Zu Hause unterwegs: Das Wohnmobil als alternative Reisemöglichkeit

Zu Hause unterwegs : Das Wohnmobil als alternative Reisemöglichkeit

In Zeiten, in denen Individualreisen und -urlaube immer beliebter werden, erlebt das Verreisen mit dem Wohnmobil eine wahre Renaissance. Jung, Reif und Alt scheinen sich allerorts immer häufiger dazu aufzumachen, die Straßen dieser Welt in einem fahrenden Wohnzimmer zu durchstreifen.

Das Reisen scheint, nachdem es lange Zeit vor allem in Pauschalreisen sich erschöpfte, allmählich wieder zum Selbstzweck zu werden. Wie kommt es dazu und warum ist das Wohnmobil so beliebt geworden?

Vom fahrenden Landhaus zum Hotel auf vier Rädern

Erste Versuche, motorisierte Fahrzeuge in ein fahrendes Heim zu verwandeln, gab es bereits vor rund hundert Jahren (beispielsweise das fahrende Landhaus). So richtig in Mode gekommen ist das Verreisen mit dem Wohnmobil allerdings erst in der Nachkriegszeit. Das Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren brachte es mit sich, dass große Teile der Bevölkerung sich relativ plötzlich so etwas wie einen Urlaub leisten konnten. Man hatte nicht nur einen gesicherten Verdienst und mehr oder weniger garantierte Aufstiegsmöglichkeiten im Rahmen standardisierter Karrieren, sondern nunmehr auch genügend Freizeit, um in die Ferien fahren zu können. Demgegenüber war es noch etwa in den 1920er Jahren nur den gut situierten, bürgerlichen Familien möglich, regelmäßig in die sogenannte Sommerfrische a ufzubrechen.

Doch mit einer seit den 1950er Jahren immer größerer werdenden Mittelschicht wuchs auch die Anzahl an Freizeitmöglichkeiten und damit auch an Urlaubsangeboten. Die Tourismusbranche erwachte. Die Pauschalreise kam auf den Plan und der Strandurlaub in der Türkei oder auf Mallorca wurde zur favorisierten Urlaubsart vieler Deutscher. Wandern zu gehen, zu campen oder mit dem Wohnwagen zu reisen, kam dagegen wieder eher aus der Mode. Nur noch Aussteiger und Ökofreaks schienen so verrückt zu sein. Urlaubmachen wurde langsam zu einem Statussymbol: Es geziemte sich nicht, alles alleine zu machen, stattdessen zahlte man lieber viel Geld und buchte Ultra-all-inclusive-Pakete mit alkoholischen Getränken, die man von zu Hause her gewohnt war. Eine neue Kultur kennenzulernen und sich auf ihre Spezialitäten und Eigenheiten einzulassen, war da bloß sekundär. Womöglich ist aber genau das auch der Grund dafür, dass sich der Trend seit nunmehr 20 Jahren wieder umzukehren scheint.

Die Globalisierung hatte nämlich nicht nur ökonomische Folgen und Ursachen, sondern eben auch kulturelle. Die Generationen der Millennials und der digital Natives wuchsen in hohem Maße unter interkulturellen Einflüssen auf, weshalb die Neugierde auf das Fremde und Unbekannte stieg, während die Angst davor sich verflüchtigte. Au-Pair in Südamerika, Work and Travel in Australien - das gehört bei den Angehörigen dieser Generationen schon beinah zum guten Ton. Damit verbunden stieg das Bedürfnis, »auf eigene Faust« zu reisen. Man suchte das Abenteuer und die Offenheit; man suchte das Echte und Authentische, nicht das Standardisierte und Massenabgefertigte. So wurde die Individualreise für viele zum Standardurlaubsmodell. Mit einem selbstgebauten Wohnmobil durch Alaska und Kanada reisen? Das haut heute keinen mehr aus den Socken. Man kennt das mittlerweile.

Slow-Traveling mit dem Wohnmobil

Wer heute mit dem Wohnmobil reist, spricht gerne vom Slow-Travel. Wörtlich genommen macht der Begriff hier allerdings wenig Sinn, denn moderne Wohnmobile sind schon lange keine langsamen Fahrzeuge mehr. Dennoch scheint diese Art des Reisens etwas Besonderes, Ursprüngliches an sich zu haben, das verfängt und nicht mehr loslässt, sobald man es einmal ausprobiert hat. Der Grund ist ein einfacher: Die Wohnmobilhersteller haben ihre Hausaufgaben gemacht. Wer heute mit einem Wohnmobil reist, der tuckert nicht etwa in einer schäbigen Kiste umher, die bei jeder leichten Steigung zum Stehen zu kommen droht und in der es kaum Platz, geschweige denn Komfort gibt. Wer heute in einem Wohnmobil unterwegs ist, fährt vielmehr oftmals in einer Art Hotel mit vier Rädern: Solarpanels, Sanitäranlagen, W-LAN, Kochmöglichkeiten und diverse Mediengeräte sorgen für ein hohes Maß an Behaglichkeit und Komfort, als würde man das zu Hause immer dabei haben. Mit Askese und Aussteigertum hat dies wahrlich nichts mehr zu tun.

Das moderne Wohnmobil bietet den Individualreisenden hervorragende Reisebedingungen: Sie müssen einerseits nicht auf Komfort verzichten und sind andererseits äußerst flexibel in der Urlaubsgestaltung. Urlaubsziele lassen sich spontan ändern oder ansteuern. Auf die Buchung von Unterkünften ist man nicht mehr angewiesen. Zudem dürfen Fahrzeuge mit einer Gesamtmaße von bis zu 3,5 Tonnen bereits mit einem gewöhnlichen Pkw-Führerschein gefahren werden. Im Auge behalten sollte man dabei bloß, dass man auf geeignete Stellplätze angewiesen ist. Zwar wird in Deutschland eine Übernachtung im Wohnmobil auf gewöhnlichen Parkplätzen zumeist noch toleriert, erlaubt ist sie jedoch nicht.

Nichtsdestotrotz kann man insgesamt festhalten, dass das Wohnmobil eine sehr gute Möglichkeit darstellt, relativ autark zu reisen. Und die Autarkie ist es wohl letztlich auch, die den Reiz des Reisens mit diesem ausmacht. Man findet wieder Spaß am Reisen selbst - und ist es nicht das, was eigentlich zählt?

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