1. Meinung

Buchkritik zu Joachim Meyerhoffs Roman "Hamster im hinteren Stromgebiet"

Literatur : Schreiben, um gesund zu werden

Über einen Schlaganfall und seine Folgen mehr als 300 Seiten zu schreiben – das wäre wohl auch für Thomas Mann, Meister des seitenlangen Satzes und ebensolcher Gedankenflüge, eine immense Herausforderung gewesen.

Im fünften Band seiner auf sechs Folgen angelegten autobiografischen Serie „Alle Toten fliegen hoch“ stellt sich ihr der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff sehr direkt und ganz ohne Diskretion. Sein Bericht entbindet seine behandelnden Ärzte sozusagen von der Schweigepflicht, weil er selbst freimütig über alles berichtet, was ihm widerfährt.

Von den ersten Symptomen dieser Durchblutungsstörung im Gehirn über den Krankheitsverlauf bis hin zur Entlassung aus dem Krankenhaus neun Tage später führt der Autor minuziös Tage- oder besser Stundenbuch über seine Befindlichkeiten, zunächst auf der Intensivstation, wo er, nur durch Vorhänge getrennt, mit Schicksalsgenoss(inn)en zusammentrifft, über deren Zustand er sich, nun ja, ein wenig lustig macht und auch ein gewisses Überlegenheitsgefühl durchschimmern lässt. Nicht jeder ist nun mal in der Lage, einen ziemlich harschen Schicksalsschlag in Worte zu fassen.

Meyerhoff jedenfalls kann es. Nicht nur nimmt er die temporäre Einschränkung seiner Beweglichkeit zum Anlass, selbst intimste Körperfunktionen zu beschreiben (die freilich mit einer Prise Humor und (Selbst-)Ironie serviert werden); er nimmt die Zwangsruhe zum Anlass, sein bisheriges 50-jähriges Leben Revue passieren zu lassen, wobei das Private eindeutig im Vordergrund steht. Nur einmal bringt er seine Befürchtung zum Ausdruck, was aus ihm werden könnte, wenn er seinen erlernten Beruf aufgrund geistiger Einschränkungen (seitenweise Texte lernen!) vielleicht nicht mehr ausüben kann. Dafür berichtet er ausführlich über seine Beziehungen zur Freundin, zu den Töchtern und zum Bruder, über gemeinsam verbrachte und durchlittene Ferien. Schreiben, um wieder gesund zu werden: Man kann das Buch als eine Ansammlung von Banalitäten abtun, die außer dem Autor und den Seinen dem Rest der Welt ziemlich egal sein könnten. Man kann diesen Erlebnis- und Erleidensbericht allerdings auch betrachten als Vademecum insofern, als aus heiterem Himmel einen Menschen (der im Grunde jeder von uns sein kann) die Erkenntnis trifft, was wirklich wichtig ist in der Zeit, die man lebendig und in vollem Bewusstsein verbringt.

Rainer Nolden

Joachim Meyerhoff, Hamster im hinteren Stromgebiet, Kiepenheuer & Witsch, 307 Seiten, 24 Euro.