Mit kleinen Schritten dribbelt sich der FM 2012 nach vorne

Mit kleinen Schritten dribbelt sich der FM 2012 nach vorne

Kaum ein Genre hat eine so treue Kundschaft wie die Fußball-Manager-Spiele. Und jedes Jahr erscheint dazu aus dem Hause EA eine neue Auflage des Fußball-Managers. Seit dem Ende der „Anstoß“-Reihe 2006 ist sie in Deutschland ohne Konkurrenz. Jetzt ist die 2012er-Version erschienen.

Mehr als 700 Verbesserungen verspricht das Entwicklerteam um Gerald Köhler bei der 2012-Version. Besonders dem 3D-Spiel, dem Vereinsgelände und dem Finanzbereich wurde die Aufmerksamkeit zuteil. Doch was bringen die Neuerungen wirklich?

Das 3D-Spiel
Die Spieldarstellung hat sich deutlich verbessert, völlig hanebüchenes Verhalten der Spieler ist deutlich selten geworden und auch die taktischen Vorgaben werden erkennbarer befolgt. Lediglich ab und zu würde man sich bei den Spielern eine deutlichere Zielstrebigkeit zum Tor wünschen.
Ganz neu ist die Möglichkeit, direkt während des Spiels Informationen über einzelne Spieler abzurufen. Außerdem kann beispielsweise direkt in der Spielansicht die komplette Taktik nachjustiert werden - in dem etwa die Abwehrreihe weiter nach vorne beordert oder das Pressing auf das gesamte Spielfeld ausgedehnt wird.
Mit der Optik von Fifa 12 ist das Spiel aber immer noch nicht zu vergleichen, es fühlt sich eher an Varianten wie Fifa 04. Aber der Fokus liegt ja auch in anderen Bereichen. Wichtig ist, dass der Spieler das Gefühl bekommt, dass es einen Unterschied macht, mit welchen Vorgaben seine Truppe auf das Feld schickt und sie sich im Spiel bemerkbar machen.

Der Textmodus
Deutlich mehr Möglichkeiten stehen nun im Textmodus zur Verfügung. So kann man die Textbausteine Satz für Satz oder gar Wort für Wort erscheinen lassen. So kommt endlich wieder die Spannung des alten Textmodus auf. In einem angekündigten Patch soll es auch möglich sein, den grün-gelb-roten Chancenbalken komplett auszublenden.
Neben 3D-Spiel und Textmodus vervollständigen die Sofortberechnung und die Videotext-Ansicht die Möglichkeiten, das Ergebnis zu verfolgen.

Die Taktik
Bei den taktischen Möglichkeiten ist fast alles beim alten geblieben. Passspiel, Abstoßlänge, Angriffsseiten oder Laufwege können eingestellt werden. Allerdings wird nicht so ganz klar, welche Einstellungen sich in welcher Spieldarstellung auswirken, denn jede Darstellungsform hat eigene Grundlagen. Eine einheitliche Berechnung steht seit Längerem auf dem Wunschzettel der Fans, wurde bislang aber noch nicht erreicht. Als Test wurde ein Spiel von Schalke 04 gegen den 1. FC Kaiserslautern mit den exakt gleichen Vorgaben in allen vier Modi verfolgt. Die Ergebnisse: 2:0 im 3D-Modus, 2:1 im Textmodus, 4:0 im Videotext und schließlich 3:0 in der Sofortberechnung.
Seit längerem fehlt eine Hilfestellung bei der Analyse, mit welcher Taktik man dem Gegner das Leben schwer machen kann - etwa in Form des Co-Trainers oder Chefscouts, der hohe Flanken oder kurze Ecken empfiehlt.

Die Ansprachen
Auf vielfachen Wunsch gibt es im FM12 wieder die Ansprache vor dem Spiel. Je nach Gegner kann man der Mannschaft Vorgaben auf den Weg geben. Die Spanne reicht von der Erwartung eines hohen Sieges bis zum Ausdruck der Hoffnung, die Niederlage in Grenzen zu halten oder auch nur "Gras zu fressen". Mit erfolgreichen Ansprachen verdient man sich nach und nach einen Kredit bei der Mannschaft. Ist dieser Kredit (im Spiel dargestellt mit Fußballschuhen) aufgebraucht, stehen nur ziemlich allgemeine Ansprachen zur Verfügung.
Auch hier ist ein richtiger Weg beschritten, allerdings würde man sich doch etwas mehr Abstimmung auf den nächsten Gegner wünschen, denn nicht immer ist eine passende Ansprache dabei.

Das Training
Wurde in den vergangenen Versionen immer eine Trainingswoche als Ganzes angeordnet, gibt es nun wieder die Möglichkeit, einzelne Trainingseinheiten anzuordnen und so auch komplette Trainingswochen selbst zu erstellen.

Transfers
Wer kennt das nicht? Nach einigen Saisons wechselt man den Verein und stellt beim Blick in den Kader fest, dass es zwar vier Rechtsverteidiger gibt, aber keinen vernünftigen Mittelstürmer. Dem soll eine neue Kaderanalyse entgegenwirken, die unter Einbeziehung der Taktischen Aufstellung den Kader nach Stärken und Schwächen analysiert. Diese Funktion wird auch von der KI benutzt, sodass die Transferaktivitäten deutlich realistischer werden.

Das Vereinsgelände
Schluss mit dem "Städtebaumanager light": Im Gegensatz zu früher können nun nicht mehr Pommesbuden, Kino, Parkhäuser oder Achterbahnen frei auf dem Vereinsgelände platziert werden. Stattdessen gibt es markierte Bereiche, in denen 25 Gebäudetypen in unzähligen Ausbaustufen erweitert werden können. Endlich endet das Vereinsgelände nicht mehr vor dem Stadion, sondern es ist in voller Pracht zu bestaunen. Ebenfalls neu ist die Möglichkeit, ein komplett neues Stadion zu bauen. Bislang konnte man nur sein eigenes erweitern. Schön wäre allerdings die Kombination aus beidem gewesen: Ein frei gestaltbares Stadionumfeld mit der Möglichkeit, dort auch die Fundamente für ein zweites Stadion anzulegen.

Der Finanzbereich
Alte Hasen im Managergeschäft werden den Finanzbereich nicht so schnell wiedererkennen, hier ist eine gewisse Einarbeitungszeit erforderlich, um wirklich alles im Detail zu überblicken. Vorteilhaft ist aber, dass man eigentlich nur um seine Budgets für Transfers, Spielergehälter oder Infrastruktur im Blick behalten muss - und zwischenzeitlich ein paar 100.000 Euro verschieben muss, um sie im Limit zu behalten. Denn Überschreitungen werden von den Chefs im Vorstand nicht gerne gesehen.

Presse und Öffentlichkeit
Eine weitere Neuerung ist die Jahrespressekonferenz. Vor jeder Saison stellt der Vorstand seine Ziele vor und blickt auf das vergangene Jahr zurück. Außerdem ist der Spieler gefordert, Fragen der Mitglieder zum eigenen Kader und zu den Zielen zu beantworten. Das macht richtig Spaß, denn endlich ist die richtige und alle glücklich machende Antwort nicht mehr wie bisher auf den ersten Blick ersichtlich. Sondern man muss beispielsweise bewerten, ob der eigene Sturm stark genug für die kommende Saison ist. Trifft man mit seiner Ansicht nicht die Meinung der Mitglieder, gibt es einen Vertrauensverlust. So kann man mit einer guten Einschätzung seiner Stärken und Schwächen massiv vertrauen gewinnen - oder aber verlieren.
Etwas kniffliger sind teilweise auch die Fragen nach dem Spiel geworden - wobei hier zu bemängeln ist, dass das eine oder andere Mal Fangfragen gestellt werden. So fragt der Reporter beispielsweise, warum der Spieler X nicht gespielt habe. Wenn man nun nicht aufgepasst hat und sagt, dass man mit seiner Trainingsleistung nicht zufrieden war, bekommt man als Antwort, dass der Spieler sehr wohl eingewechselt worden ist - verbunden mit einem Vertrauensverlust bei der Presse. Leider hat man aber nicht immer die Antwortmöglichkeiten, um den Fangfragen zu begegnen. Da müsste in einem Patch umgehend nachgebessert werden, am besten, indem man die Fangfragen komplett streicht.

Allgemeine Kritikpunkte
Die Zeitung beschränkt sich auf Schlagzeilen, Spielberichte wie zu früheren Zeiten gibt es immer noch nicht. Dafür aber eine Übersicht mit den Geburtstagen von Spielern…Der Spielplan wird nicht automatisch angepasst. So ist es regelmäßig so, dass man mit seiner Mannschaft donnerstags im Europapokal ran muss und gleich am Samstag das nächste Bundesligaspiel hat. Immerhin kann man die Spiele mittlerweile manuell um einen Tag verschieben, aber warum kann das nicht automatisch passieren?Die Kommentatoren bei den 3D-Spielen sind unerträglich. Mindestens dreimal pro Spiel fällt das Tor des Monats oder Tor des Jahres…

Fazit:
Es sind kleine Dribbelschritte, mit denen der Fußball-Manager Jahr für Jahr verbessert wird. Der immer wieder erhoffte große Wurf ist ausgeblieben. Manche der sogenannten Neuerungen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Features, die es in früheren Versionen schon mal gab und jetzt einfach nur reaktiviert worden sind - wie beispielsweise der detaillierte Trainingsplan. Ebenfalls noch großes Potenzial hat der Interview-Bereich. Die neue Jahreshauptversammlung ist ein guter Schritt auf diesem Weg, aber dieser große Bereich liegt trotzdem noch weitgehend brach. Hier gibt es die Möglichkeit, für den FM 2013 noch viel für das Flair der Simulation zu tun.
All diese Punkte dürfen aber nicht verstellen, dass der FM 12 insgesamt ein wirklich gelungenes Spiel ist, das in Spieltiefe und Umfang seinesgleichen sucht. Christian Brunker

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