1. Meinung

Arbeitsfreude allein macht noch keine gute Arbeit aus

Arbeitsfreude allein macht noch keine gute Arbeit aus

Je lieber man eine Arbeit macht, desto besser macht man sie. Ist das wirklich so? „Was man besonders gerne tut, ist selten ganz besonders gut.“ Diese Erkenntnis von Wilhelm Busch trifft auch heute noch ins Schwarze. Nehmen Sie die Show „Deutschland sucht den Superstar“: Alle Kandidaten singen, krächzen, röhren mit Freude, aber wie klein ist die Zahl derer, die als Sänger nur einen Hauch von Talent haben?

Dass "gerne" nicht gleich "gut" ist, gilt auch im Berufsleben. Und es gilt sogar für Genies wie Johann Wolfgang Goethe. In späten Jahren widmete sich der Großdichter mit Freude den Naturwissenschaften. Seine Farbenlehre war ihm heiliger als sein "Faust". Doch sie war grottenfalsch, er wurde dafür ausgelacht.

Der Physiker Albert Einstein griff liebend gern zur Geige. Aber hätte er Berufsgeiger werden können? Zeitgenossen spotteten: Geschmack ist relativ! Darum: Lassen Sie sich, wenn Sie einen Beruf oder eine Aufgabe wählen, nicht nur von Ihrer Freude an einer Tätigkeit leiten - holen Sie sich Einschätzungen von außen. Andere Meinungen wirken wie ein Spiegel: mit ihrer Hilfe können Sie neue Seiten an sich entdecken, sich mit mehr Distanz betrachten. Worin sehen die anderen Ihre Stärken? Wie fallen die Rückmeldungen von Eltern und Lehrern, Chefs und Kollegen aus? Welcher rote Faden zieht sich durch die Einschätzungen? Verbinden Sie das, was Ihnen Freude macht, mit dem, was Sie am besten können.

Goethe schlug diese Brücke zwischen den Naturwissenschaften und der Schriftstellerei übrigens auch: Er übertrug das Verhalten von chemischen Elementen auf Liebespaare. Heraus kam ein Meisterroman der Weltliteratur: "Die Wahlverwandtschaften".

Unser Kolumnist Martin Wehrle (geboren 1970) gehört zu den erfolgreichsten Karriereberatern in Deutschland. Sein aktuelles Buch: der Bestseller "Ich arbeite in einem Irrenhaus" (Econ, 14,99 Euro).