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Assassin's Creed III: Wirklich großes Kino

Assassin's Creed III: Wirklich großes Kino

Sind die Erinnerungen unserer Vorfahren in unseren Genen abgespeichert? Die Animus-Theorie des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung (1875 bis 1961) ist die inhaltliche Basis einer der teuersten Videospiele-Produktionen aller Zeiten: Assassin's Creed III setzt Ubisofts Erfolgsserie fort, präsentiert einen neuen Protagonisten und eine der aufwendigsten Spielewelten aller Zeiten: die Geburt Amerikas.

Desmond Miles ist ein unscheinbarer Mittzwanziger. Jeans, Kapuzenpulli, vollkommen elan- und energiefreier Gesichtsausdruck. Ein Loser - so scheint es. Doch in Desmonds Genen ruhen die gespeicherten Erinnerungen seiner mordsgefährlichen Vorfahren. Sie alle waren Assassinen - Angehörige eines geheimen Ordens, der über Jahrhunderte besteht, die Geschichte der Menschheit geprägt hat und einen ewigen Kampf gegen den Erzfeind, die Templer, führt.

Da war Altair, der Schweigsame, im Jerusalem des Jahres 1191. Da war Ezio Auditore da Firenze, ein italienischer Edelmann im Italien der Rennaissance. In einem Gerät namens Animus durchlebt Desmond ihr Kämpfe neu, und mit ihm erlebt sie der Spieler. Vier Spiele umfasst die Serie Assassin's Creed bisher auf den großen Konsolen. Nur das erste drehte sich um Altair, der wesentlich farbenfrohere Ezio durfte sich in drei Titeln austoben und vom verwöhnten Jüngling zum weisen und verwitterten Meister seiner Zunft entwickeln. Doch auch Ezios Geschichte ist jetzt vorbei. Der Protagonist von Assassin's Creed III heißt Connor, ist ein Halbblut und erlebt den Unabhängigkeitskrieg des jungen Amerika gegen die Briten. Desmond ist natürlich auch noch dabei, und er trägt immer noch denselben Kapuzenpulli wie im ersten Teil.

Die bisher erschienenen Teile der Serie glänzten mit Spielewelten, die man in dieser Pracht und Herrlichkeit vorher noch nie gesehen hatte. Das alte Jerusalem, Rom, Venedig und Florenz, Konstantinopel in all seiner Pracht - während Desmond im Animus lag, erlebte der Spieler diese historischen Städte als großartige Kulissen. Belebte Bazare, Handelshäuser, Kirchen und Kathedralen, Händler, Passanten, Edelleute, Bettler und Soldaten auf den Straßen - bis heute macht es Spaß, durch diese fantastischen Bühnen zu spazieren. Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Leonardo da Vinci und Niccolo Macchiavelli (er ist natürlich auch ein Assassine) vervollständigten das Erleben der Vergangenheit.

In Assassin's Creed III geht Ubisoft Montreal noch ein paar Schritte weiter. Der Titel ist eine der bisher teuersten Spieleentwicklungen, und das sieht man ihm ab der ersten Minute an. Nach den Kreuzzügen und den Machtkämpfen in Italien ist die amerikanische Revolution das neue historische Thema der Serie. Die jungen Kolonien streben nach Unabhängigkeit. Die Briten begegnen diesem Ansinnen mit der militärischen Schlagkraft ihrer Rotröcke. In dieses Szenario schickt der britische Assassinen-Orden ein voll ausgebildetes Mitglied, dessen erste Akte ein Attentat während einer Theateraufführung, die Atlantik-Überquerung per Schiff mit Mastklettern im tobenden Sturm und der Aufbau eines Netzwerks von Gefolgsleuten in der noch jungen Stadt Boston sind. Diese ersten Akte sind bereits Erlebnisse für sich. Besonders der Schiffslevel packt den Spieler optisch und akustisch so stark, dass man den Eindruck haben könnte, anstelle von Desmond selbst im Animus zu liegen.

Dabei ist all das nur eine Ouvertüre. In Assassin's Creed III erlebt der Spieler hautnah die Revolution und den Unabhängigkeitskrieg (1753 bis 1783). Er kämpft mit in der Schlacht von Bunker Hill und begegnet Gründervätern wie George Washington und Thomas Jefferson persönlich. Er erkundet Boston und New York, spioniert, belauscht, attackiert, kämpft und tötet. Die Einbindung des Spielers in dieses historische Setting ist großartig gelungen, die Schauwerte sind so hoch, als säße der Spieler im Kino und erlebe eine Michael-Bay-Verfilmung über die Geburtsstunden der USA.

Die Herausforderungen an das Können des Spielers fallen wieder einmal weit hinter diese Schauwerte zurück. Die Steuerung Connors durch Gefechte und Klettereinlagen ist simpel und wird jedem Lara-Croft-Veteranen nur ein ungläubig-herablassendes Grinsen entlocken. Aber das ist in Ordnung so: Wer Assassin's Creed spielt, will sehen und erleben. Das stundenlange Knobeln und Tüfteln an einer bestimmten Mission war noch nie Element diese Serie.

Auch Desmonds Geschichte und damit die Verbindung zwischen der im Animus erlebten virtuellen Geschichtsstunde und dem in der Gegenwart immer noch aktuellen Kampf zwischen Templer und Assassinen geht weiter. Assassin's Creed III ist klar ein neuer Höhepunkt der Serie und ein weiterer Beweis für das Aufsteigen des Computerspiels zum Leitmedium der Unterhaltungsindustrie - noch vor dem Film. Jörg Pistorius

Assassin's Creed III: Entwickler Ubisoft Montreal, erschienen für Xbox 360 (getestet) und Playstation 3, in Planung für PC und Wii U. Frei ab 16 Jahren.