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Zeit für Lohnerhöhungen?

Zeit für Lohnerhöhungen?

Sollen die deutschen Arbeitnehmer endlich am Aufschwung teilhaben? Oder werden die Konjunkturaussichten durch überzogene Lohnerhöhungen gefährdet, wie Arbeitgeber warnen. Schon Anfang 2011 beginnen erste Tarifverhandlungen.

Trier/Berlin. Zeit für ein Ende der Zurückhaltung? Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) haben vor Wochen die Beteiligung der Menschen am Aufschwung gefordert - als sich die Meldungen über die positive Konjunkturentwicklung überschlagen haben.

Die Interessengruppen laufen sich warm



Um den Aufschwung nicht zu gefährden, warnen Arbeitgeber dagegen angesichts anstehender Tarifverhandlungen vor überzogenen Forderungen. Die Gewerkschaften wollen im Februar mit einer Gesamtforderung von fünf Prozent in die Tarifverhandlungen für die Angestellten der Länder ziehen. Sie fordern ein Plus von 50 Euro für die rund 800 000 Beschäftigten und dann eine lineare Erhöhung von drei Prozent. "Das ist zugleich ein Schutzschirm für den Aufschwung", sagte Verdi-Chef Frank Bsirske.

Bei der Deutschen Telekom geht Verdi mit einer Forderung von 6,5 Prozent mehr Gehalt in die Tarifrunde im Januar. Sie vertritt 100 000 Beschäftigte. "Es wird bei der Lohnzahl 2012 gewaltig Druck geben. Die Erwartungen der Mitarbeiter werden hoch sein", kündigt Baden-Württembergs IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann jetzt schon für die nächste Lohnrunde 2012 an.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagt, wenn es weiter gut laufe, werde die Wirtschaft frühestens Ende 2011 wieder auf dem Stand vor der Krise sein. "Wir brauchen deshalb maßgeschneiderte Abschlüsse unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage in den einzelnen Branchen, die unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht beeinträchtigen."

Vom Aufschwung profitieren unterdessen zahlreiche Beschäftigte der Schlüsselindustrie schon früher. Viele Unternehmen haben angekündigt, die für April vorgesehene Erhöhung der Entgelte um zwei Monate auf Februar vorzuziehen. "Es ist erfreulich, dass die Großen dieses Mal voran marschieren. Das lässt auf eine breitere Sogwirkung hoffen", sagte Hofmann. "Wenn man die Großen der Branche wie Daimler, Porsche, Siemens, Audi und Bosch zusammenzählt, hat man schon etwa die Hälfte der Mannschaft beschrieben, aber noch längst nicht die Hälfte der Betriebe." Viele Unternehmen seien noch in Gesprächen. Laut Lohnbericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) haben sich die Bruttolöhne seit 2000 in keinem anderen Industrieland so schlecht entwickelt wie in Deutschland. Im Schnitt haben die Arbeitnehmer 4,5 Prozent weniger in der Tasche. Weltweit sind die Löhne um ein knappes Viertel gestiegen.

Die Wirtschaftskrise allein ist nach Angaben der ILO nicht Schuld an der Entwicklung. Grund dafür seien moderate Tarifabschlüsse und die Zunahme von Zeitarbeit und Minijobs. In Ländern wie Deutschland, Südkorea, den USA und Japan sei die Lohnentwicklung zunehmend vom Produktivitätswachstum entkoppelt, erläuterte Malte Lübker von der ILO. Die Folge: Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen stiegen, während das Einkommen der Arbeitnehmer sinkt.

www.ilo.org