der akademische Grad beinahe schon peinlich. Wer sich dort als Doktor "outet", gilt in vielen Augen als Berufsversager: auf dem Arbeitsmarkt nichts gefunden und deshalb promoviert. Dazwischen liegt das Großherzogtum. "Der Titel ist auch in Luxemburg relativ gut angesehen", sagt Engel, "doch gehen sie hier noch nicht soweit, dass sie ihn auch auf den Personalausweis schreiben." Wenn letzteres der Antrieb für das Verfassen einer Dissertation ist, dann läuft etwas gewaltig schief.

Titel außerhalb der Forschung kaum gefragt



Doch auch ohne die angestrebte Titel-Bezeichnung auf dem Ausweis stellt sich die Frage, ob Promotionen überhaupt noch ihren Zweck erfüllen, wenn nicht der Forschungsgedanke und die damit verbundene Bereicherung für die Wissenschaft, sondern die Verbesserung der eigenen Berufsaussichten im Vordergrund stehen.

So finden sich beispielsweise in Internetforen unzählige Diskussionsstränge zu diesem Thema. Und einige davon haben auch den luxemburgischen Arbeitsmarkt im Visier. Ob sich der zeitliche Aufwand lohnt und welche Auswirkungen eine Promotion auf das zukünftige Gehalt hat, sind Fragen, mit denen sich potenzielle Doktoranden beschäftigen. Das Forschungsthema selbst ist Nebensache.

Hans-Josef Puch von der Agentur für Arbeit Trier hält diese Vorgehensweise vor allem mit Blick auf den Arbeitsmarkt der Großregion für sehr gewagt. Puch ist Berater für akademische Berufe der Zentralen Auslandsvermittlung (ZAV) und sieht als solcher in Luxemburg keinen signifikanten Bedarf an promovierten Berufsanfängern. "Warum soll jemand automatisch mehr Geld bekommen, nur weil er vier Jahre länger studiert hat?", fragt Puch. Er jedenfalls habe nicht den Eindruck, dass promovierte Bewerber bevorzugt behandelt würden. Es sei denn, der akademische Grad werde vorausgesetzt. Aber das sei auf dem luxemburgischen Arbeitsmarkt eher selten der Fall.

"Länder, in denen der Titel noch besonders wichtig ist, sind zum Beispiel Österreich oder Italien", erklärt der Arbeitsvermittler, doch in den Nachbarländern der Großregion spielten "Titel außerhalb der Forschung keine besondere Rolle". Dafür aber könne es passieren, dass eine Bewerbung wegen zu langer Studienzeiten trotz des Doktors scheitert. So würden Arbeitgeber in der freien Wirtschaft durchaus auch einen Bewerber vorziehen, der zwar nicht promoviert, die dafür notwendige Zeit aber im Berufsleben verbracht habe. "Unternehmen suchen in der Regel Leute mit Praxiserfahrung", sagt Puch.

Es sei denn, sie arbeiten bei "eher traditionellen Großunternehmen" wie Allianz, Siemens oder VW, wie der Trierer Uni-Professor Wächter erklärt. Dort sei ein Doktorgrad für die Karriere durchaus förderlich. Vor allem bei Positionen in der Öffentlichkeit. Das gelte sowohl für Wirtschaftswissenschaftler als auch für Juristen, fügt Wächter hinzu, wenngleich das Großherzogtum Luxemburg mit traditionellen Großunternehmen eher dünn besiedelt ist. Doch ein Blick auf die Doktorabschlüsse der Trierer Uni zeigt, dass Wächter mit seiner Einschätzung durchaus richtig liegt.

So sind nach Auskunft der Hochschule im Jahr 2009 insgesamt 102 Doktortitel vergeben worden (2008: 111, 2007: 127). Davon allein 32 in der Rechtswissenschaft und weitere zwölf im Fach Betriebswirtschaftslehre (BWL). Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass das Interesse an Jura- oder BWL grundsätzlich höher ist als beispielsweise an Slavistik, Phonetik oder aber Papyrologie. Daraus jedoch abzuleiten, dass BWL-Doktoranden in erster Linie nur den Titel wollen, wäre voreilig. "Bei den Ökonomen sind die Doktorarbeiten meist ziemlich substanzreich, dauern also auch zwischen drei und fünf Jahren", sagt der BWL-Professor. Und viele dieser Arbeiten verfolgten durchaus interessante und aktuelle Themen, auch wenn sie dann mit der künftigen Tätigkeit nicht mehr viel gemeinsam hätten.

"Als Forscher ist man immer froh, wenn man irgendwo einen weißen Fleck gefunden hat. Auch wenn man zunächst nicht weiß, was man damit anfangen soll, dann aber sagt: ,Lasst uns diesen Fleck ausmalen!'" So beschreibt Thomas Engel von der Uni Luxemburg den Forschungsgedanken, der viele Studierende dazu bewegt, nach Abschluss des Studiums noch eine Promotion dranzuhängen. Engel war vor seiner Professur in Luxemburg auch maßgeblich am Aufbau des Instituts für Telematik in Trier beteiligt und verfügt aus diesem Grund über langjährige Erfahrung mit Doktoranden.

Geld spielt eine untergeordnete Rolle



Er ist überzeugt, dass für die ambitionierten Forscher Geld eine untergeordnete Rolle spielt. Egal ob in Deutschland oder Luxemburg. "Der Doktortitel ist ein Beleg dafür, dass man in Bereichen forscht, an die bislang noch keiner rangegangen ist", sagt Engel, für den "erkenntnisorientierte Forschung die Königsklasse der Promotion" ist. "Und er zeigt, dass man in der Lage ist, Dinge selbst zu erarbeiten".

Dass Guttenberg das eine versucht, das andere aber dann doch nicht geschafft hat, belegt seine Dissertation. Seinen Doktortitel ist der Freiherr los. Und das macht vor allem eines deutlich: Ein Doktor titel kann - vor allem in Deutschland - für die berufliche Laufbahn durchaus entscheidend sein.

DOKTORTITEL AN DER UNI TRIER



Nach Auskunft der Universität Trier verteilt sich die Vergabe der 102 Doktortitel 2009 auf folgende Fächer: Philosophie: 2 Psychologie: 15 Germanistik: 2 Romanistik: 1 Sinologie: 1 Japanologie: 2 Linguistische Datenverarbeitung: 2 Medienwissenschaft: 3 Geschichte: 4 Klassische Archäologie: 1 Kunstgeschichte: 1 Betriebswirtschaftslehre: 12 Soziologie: 4 Volkswirtschaftslehre: 2 Mathematik: 3 Informatik: 4 Rechtswissenschaft: 32 Geografie: 11

ZAHLEN

An der Universität Luxemburg gibt es zurzeit rund 200 Doktoranden. Foto: Universität Luxemburg



Deutsche Universitäten ver leihen den Doktortitel für eine besondere wissen schaftliche Leistung. Zahlen und Fakten: - 2,3 Prozent der Absolventen einer deutschen Universität schreiben nach OECD- Angaben eine Doktorarbeit. Im Schnitt der OECD-Länder sind es 1,5 Prozent. - 2009 promovierten an deutschen Unis 25 084 Akademiker, darunter 3638 Ausländer. 14 017 der Doktoranden waren männlich, 11 067 weiblich. - Vier Jahre dauert ein Promotionsverfahren an einer deutschen Universität im Durchschnitt. Je nach Fachbereich sind die Anforderungen sehr unterschiedlich. - Promovierte Juristen, Manager und Ingenieure verdienen Experten zufolge jährlich im Schnitt 10 000 bis 15 000 Euro mehr als ihre Kollegen ohne Titel.

Kommentar von Rainer Nahrendorf

Keine Angst vor Promo-Viren

Alljährlich wenn Studenten ihren Master- oder Diplom?abschluss in den Händen halten, grassiert an deutschen Universitäten das Promo-Virus. Thomas Meuser hat einen humoristischen Sammelband zur Behandlung promotionaler Infekte und chronischer Doktoritis herausgegeben. Jahr für Jahr schließen in Deutschland rund 25?000 Menschen ihre Promotionsarbeit ab und dürfen nach der Veröffentlichung den schmückenden Titel tragen. 2007 waren es allerdings nur 23?843, darunter 42 Prozent Frauen. Die chronische Doktoritis, zu Deutsch Titelsucht, der zuletzt der mogelnde Baron zu Guttenberg anheimgefallen ist, treibt die meisten nicht. Mindestens zwei, häufig vier Jahre Plackerei - so lange dauert in vielen wissenschaftlichen Disziplinen die Promotion - und der Verzicht auf ein höheres Einkommen während der Promotion sind ein stolzer Preis für den Gewinn an Prestige.

Die Humboldt-Universität zu Berlin nennt Gründe zu promovieren. Den schlechten zuerst: Ein Student weiß nach einem gut bestandenen Examen nicht, was er machen soll. Unter den guten Gründen sieht die Universität einen zwingenden, nämlich den Spaß daran, eine bestimmte wissenschaftliche Fragestellung zu erforschen und zu beantworten. Die Promotion gilt als der Nachweis der Fähigkeit zu vertiefter wissenschaftlicher Arbeit. Dissertationen tragen zum Erkenntnisfortschritt bei, zur Erforschung von Krankheiten, Entwicklung neuer Medikamente, Steigerung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit oder zum besseren Verständnis von Ereignissen. Sie sind aber auch ein persönlicher Leistungsbeweis, ein Beweis der Fähigkeit, eine komplexe Materie zu durchdringen, Neues zu entdecken und der Beleg für die eigene Beharrlichkeit, ein Ziel über Durststrecken zu verfolgen. Wer mit seiner Promotion zum wissenschaftlichen Fortschritt beiträgt, kann stolz sein und sieht darin häufig eine große Lebensleistung.

Er hat jedoch nicht in allen Bereichen Karriere- und Gehaltsvorteile. Im Vertrieb, im Marketing, Produktmanagement, im Journalismus gilt ein "nice to have", einen Vorteil bringt es nicht. Denn die Promotion - die meisten Doktoren sind mit durchschnittlich 33 Jahren schon ziemlich alt - bringt für Berufsanfänger zumeist den Nachteil fehlender Erfahrung mit sich.

Zwar tragen elf von 16 Mitgliedern des Kabinetts und fast jeder fünfte von 622 Bundestagsabgeordneten den Titel, doch viele verschweigen die Promotion lieber. Wer nicht elitär erscheinen möchte, sondern Volksnähe demonstrieren muss, macht besser nicht viel Aufhebens um seine Promotion. Es könnte den Eindruck der Abgehobenheit erwecken - schließlich sind nur 1,3 Prozent der Bürger promoviert. Größen wie Konrad Adenauer, Willy Brandt oder Helmut Schmidt bekommen zumeist Ehrendoktortitel.

Als Faustregel gilt jedoch: Eine Promotion zahlt sich aus, sorgt für ein höheres Einkommen und wirkt wie ein Karrierebeschleuniger. Wer eine Wissenschafts- oder Medizinlaufbahn plant, wer als Forscher in der Chemie- oder Pharmaindustrie arbeiten will, für den ist sie ein Muss. Auch Kanzleien und Wirtschaftsverbände sehen es gern, wenn ihre Repräsentanten promoviert sind. Unter Top-Managern, den Vorstandsmitgliedern von Dax-Unternehmen, ist nach einer Untersuchung der Unternehmens- und Personalberatung Heidrick & Struggels fast die Hälfte promoviert, die andere Hälfte aber nicht. Eine Top-Karriere hängt also nicht nur vom Doktortitel ab. Leistung zählt.
Wer nur aus Prestige- oder Karrieregründen promovieren möchte, trifft eine Entscheidung, die er bereuen könnte.

Mehr Sicherheit geben die Internetportale der Unis oder der Orientierungsleitfaden für Promovierende der Universität Trier. Wer in seiner Promotion einen Gewinn für die Wissenschaft und für die eigene Persönlichkeits?ent?wick?lung sieht, für den sind in seiner Lebens- und Berufsplanung die Promo?tions?jahre keine verlorenen Jahre.?

Der Autor ist ehemaliger Handelsblatt-Chefredakteur.

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