Von der Tierwelt lernen

Er ist Professor für Marketing und Innovation im Bereich Betriebswirt schaftslehre an der Universität Trier - und alles andere als ein Theoretiker: Rolf Weiber bringt Praxiserfahrung und Bodenständigkeit in die Forschung mit ein.

Von der Tierwelt lernen
Foto: Willy Speicher

Gusterath/Trier. Das Inmit ist ein sogenanntes An-Institut: Das heißt, es ist eng mit der universitären Forschung verbunden, doch finanziell selbstständig. Im Auftrag etwa von Bundes- oder Landesministerien erarbeitet es Studien zu Themen, die den Mittelstand besonders berühren. Es ist seit 1995 das rheinland-pfälzische Forschungs- und Politikberatungsinstitut in Sachen Mittelstand. Existenzgründungen auf dem Land, innovative Arbeitszeitmodelle oder das technologische Potenzial kleinerer Unternehmen sind und waren inhaltliche Schwerpunkte. Nach dem Tod des Gründers Axel G. Schmidt ist nun Rolf Weiber, Experte insbesondere für Marketing und Innovation, neuer Vorstand des Inmit. Und wie Schmidt stammt Weiber aus der Eifel, wie sein Vorgänger fühlt er sich intensiv verbunden mit der Region und ihrer sehr handfesten, mittelständisch geprägten Wirtschaft.

Seine Eltern hatten ein Lebensmittelgeschäft in Bassenheim (Landkreis Mayen-Koblenz), eine wichtige Prägung: "Ich habe als Kind nicht Kaufmann gespielt, ich war einer", erzählt Weiber. "Schon damals habe ich miterlebt, dass Wirtschaft nicht allein von Zahlen bestimmt wird, sondern von den Menschen und ihren Beziehungen." Für ihn gehören zur Wirtschafts wissenschaft, die er betreibt, auch psychologische und ethische Fragestellungen. In der Wirtschaft gehe es immer um Vertrauen und Erwartungen, wie gerade die aktuelle Krisensituation zeige. "Zurzeit beschäftige ich mich mit sogenanntem Schwarmverhalten. Auf die Ökonomie übertragen bedeutet dies, wir können noch viel lernen von der Tierwelt im Hinblick auf das Verhalten von Märkten."

Die zwischenmenschliche Ebene ist für Rolf Weiber nicht nur ein wesentlicher Motor für das Funktionieren von Wirtschaft. Sie war auch ein Grund, einen Ruf der renommierten Technischen Universität München an ihn abzulehnen und Trier den Vorzug zu geben. "Hier gehört zur Betriebs- und Volkswirtschaft immer auch die Soziologie. Das heißt, die gesellschaftliche Dimension wird mitbedacht, und die sozialen Kompetenzen werden vermittelt." Die überschaubare Größe der Universität, die Arbeit in Kleingruppen und eine positive "gehobene Streitkultur" im Kollegenkreis empfindet Weiber als wohltuend.

Auf die weichen Faktoren von Wirtschaft und auf die Erfahrung im Mittelstand beschränkt bleibt Weibers Sichtweise der Ökonomie keinesfalls. Ihn fasziniert genauso die Innovationskraft neuer Technologien. "In der besonderen technologischen Kreativität von kleinen flexiblen Teams, die den Mittelstand und Existenzgründer ausmachen, liegen ungeheure Potenziale für die Wirtschaft." Sie sei der Boden für hidden champions, international vergleichs weise unbekannte Unternehmen, die jedoch im globalen Wettbewerb besonders erfolgreich sind. "Zugleich wird der technologische Fortschritt den Mittelstand sehr verändern", sagt er. Vor allem die dank neuer Technologien stark steigenden Mitwirkungsmöglichkeiten von Verbrauchern bei der Entwicklung von Produkten werde für einen Wandel im Marketing sorgen. Und kleine oder mittlere Betriebe seien besonders geeignet, sich darauf einzustellen und die Entwicklungen mit zubestimmen. Themen, die er beim Inmit gut aufgehoben sieht und die er weiter voranbringen will, um die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu intensivieren. Das Institut könne beim Technologietransfer eine bedeutende Rolle als Schnittstelle spielen - nicht nur aus dem Hochschulbereich in die Unternehmen, sondern auch umgekehrt aus der betrieblichen Praxis hinein in die Wissenschaft. Und zugleich in Richtung der Politik, die aus den Forschungsergebnissen des Inmit wichtige Erkenntnisse für die Gestaltung angemessener Rahmenbedingungen ableiten könne.

Begeisterung steckt an



Die Arbeit, die das Inmit schon geleistet habe, sei immens - für die Region, für Rheinland-Pfalz und auch auf Bundesebene. Mit dem Wirtschaftsministerium in Mainz seien bislang mehr als 80 Projekte umgesetzt worden. Weiber verweist darüber hinaus auf die vor allem von der Geschäftsführerin Martina Josten in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaute Arbeit für große bundesweite Forschungsprojekte, die bisweilen mehr als 100 Mitarbeiter beschäftigen. "Ich will für Kontinuität sorgen, gerade was die ganzheitliche und interdisziplinäre Sichtweise angeht, die den Inmit-Studien ihre besondere Tiefe verleiht. Damit ist das Inmit zur echten Marke geworden. Wenn ich eigene Akzente setze, dann mit einer noch stärkeren Berücksichtigung der technologischen Veränderungen."

Als Technokrat miss verstanden werden kann Weiber dabei nicht. Er sieht sich als Teamplayer, der das "Herzblut" seiner Mitstreiter im Institut schätzt: "Ohne diese Menschen wäre die Arbeit undenkbar. Mit meinen methodischen und empirischen Ansätzen muss ich sie begeistern, sonst geht es nicht."

Als Teamplayer und mit Leidenschaft jedenfalls geht er auch seine Hobbys an. Er liebt Chorgesang, begeistert sich für Psychologie und Theologie. Klavier spielen und in Begleitung seines Golden Retrievers Nordic Walking über die Felder rund um den Wohnort Gusterath (Landkreis Trier-Saarburg) zu machen sind für ihn ein wichtiger Ausgleich. "Dort ist mein Lebensmittelpunkt", sagt Rolf Weiber und drückt damit die Bodenständigkeit aus, die schon seine Ursprünge im elterlichen Edeka-Laden in Bassenheim charakterisierte.

Moderne Ökonomie, das zeigt sein Beispiel, ist keine seelenlose Zahlenfuchserei - und solider Mittelstand nichts Rückständiges oder Technikfeindliches.

ZUR PERSON



Rolf Weiber wurde 1957 geboren, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er lernte Einzelhandelskaufmann, bildete sich zum Betriebs wirt (VWA) fort und studierte Volkswirtschaft sowie Wirtschaftspädagogik in Mainz. Nach der Pro motion arbeitete er als Systemingenieur bei IBM. 1991 habilitierte er sich an der Universität Münster. Seit 1992 ist er Professor für Betriebs wirtschaftslehre an der Uni Trier. Im März 2011 wurde Weiber zum Vorstand des Inmit gewählt.