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Wie Kanada zum Skifahrer-Mekka wurde

Europäische Pionierarbeit : Wie Kanada zum Skifahrer-Mekka wurde

Die Orte Banff, Lake Louise und Whistler kennen vermutlich die meisten Skifans. Zum Sehnsuchtsziel europäischer Skifahrer wurde Kanada aber nicht nur wegen seiner drei berühmtesten Skiorte.

Das kanadische Whistler-Blackcomb ist das größte Skigebiet Nordamerikas und Lake Louise die Wiege des kanadischen Ski-Tourismus. Fast 800 Kilometer trennen die beiden Orte. Der gigantische Ski-Kosmos von Whistler liegt nördlich von Vancouver. Lake Louise ist eines von inzwischen drei Skigebieten im Banff Nationalpark.

Eines haben die Orte trotz ihrer Entfernung gemein: Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass das zweitgrößte Land der Erde zum gelobten Land für Skifahrer und Snowboarder wurde. Aber es gibt noch andere Gründe.

Das einzigartige Kanada-Erlebnis von fast menschenleerer weißer Wildnis bieten vor allem abgelegene Lodges, von denen Wintersportler mit Hubschraubern auf einsame Gipfel geflogen werden. Viele dieser Lodges wurden von Pionieren aus Europa gegründet, die nach Banff ausgewandert sind. Dorthin strömten Ende des 19. Jahrhunderts Gastarbeiter für den Bau einer 4466 Kilometer langen Bahnlinie. Sie sollte die Pazifik- mit der Atlantikküste verbinden.

Einige der von der Canadian Pacific Railway angeheuerten Arbeiter waren Bergführer, die den gefährlichen Gleisbau durch die bis dato schier unüberwindlichen Rocky Mountains absichern sollten. In ihrer Freizeit gingen sie zunächst im freien Gelände Skifahren, bevor sie 1926 in die dichten Wälder oberhalb von Banff Schneisen für erste Pisten schlugen.

Das erste Skigebiet in den kanadischen Rockies nannten sie Mt. Norquay. 1941 bauten sie dort einen ersten Schlepplift. Der mit einem Automotor betriebene Lift war nicht viel mehr als ein Seil, an das man sich für die Auffahrt klammern musste. Aber er ermöglichte auch weniger fitten Skifahrern mehrere Abfahrten pro Tag.

Nationalpark wird schnell zur Touristenattraktion

Als die zweite Generation von Skipionieren nach dem Zweiten Weltkrieg nach Banff strömte, war der Nationalpark schon eine Touristenattraktion. Die Canadian Pacific Railway hatte schlossartige Luxushotels entlang ihrer Bahnstrecke in Banff und Lake Louise bauen lassen, die Zehntausende Gäste anzogen.

Die zweite Generation Pioniere waren Österreicher wie Hans Gmoser und Mike Wiegele sowie die Schweizer Rudi Gertsch, Peter Schlunegger und viele weitere. Sie gründeten Skischulen im neuen Skigebiet Lake Louise, trainierten Skirennläufer und führten Tourenskifahrer auf abgelegene Gipfel.

Die schönsten Tiefschneehänge in den gigantischen Rocky Mountains rund um Banff aber lagen für Normalsterbliche selbst mit stundenlangen, kräftezehrenden Anstiegen viel zu weit weg. „Schöne Orte sind eben schwer erreichbar“, stellte Gmoser einmal fest. Und deshalb griff er Mitte der 1960er-Jahre die Idee auf, Skifahrer mit einem Hubschrauber auf einsame Gipfel zu fliegen, um von dort abzufahren.

Umweltschutzbedenken gab es damals noch nicht - bald schon boomte das von Gmoser erfundene Heliskiing-Geschäft. Mit seiner Firma Canadian Mountain Holidays (CMH) baute Gmoser im Bugaboos Massiv südwestlich von Banff in der Provinz British Columbia (BC) die erste Heliski-Lodge der Welt. Inzwischen ist CMH mit zwölf Lodges in BC Heliski-Weltmarktführer. Zu Gmosers ersten Guides gehörten auch Wiegele, Gertsch und Schlunegger, die sich später mit Heliski-Lodges selbstständig machten.

Gigantische Schneemengen von 20 Metern pro Jahr

Berühmt wurde vor allem Mike Wiegele, der in Blue River das größte Heliskidorf der Welt gründete. Der arme Bauernsohn aus Kärnten baute ein kleines Ski-Imperium auf, kurbelte den Tourismus in Alberta und BC mit an und wurde zum Vorreiter für mehr Sicherheit in den Bergen. Dafür wurde ihm sogar eine Ehrendoktorwürde verliehen. Die Heliski-Pioniere rund um die verstorbenen Antreiber Gmoser und Wiegele, die in die kanadische „ Ski Hall of Fame“ aufgenommen wurden, blieben im zentralen BC.

Erst die nächste Generation wagte sich in die Coast Mountains an der Pazifikküste nördlich von Vancouver vor. Das Wetter dort ist wegen der Nähe zum Ozean unbeständiger, dafür sind die Schneemengen mit mehr als 20 Metern pro Jahr noch gigantischer und die Gebirgszüge noch beeindruckender. Die Berge wirken dort noch größer, die Lodges aber sind eher kleiner als die im zentralen BC.

Als „Boutique Heliskiing“ preisen Reiseveranstalter die charmanten Blockhütten an, von denen aus meist mit kleineren Hubschraubern und in überschaubaren Gruppen von bis zu fünf Gästen geflogen wird.

Mit George Rosset war wieder ein ausgewanderter Schweizer der Ideengeber für diese Art des kleinen und feinen Heliskiings. Mit Partnern startete er erst mit der Tyax-Lodge bei Whistler, um dann Last Frontier Heliskiing mit zwei Lodges hoch im Norden an der Grenze zu Alaska zu gründen. Schnell folgten weitere Boutique-Anbieter wie das von dem ebenfalls aus der Schweiz stammenden Beat Steiner mitgegründete Bella Coola Heli Sports.

Der Hubschrauber startet direkt vor dem Hotel

Der Senkrechtstarter der Szene hat inzwischen fünf rustikale Lodges an verschiedenen Standorten. Viermal in Folge wurde Bella Coola bei den World Ski Awards als bester Heliski-Anbieter der Welt ausgezeichnet. Alle paar Jahre eröffnen neue Boutique Heliski-Lodges in den unzugänglichen Coast Mountains. Die jüngste ist die Northern Escape Mountain Lodge in der Nähe von Terrace.

Besitzer John Forrest hat sich mit dem oberhalb eines Sees gelegenen Ski-Chalet am Rande der Skeena Mountains einen Traum erfüllt. Seinen Gästen erfüllt er Tag für Tag ihrer Träume vom kanadischen Winter-Wonderland. Der Hubschrauber steht bei ihm direkt vor der Lodge. „Besser geht's nicht“, schwärmt Forrest.

Der Transfer mit dem fliegenden Lift zur ersten Abfahrt dauert nur Minuten. Zentimetergenau setzt der aus der Nähe von Stuttgart stammende Helipilot David Hiltenkamp die Maschine auf ein winziges Gipfelplateau. Forrest öffnet die Tür, dann klettern seine fünf Gäste raus. „Aus dem Heli springt hier keiner, das gibt es nur bei James Bond“, sagt Forrest schmunzelnd. Neben der Kanzel zusammengekauert warten die Skifahrer, bis die Maschine abhebt und Richtung Tal verschwindet.

Nach wenigen Sekunden herrscht absolute Stille. Ergriffen von der majestätischen Bergwelt um sie herum schauen die Skifahrer über die Bergketten, bei denen sich Gipfel an Gipfel reiht. Der nächste größere Ort ist Hunderte Kilometer entfernt. Im hohen Nordwesten Kanadas gibt es Heliskiareale, die fast so groß sind wie die Schweizer Hochalpen. Während dort oft Hunderttausende Skifahrer auf den Pisten unterwegs sind, sind es bei Northern Escape ein paar Handvoll. Wenn das Wetter mitspielt, fahren sie ausschließlich Tiefschnee.

„Das ist die Faszination Heliskiing“, sagt Forrest. Der Spaß hat seinen Preis: Rund 10 000 Euro muss man für eine Woche rechnen. Das ist sehr teuer. Und umweltfreundlich ist es auch nicht. Obwohl die Kritik von Umweltschützern in Kanada verhalten ausfällt.

Manche Heliski-Anbieter sind als CO2-neutral zertifiziert

Diejenigen, die nicht grundsätzlich gegen jede touristische Nutzung der Berge sind, sehen die Forstwirtschaft, die riesige Flächen für Lifte und Pisten kahlschlägt, kritischer als die paar Dutzend Hubschrauber, die in dem dünn besiedelten BC umherfliegen.

Um sich nicht angreifbar zu machen, haben sich alle Heliski-Anbieter freiwillig verpflichtet, Areale, in denen sie Karibus oder andere Tiere sichten, weiträumig zu umfliegen. Einige erheben für Wissenschaftler in sonst unzugänglichen Regionen Daten über Tierpopulationen. Erste Anbieter wie Bella Coola und Northern Escape sind seit neuestem zudem als CO2-neutral zertifiziert.

Die Heliski-Lodges in den Coast Mountains ziehen Tiefschneefans aus der ganzen Welt an. Nur auf den wenigen „Local Hills“ wie den Skigebieten Shames bei Terrace und Hudson Bay Mountain bei Smithers sind die Einheimischen unter sich. Wer kleine Skiresorts mit kanadischem Charme und moderner Infrastruktur sucht, der muss vom Nordwesten British Columbias Richtung Südosten reisen.

Auch ein Deutscher macht sich als Skipionier einen Namen

Zum Beispiel in das Fernie Alpine Resort, das längst kein Geheimtipp mehr ist. Das enorm facettenreiche Skigebiet unter der emporragenden Felswand der Lizard Range taucht in fast allen Kanada-Katalogen europäischer Reiseveranstalter auf.

Die wenigsten Fernie-Besucher wissen dabei, dass sie das Fernie Resort einem Deutschen zu verdanken haben - nämlich dem vor einigen Jahren verstorbenen Heiko Socher. Der gebürtige Berliner gab seinen sicheren Job als Forstwirt auf, um in den 1970er-Jahren ein Skiresort oberhalb des Minenstädtchens zu bauen.

Bis heute sprechen die Einheimischen in Fernie mit großer Hochachtung von Heiko Socher. Sie wissen, dass Fernie und andere Orte im Westen Kanadas nicht nur wegen ihrer beeindruckenden Berge und dem vielen Schnee zu Traumreisezielen für Skifahrer geworden sind, sondern auch dank leidenschaftlicher Pioniere wie Socher, Wiegele, Gmoser und Co.

© dpa-infocom, dpa:211230-99-543810/4

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(dpa)