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Aufgeschlagen - neue Bücher Liam McIlvanney, Ein frommer Mörder Krimi

AUFGESCHLAGEN LIAM McILVANNEY – EIN FROMMER MÖRDER : Lasterhaftes Leben verabscheut er – und mordet in Serie

Glasgow, Winter 1968/1969. Ein Serienmörder, genannt „Der Quäker“, geht um in der schottischen Metropole. Schon drei junge Frauen hat er auf dem Gewissen. Vergewaltigt, mit ihren Strumpfhosen erdrosselt und drapiert liegen sie in den dem Verfall preisgegebenen Abrisshäusern der Millionenstadt, die sich sozial und städtebaulich im Umbruch befindet: Mietskasernen müssen modernen (Büro-)Hochhäusern weichen, „ganze Straßenzüge verschwanden.

Familien wurden auseinandergerissen. Manche zogen in die gesichtslosen Sozialbauten am Stadtrand, aber die meisten verschwanden. Sie landeten in den neuen Trabantenstädten an der Küste oder wanderten nach Kanada oder den USA aus.“

Trotz äußerst umfangreicher Nachforschungen der Polizei verlaufen die Ermittlungen im Sande.  Tausende aufgezeichnete Aussagen von Zeugen, enorme Aktenberge sowie ein Phantombild nach den Angaben einer völlig betrunkenen Zeugin – das ist alles, was die Recherche bisher ergeben hat. Der Druck der Politik und der Öffentlichkeit wächst ständig.

Da wird DI Duncan McCormack, ein aufstrebender katholischer Inspektor aus den Highlands, abgeordnet, um den Städtern zu zeigen, wie die festgefahrene Ermittlung fortgeführt oder gar ganz beigelegt werden kann. Die Polizisten der Großstadt fühlen sich von dem Jungspund aus den Bergen bevormundet und gehen zu ihm auf Distanz. Doch da wird noch eine vierte Frauenleiche gefunden … McCormack erkennt nun die wahren Hintergründe der Tat. Es gelingt ihm, einen Unschuldigen von den Vorwürfen zu entlasten.

Das Ende dieses beispielhaften Whodunit ist kaum vorherzusehen, ziemlich überraschend. Neben dem eigentlichen Kriminalfall überzeugt Liam McIlvanney durch eine überaus gute Sprache und das keinesfalls lehrmeisterliche Einarbeiten der schottischen Geschichte allgemein in sein Werk. Für Krimifans ein Muss!

Übrigens - McIlvanney. War da nicht schon mal was? Doch. Ganz sicher. Denn Liams Vater, William McIlvanney, hat geradezu drei „Klassiker“ der schottischen Kriminalliteratur geschrieben. Sie behandeln nicht nur soziale Missstände, sondern auch gesellschaftliche Umbrüche der 1970/1980er Jahre. Da hatte Liam einen großen Lehrmeister. Ihm zeigt er sich aber gewachsen.  Für „Ein frommer Mörder“ erhielt er 2018 den „Bloody Scotland Prize“.                                                                           Jörg Lehn

Liam McIlvanney, Ein frommer Mörder. Krimi. Aus dem Englischen von Sabine Lohmann, Paperback, Wilhelm Heyne Verlag München 2021, 448 Seiten, 14,99 Euro.