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Sorge um Nager
Auffangstation hilft Eichhörnchen in Not

Eichhörnchen „Flörchen“ wurde in der Eichhörnchenpflegestation wieder topfit. Foto: Britta Pedersen
Eichhörnchen „Flörchen“ wurde in der Eichhörnchenpflegestation wieder topfit. Foto: Britta Pedersen FOTO: Britta Pedersen
Teltow, Brandenburg. Flink flitzt sie durch ihr neues Zuhause und scheut sich nicht, an den Beinen ihrer Besucher rauf und runter zu klettern. Mit ihrem buschigen Schwanz als Steuerruder springt sie geschickt von Gitter zu Gitter. Von Elisa Frankenstein, dpa

Eichhörnchendame Flörchen ist wieder topfit - im Gegensatz zu vielen anderen Patienten, die unter der Obhut von Tanya Lenn in einer Auffangstation gepflegt werden. Derzeit kümmert sich Lenn mit ihrem Verein „Eichhörnchen-Hilfe Berlin/Brandenburg“ um 50 Hörnchen, die in Teltow bei Berlin auf einer Fläche von 150 Quadratmetern wieder zu Kräften kommen sollen.

Für Hörnchen Waldo, der kürzlich in die Auffangstation gebracht wurde, hätte es ohne Behandlung schlecht ausgesehen. Er frisst nicht und wird seit seiner Ankunft mit einer Mischung aus Aufbaupräparaten, Schmerzmitteln und Entzündungshemmern wieder aufgepäppelt.

Tanya Lenn ist die Leiterin der Pflegestation und seit 18 Jahren im Einsatz. Die 54-Jährige und ihre Helfer erhalten Unterstützung vom Tierschutzverein „Aktion Tier“ und von Spendern. Anders wären die teils kostspieligen Behandlungen nicht möglich. Lenn hat dabei alle Hände voll zu tun. Der vergangene laue Winter und die lang anhaltende Hitze im diesjährigen Sommer habe viele Eichhörnchen auf eine besonders harte Probe gestellt.

Einige Eichhörnchen-Freunde fürchten, dass die possierlichen Nager diesen Winter hungern müssen, weil etwa aufgrund der Dürre nicht genügend Nahrung herangereift sei. Besteht Anlass zur Sorge? Mehr Anrufe von Eichhörnchen-Findern hat zumindest auch Derk Ehlert, Wildtierexperte der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, registriert. Ob das aber an einer erhöhten Aufmerksamkeit oder wachsender Not der Hörnchen liege, könne er nicht beurteilen: „Es wurden vermehrt dehydrierte Jungtiere gefunden, die aus dem Kobel gefallen sind, was angesichts des langen und heißen Sommers kein Wunder ist. Daraus kann man jedoch noch keinen Trend ableiten.“

Anders als andere Nager fressen sich die hellrot bis braunschwarzen Hörnchen keinen Winterspeck an. Deshalb ist es für sie besonders wichtig, dass im Sommer und Herbst genügend Samen und Nüsse vorhanden sind, damit sie sich Vorräte anlegen können. Als sogenannte Winterruher benötigten Eurasische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) kalte Winter, damit der Stoffwechsel herunterfahren könne und die angelegten Depots mit Nahrungsvorräten ausreichten, erläutert Tanya Lenn. In milden Wintern wachten die Tiere dagegen häufiger auf. Dieses Hochfahren der Körperfunktionen kostet viel Energie.

Ob es in diesem Jahr einen dürrebedingten Nahrungsmangel gibt, ist unklar. In den Thüringer Wäldern sei der Tisch für die Eichhörnchen reich gedeckt, teilte jüngst die Landesforstanstalt mit. Vor allem bei Eiche, Fichte, Kiefer und Douglasie zeichne sich in dieser Saison eine rekordverdächtige Mast ab. Der Anteil „tauber“ Nüsse und Zapfen sei etwa so hoch wie in anderen trockenen Jahren und falle bei der große Gesamtmenge kaum ins Gewicht.

Und selbst wenn mancherorts bestimmtes Futter knapp ist oder Lieblingsspeisen fehlten - das müsse nicht schlimm sein, sagt Wildtierexperte Ehlert: „Das Eichhörnchen frisst sehr gerne Haselnüsse und Walnüsse. Diese gibt es in diesem Jahr kaum bis gar nicht. Da Eichhörnchen Allesfresser sind und sich ihre Nahrung nach dem Angebot in ihrem Revier richtet, können sie beispielsweise auf Eicheln, Fichtenzweige, Kiefernzapfen und Kleintiere umsteigen.“ Auch wenn das Eurasische Eichhörnchen nicht als bedroht gilt, kann man die Tiere laut Wildtierexperte Ehlert dennoch unterstützen - etwa mit einem Futterhäuschen und Wasserschalen im Garten.

Auch Katrin Koch vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) traut den geschickten Kletterern einiges zu: „Eichhörnchen sind Wildtiere und können Strategien entwickeln. Wenn Bäume wenig Früchte tragen, kann es durchaus vorkommen, dass es zu verminderten Beständen oder zu größeren Wanderungen in ergiebigere Nahrungsgebiete kommt. Das ist normal.“

Tanya Lenn von der Eichhörnchen-Auffangstation sorgt sich auch wegen der seit einigen Jahren steigenden Anzahl bedürftiger Tiere mit ungewöhnlichen Krankheitsbildern. „Wir konnten beobachten, dass viele Eichhörnchen, die unsere Auffangstation erreichen, sich nicht richtig bewegen können, also Probleme mit der Wirbelsäule und dem Knochengerüst haben“, sagt sie. „Häufig können wir bei der Behandlung nicht auf bereits gesammelte Erfahrungen zurückgreifen. Das ist dann mehr ein Ausprobieren und Herantasten.“

Für Tanya Lenn wird - ob mit oder ohne Nahrungsmangel - die Arbeit wohl nicht weniger werden. Allein schon aufgrund der Konflikte zwischen tierischen und menschlichen Interessen, wie etwa die Geschichte von Griselda zeigt: Das Jungtier hatte Anfang des Jahres mit ihrer Mutter und drei Geschwistern einen Kobel im Baum einer Wohnanlage bewohnt. Als der aufgrund von Bauarbeiten gefällt wurde, zog die Eichhörnchenfamilie auf einen benachbarten Balkon um. Dass dann aber wegen Sanierungsarbeiten noch die umliegenden Balkone abgerissen wurden, gab Griseldas Mutter den Rest. Fortan war sie - wie der Rest der Hörnchen-Familie - auf die Hilfe von Lenn angewiesen.

Griselda ist noch in der Auffangstation. Sie hat Rückenprobleme und große Schwierigkeiten sich zu bewegen. Deshalb bleibt sie auf die Hilfe ihrer Ziehmutter Lenn angewiesen - möglicherweise für immer. Griseldas Mama und ein Geschwisterchen dagegen haben erreicht, was sich Lenn für alle ihre Pflegetiere wünscht. Sie haben es in die Auswilderungsstation geschafft, wo sie sich wieder an das Leben in freier Wildbahn gewöhnen sollen.

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