1. Meinung

100 Hertz Die Fernsehkolumne: (K)Ein Platz an der Sonne

100 Hertz Die Fernsehkolumne: (K)Ein Platz an der Sonne

Ich kann nicht behaupten, dass mich die sonntägliche Bekanntgabe der Gewinner der Aktion Mensch oder der Fernsehlotterie jemals interessiert hätte. Als notorischer Nicht-Loskäufer dachte ich so zwischen Sportschau, Lindenstraße und Heute allenfalls am Rande, es sei doch nett von Fernsehgiganten wie Frank Elstner oder Thomas Gottschalk, dass sie sich für einen guten Zweck engagieren.

Inzwischen weiß man: Die Herren engagieren sich nicht, sie werden engagiert, zu "marktüblichen Preisen", wie es heißt, mit anderen Worten: Sie verlesen ein paar Namen und halten ihr Gesicht in die Kamera für ein Jahressalär, von dem zehn Durchschnittsverdiener leben könnten. Bezahlt aus dem Spendenaufkommen einer gemeinnützigen Organisation.

Das hat allerdings nie jemanden gejuckt. Bis Monica Lierhaus kam, eine nach einer tragischen Erkrankung stark behinderte Frau. Deren Einkommen - das anders als bei Gottschalk und Elstner kein Zubrot sein dürfte - geriet zum Politikum, wurde durch die Medien gezogen. Ist ihre Leistung das wert? Die Frage kann man stellen. Dann aber bitte bei allen.

Als Lierhaus vor zwei Wochen auf den Bildschirm zurückkehrte, gab es ein merkwürdiges Echo. Von "gespenstisch" war die Rede, Reporter analysierten das "starre Gesicht" und die "mechanische Sprechweise", andere mutmaßten gar, man habe sie zu dem Auftritt gezwungen. Dabei zeigt die Moderatorin nichts anderes als die üblichen Merkmale von jemandem, der sich nach einem Koma viele Dinge ganz neu aneignen muss.

Wie wär's, wenn man sich statt Krokodilstränen und Fürsorge-Heuchelei einfach daran gewöhnt, dass es auf dem Bildschirm nicht nur makellose Schleiflack-Gesichter gibt? Dann hätte sich die Investition in Frau Lierhaus schon gelohnt.

Dieter Lintz